Maßregelvollzug

Gewalttäter gelingt exakt geplante Flucht

Offenkundig gut vorbereitet und mit der Hilfe mindestens eines Komplizen ist gestern in den frühen Morgenstunden einem Häftling die Flucht aus dem Maßregelvollzug gelungen. Der 31-jährige Sönmez B., ein mehrfach vorbestrafter Drogenabhängiger, Gewalt- und Sexualstraftäter, hatte in seiner Zelle im Maßregelvollzug am Lindenberger Weg in Buch eine plötzliche schwere Erkrankung vorgetäuscht und seine sofort eingeleitete Behandlung im Krankenhaus zur Flucht genutzt.

Von ihm und seinem Helfer fehlt bislang jede Spur.

Sönmez B. war um 2.40 Uhr in Begleitung eines Pflegers und eines Wachmannes ins Helios-Klinikum gefahren worden. Er hatte zuvor heftige Schmerzen vorgetäuscht, sodass man beschlossen hatte, ihn ins Helios-Klinikum Buch zu bringen. Was seine Begleiter nicht ahnten: Als sie mit dem gefesselten Gefangenen dort eintrafen, wartete ein Komplize des Häftlings schon mit dem Fluchtwagen vor dem Krankenhaus.

Als Sönmez B. ins Behandlungszimmer der Notaufnahme gebracht wurde, lag er auf einer Trage, mit einem Gurt festgeschnallt. Seine Hände waren zusätzlich gefesselt. Irgendwann, das wusste der Ausbrecher, würden seine Handfesseln gelockert werden. Diesen Moment, so hatte es B. geplant, wollte er ausnutzen. Und der Plan ging auf: Als die Fesselung gelöst worden war und Sönmez B. untersucht werden sollte, sprang er plötzlich auf, riss sich von seinen Bewachern los und stürmte aus dem Raum.

Der Pfleger und der Wachschutzmitarbeiter, beide völlig überrascht, verfolgten Sönmez B., konnten ihn aber nicht mehr einholen. B. rannte zum Ausgang und sprang in das Auto, in dem sein Fluchthelfer wartete. Im nächsten Moment schoss der Wagen, nach Angaben von Zeugen ein dunkler Mercedes, mit aufheulendem Motor davon.

Nach Angaben von Regina Kneiding, Sprecherin der für den Maßregelvollzug zuständigen Senatsgesundheitsverwaltung, wurde sofort die Polizei alarmiert, die eine Fahndung auslöste. Derzeit überprüft sie unter anderem alle ihr bekannten Adressen von Freunden, Verwandten und Bekannten des Geflohenen.

Sönmez B. ist bei Polizei und Justiz kein Unbekannter. Die Mehrzahl der von ihm seit gut einem Jahrzehnt verübten Straftaten - zumeist Raub - standen im Zusammenhang mit seiner Drogensucht. Vor sechs Jahren ist er zudem wegen schwerer Sexualdelikte wie Vergewaltigungen verurteilt worden. Im Jahr 2003 hatte B. vier Prostituierte sexuell missbraucht und nach dem Gerichtsurteil bis 2008 eine Gefängnisstrafe verbüßt.

Gericht entscheidet über Freilassung

Die nach der Freilassung begangenen Raubtaten führten zur Unterbringung im sogenannten Maßregelvollzug, der unter bestimmten Voraussetzungen für psychisch kranke oder suchtkranke Straftäter angeordnet wird. Die Unterbringung ist unbefristet. Anders als in Haftanstalten können die Insassen intensiv ärztlich betreut und therapiert werden. Über eine mögliche Entlassung - etwa nach erfolgreicher Therapie - entscheidet ein Gericht, das nach Empfehlungen der behandelnden Ärzte und externer Gutachter befindet. Vor einer Entlassung gibt es üblicherweise stufenweise Vollzugslockerungen.

Eine Maßnahme, die nicht ohne Risiko ist: Eine solche gewährte Lockerung des Strafvollzuges ist im Frühjahr dieses Jahres einer 53 Jahre alten Frau zum Verhängnis geworden. Sie war im Mai von einem 39-Jährigen drei Tage lang in einer Wohnung in Wedding gefangen gehalten worden. Der wegen Gewaltdelikten vorbestrafte Mann hatte außerhalb des geschlossenen Maßregelvollzugs in einer Einrichtung für betreutes Wohnen an der Wiesenstraße gelebt. Als die 53-Jährige den Mann besuchte, wurde sie dort mit einer Schusswaffe bedroht sowie gefesselt und geknebelt. Der 39-Jährige, der sich zu diesem Zeitpunkt seit 15 Jahren im Maßregelvollzug befand, raubte die Geldbörse und EC-Karten seines Opfers und ließ es hilflos zurück. Nach drei Tagen ohne Nahrung und Wasser konnte sich die Frau aus der Fesselung befreien und sich bemerkbar machen. Ihr Peiniger konnte von Bundespolizisten auf dem Hamburger Hauptbahnhof festgenommen werden. Dem 39-Jährigen wurden sämtliche Vollzugserleichterungen gestrichen; er befindet sich seither hinter Schloss und Riegel.