BBI

Von der Arbeit direkt zur Demo

Trillerpfeifend und den etwas holperigen Protestvers "Nordbahn Abflug geradeaus - Fluglärm aus Berlin heraus" skandierend, ziehen die Demonstranten vom S-Bahnhof Lichtenrade über die Bahnhofstraße bis zur Bundesstraße B 96.

Die neu gegründete Bürgerinitiative (BI) "Lichtenrade-Mahlow-Nord" hatte gestern Abend zur zweiten "Montagsdemo gegen den Fluglärm" eingeladen. Und erneut sind weit mehr Bürger als erwartet gekommen, darunter viele Familien mit Kleinkindern, Rentner sowie Männer in Anzügen, die sich offenbar von der Arbeit kommend, noch mit der Aktentasche unter dem Arm in den Protestzug einreihen. "Unfassbar, dass wir so viele Menschen mobilisieren konnten", sagt Günter Haße von der BI.

Unterstützung aus Mahlow

Der Protest gegen die geplanten Flugrouten des Großflughafens BBI weitet sich aus. Nachdem an der ersten "Montagsdemo gegen den Fluglärm" vor einer Woche rund 1000 Menschen teil genommen hatten - die Organisatoren hatten im beschaulichen Lichtenrade lediglich mit 50 gerechnet - demonstrieren gestern nach Angaben der Veranstalter rund 2000 Menschen am S-Bahnhof Lichtenrade. Viele Demonstranten kommen aus der Nachbargemeinde Mahlow sowie den Berliner Stadtquartieren in Rudow, Marienfelde, Steglitz und Zehlendorf. Seitdem die Deutsche Flugsicherung im September neue Abflugrouten für BBI bekannt gegeben hatte, formiert sich der Protest. Denn entgegen den bisherigen Planungen sollen die Flugzeuge bei Abflügen in Richtung Westen von der nördlichen Startbahn nach Norden abknicken. "Dabei sollen die Flugzeuge nicht mehr wie bisher in 3000 Meter Entfernung, sondern plötzlich in niedriger Flughöhe und in nur 500 Meter Entfernung südlich von Lichtenrade geführt werden", so Simon Lietzmann, ebenfalls Mitglied der Bürgerinitiative Lichterade/Mahlow-Nord. Nach Angaben der Initiative sollen rund 200 000 Anwohner betroffen sein.

Seitdem die geänderten Flugrouten vor sechs Wochen bekannt wurden, haben sich rund 30 Bürgerinitiativen gegründet: Sie fürchten Lärmbelästigung und den Wertverlust ihrer Häuser. Lietzmann hat vor vier Jahren für seine Familie in Lichtenrade ein Haus gebaut. "Natürlich haben wir uns informiert, waren sogar im Informationsbüro des BBI", sagt der 35-Jährige. Doch dort habe man ihn gefragt, "was wollen Sie hier eigentlich, Lichtenrade ist nicht betroffen". Nicht nur der "Betrug" sondern auch die Untätigkeit der verantwortlichen Bundesministerien erzürnt die Lichtenrader.

"Und wir sind maßlos enttäuscht von den zuständigen Ministerien und Senatsverwaltungen, die nicht einfach den Vorschlägen der Deutschen Flugsicherung folgen sollen, sondern sie prüfen", sagte Ingeborg Weber, die bereits seit 26 Jahren in Lichtenrade wohnt.

Am Abend dann lädt die FDP-Fraktion im Abgeordnetenhaus zu einem Bürgerinformationsabend in das Lokal "Tomasa-Zehlendorf". Thema: "Vogelgezwitscher oder großer Vogel? Was kommt nun?" Zwischen 250 und 300 Gäste sind gekommen. Gartenstühle von der Terrasse müssen ins Lokal gebracht werden, damit alle Teilnehmer Platz finden.

Von der FDP zu diesem Bürgerdialog eingeladen sind: Helmut Breidenbach, Präsident der Bundesvereinigung gegen Fluglärm, Marela Bone-Winkel, Mitbegründerin der Bürgerinitiative "Keine Flugrouten über Berlin" und Elmar Giemulla, Honorarprofessor für Luftrecht an der TU-Berlin. Kurzfristig abgesagt hat Ralph Prüsse von der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung zuständig für Grundsatzangelegenheiten der Luftfahrt, der Routenplanung und für die Zusammenarbeit mit der Deutschen Flugsicherung (DFS). Als seine Absage bekannt gegeben wird, gibt es höhnisches Gelächter.

Ein düsteres Zukunftsszenario entwirft Helmut Breidenbach hinsichtlich eines Nachtflugverbots. Hier sei eine bundesweite Gesetzesänderung in Arbeit, die das Nachtflugverbot stark im Sinne der Flughafenlobby verändern würde.

Eine der Hauptforderungen ist immer wieder eine Offenlegung aller Daten und Zahlen seitens der Politik. Einen interessanten Einwand liefert dann noch einmal Helmut Breidenbach. Falsch sei, dass bei zwei gleichzeitigen Starts sich beide Flieger im 15-Grad-Winkel voneinander entfernen müssen. "Es müssen zusammen 15 Grad sein", sagt Breidenbach. "Es reicht, wenn eine Maschine den 15-Grad-Winkel der Route einhält, oder aber je Flugzeug 7,5 Grad." "Davon hatte ich bislang noch nichts gehört", sagt Sabine Engelbrecht. "Das ist doch ein Punkt, den die Verantwortlichen mal prüfen müssen."

Runder Tisch am 29. Oktober

Vielleicht klärt sich das bis zum 29. Oktober. Dann soll an einem Runden Tisch versucht werden, die in den unterschiedlichen Bürgerinitiativen organisierten Gegner der geplanten Flugrouten zusammenzubringen. Dabei soll über die Möglichkeit einer Zusammenarbeit gesprochen werden, heißt es auf der Internetseite des Bürgervereins Brandenburg-Berlin (BVBB). Ein erstes Treffen am vergangenen Freitag in Schloss Diedersdorf südlich von Berlin zeigte bereits, wie schwierig das werden wird. Während der Bürgerverein BVBB bereits seit zehn Jahren fordert, dass der Großflughafen BBI in Schönefeld überhaupt nicht in Betrieb gehen dürfe, wollen die meisten der neu gegründeten Initiativen lediglich eine Änderung der Flugrouten erreichen. Anders als der BVBB, der sich nach wie vor für den Bau des Flughafens in Sperenberg einsetzt, stellen die Berliner Initiativen den Ausbau von Schönefeld bislang nicht in Frage.

Nach Ansicht von Juristen ist ohnehin keine Eile geboten: Erst wenn das Bundesaufsichtsamt für Luftsicherheit Ende Mai 2012 die Flugrouten für den Großflughafen in Schönefeld formell festschreibt, kann gegen die Bundesrepublik geklagt werden.