Schulempfehlungen

Schüler befürchten ungleiche Benotung

Die neuen Aufnahmekriterien für die weiterführenden Schulen sorgen an den meisten Grundschulen für Ärger und Verwirrung bei den Eltern. Wie berichtet, entscheidet künftig der Notendurchschnitt darüber, ob ein Kind einen Platz an der Sekundarschule oder dem Gymnasium seiner Wahl erhält oder nicht.

Das hat eine Debatte darüber entfacht, inwieweit die Notengebung der einzelnen Grundschulen vergleichbar ist.

Aufregung herrscht zum Beispiel bei den Eltern an der Kronach-Grundschule an der Lichterfelder Moltkestraße. An dieser Grundschule gibt es bis zum Ende der dritten Klasse keine Zensuren. Die ersten Noten stehen auf dem Halbjahreszeugnis der vierten Klasse. "Seit es die neuen Kriterien gibt, haben die Eltern einen gewissen Anspruch entwickelt", sagt Schulleiter Rainer Belusa. So zögen sie unter anderem Vergleiche mit den Nachbargrundschulen. Die Kronach-Schule sei für ihre strenge Notengebung bekannt. Eine mit einer Zwei benotete Arbeit könnte an einer anderen Schule noch mit einer Eins bewertet werden. Dennoch seien seine Schüler dafür bekannt, bestens für die weiterführende Schule vorbereitet zu sein. Aus diesem Grund hätten die Kronach-Schüler auch immer gut Chancen gehabt, einen Platz an der Schule ihrer Wahl zu bekommen. Jetzt jedoch reicht der gute Ruf, von einer bestimmt Grundschule zu kommen, allerdings nicht mehr aus.

Was zählt sind die Noten, denn nur dieses Auswahlkriterium hat im Falle einer Klage vor Gericht bestand. Das hat auch Rainer Belusa erkannt und das Bewertungssystem nicht zuletzt auf Druck der Eltern heruntergesetzt. "Gab es vorher bei einer Leistung von 98 Prozent die Note eins, wird sie jetzt noch bis 95 Prozent vergeben", sagt der Schulleiter. Damit will er seinen Schülern die gleichen Chancen wie allen anderen einräumen. Generell, so Rainer Belusa, bleibe das Problem der Vergleichbarkeit der Grundschulnoten bestehen. Das könne seiner Ansicht nach nur gelöst werden, wenn es am Ende der Grundschulzeit Zentralarbeiten gäbe, die von externen Leuten durchgeführt und korrigiert werden würden.

Auch Sascha Steuer, Bildungsexperte der CDU-Fraktion, fordert eine bessere Vergleichbarkeit der Grundschulnoten. "Der Senat sollte in diesem Zusammenhang prüfen, ob Modelle anderer Bundsländer übernommen werden könnte", sagt Steuer. Er halte den Notenschnitt für ein wichtiges Kriterium. Eine Schule könnte sich aber auch unter Hinzunahme weiterer Auswahlkriterien, die ihrem Profil entsprächen, Schüler aussuchen.

Ähnlich sieht es Mike Senftleben von der FDP-Fraktion. Sie begrüßt, dass das Notenprinzip für die Aufnahme entscheidend sei, erwartet aber, dass die Schulen sich nicht einseitig auf die Notengebung verlassen. Auch Senftleben fordert eine bessere Vergleichbarkeit der Noten, um sie als belastbares Kriterium im Auswahlverfahren heranziehen zu können.

Einig sind sich die beiden Politiker darin, dass die Abkehr vom Fahrtzeitenprinzip - also je näher der Schüler wohnt, desto größer die Chance auf den Platz - ein richtiger Schritt war. Die Gymnasien könnten jetzt den Zugang selbst mit individuellen Aufnahmekriterien regeln.

Dass die Rektoren davon auch Gebrauch machen wollen, bestätigt Andreas Wolter vom Bezirkselternausschuss Reinickendorf. Er habe von verschiedenen Schulleitern gehört, dass sie sich genau die Kinder ansehen wollen und neben dem Notendurchschnitt auch andere Kriterien, wie Neigung und Interessen, einbeziehen wollen. Mehr Schrecken verbreite an der Heiligensee-Grundschule, wo er Elternvertreter ist, die Abschaffung der Geschwisterregelung. So kann es passieren, dass zwei Kinder einer Familie auf verschiedene Schulen müssen.

Dazu komme die Angst, dass die Schüler den Stoff aufgrund des hohen Krankenstands der Lehrer nicht schaffen und deshalb ungenügend auf das Gymnasium vorbereitet sind. Immerhin, so Andreas Wolter, erhielten etwa 70 Prozent der Heiligensee-Grundschüler eine Empfehlung für das Gymnasium. Positiv sieht er, dass es jetzt ein Probejahr statt eines Halbjahres gibt. Das erlaube den Kindern einen leichteren Wechsel in eine andere Klasse.