Interview

"Bankrotterklärung der Bahn"

Seit zwei Jahren steckt die S-Bahn in der Krise, seit mehr als einem Monat im Winterchaos. Über Ursachen und Auswege sprach Morgenpost-Reporter Markus Falkner mit Hans-Werner-Franz, Geschäftsführer des Verkehrsverbundes Berlin-Brandenburg (VBB).

Berliner Morgenpost: Herr Franz, in dieser Woche war Bahn-Chef Rüdiger Grube im Verkehrsausschuss des Abgeordnetenhauses. Konkrete Aussagen zu Verbesserungen oder Entschädigungen gab es nicht. Wie enttäuscht waren Sie?

Hans-Werner Franz: Ich war sehr enttäuscht, dass es zu einigen Kernpunkten keine Aussagen gab. Natürlich hätte der Bahn-Chef sagen können, wir entschädigen in einer Größenordnung wie im Vorjahr. Er hätte auch konkretere Aussagen machen können, wie er sich die nächsten Hochlaufstufen bei der S-Bahn vorstellt.

Berliner Morgenpost: Die Bahn nennt Konstruktionsmängel an den Zügen als Hauptursache für die Krise. Ist das eine Begründung, die Sie überzeugt?

Hans-Werner Franz: Nein, die Behauptung überzeugt nicht. Und sie ist auch sehr mutig, weil die Fahrzeuge bis ins Detail so gebaut worden sind, wie die Bahn sie bestellt hatte. Es sind bei der Produktion der Fahrzeuge auch alle damals geltenden Normen eingehalten worden. Die Züge sind ausgeliefert worden, die S-Bahn hat sie geprüft und abgenommen. Sie haben dann viele Jahre zur Zufriedenheit funktioniert. Ich darf daran erinnern, dass wir 2005 und 2006 Pünktlichkeitsquoten von 97 Prozent hatten. Die Probleme gingen los, als die S-Bahn begann, Werkstätten zu schließen und in Größenordnungen Personal einzusparen. Wir können nachweisen, dass die Qualität ab 2007 schlechter geworden ist. Die Aussage, dass es an der Konstruktion der Fahrzeuge liege, ist bis heute nicht von neutraler Stelle bewiesen. Bewiesen ist, dass Wartungen unterlassen worden sind, dass Prüfaufträge des Eisenbahn-Bundesamts nicht erfüllt wurden, dass man die Aufsichtsbehörde beschwindelt hat.

Berliner Morgenpost: Da die Bahn keine Angaben zum Zeitplan für Verbesserungen macht. Wann rechnen Sie mit einer Entspannung?

Hans-Werner Franz: Ich rechne schon damit, dass wir - wenn das Wetter besser wird - im April einen besseren Fahrplan bekommen. Ich rechne auch damit, dass wir im nächsten Winter weniger Probleme bekommen werden als in diesem.

Berliner Morgenpost: Wie soll das gehen?

Hans-Werner Franz: Wenn im Laufe dieses Jahres neue Achsen und neue Räder eingebaut sind, gelten nicht mehr die heutigen strengen Sicherheitsauflagen. Es können im Laufe des Jahres wohl auch wieder höhere Geschwindigkeiten gefahren werden. All das führt zu einer Stabilisierung des Fahrplans. Ich rechne auch damit, dass die Bahn endlich genug Personal einsetzt. Und ich rechne damit, dass das große Dilemma, das wir bei DB Netz erlebt haben, sich nicht wiederholen wird. Jetzt hat man hoffentlich aus den Fehlern gelernt. Ich verlasse mich auf Aussagen der Bahn, dass man genügend Personal einstellen und qualifizieren werde.

Berliner Morgenpost: Welche Rolle spielt dabei der Bund als Eigentümer der Deutschen Bahn?

Hans-Werner Franz: Die Krise der S-Bahn in der Bundeshauptstadt Berlin wird weltweit kritisch betrachtet und schadet massiv dem Standort Deutschland. Vor diesem Hintergrund ist es überhaupt nicht akzeptabel, dass der Bund die Situation so lange gar nicht als sein Problem anerkannt und immer nur auf die Verantwortung der Bahn verwiesen hat. Ich erwarte jetzt, dass der Bundesverkehrsminister seine Ankündigung wahr macht und schnellstmöglich mit den Ländern Berlin und Brandenburg einen Ausweg aus dem Dilemma findet.

Berliner Morgenpost: Jetzt hat das Bundesverkehrsministerium eine Diskussion über eine Erneuerung der S-Bahn-Flotte angestoßen. Wie hilfreich ist das in der aktuellen Situation?

Hans-Werner Franz: So, wie die Bahn-Vertreter im Verkehrsausschuss es betrieben haben, ist das eine Scheindiskussion. Es ist nicht hilfreich, jetzt darüber zu schwadronieren, dass wir für zwei Milliarden Euro neue Züge kaufen. Wir haben die Situation, dass zum Ende des Vertrages im Jahr 2017 etwa ein Viertel der S-Bahn-Züge das Ende ihres Lebenszyklus erreicht haben. Der Rest wird weiter im Einsatz sein. Was unbedingt geschehen muss, ist, dass diese Züge - konkret also die Baureihe 481 - sofort so ertüchtigt werden, dass sie ihre Leistung weiter erbringen können. Wenn die Bahn jetzt Aussagen macht, dass mit den alten Fahrzeugen kein dauerhaft stabiler Betrieb zu machen sei, dann ist das eine Bankrotterklärung. Selbst wenn man heute alle Fahrzeuge neu bestellen würde, hätte man zum Vertragsende erst einen Teil. Es würde eine weitere Periode von fünf Jahren dauern, bis alle neuen Züge produziert sind. Folglich hätten wir noch elf oder zwölf Jahre eine mehr oder minder katastrophale Situation bei der S-Bahn. Allein der Gedanke, dass sich die Bahn damit abfinden könnte, ist schon eine Frechheit.