S-Bahn

Wowereit hat sich viel Zeit gelassen

Jetzt will er es genau wissen. Mit einem blauen Bauarbeiterhelm auf den Kopf steht der Regierende Bürgermeister in der Arbeitsgrube unter dem rot-gelben S-Bahn-Triebwagen. Werkstattmeister Sven Larsen erklärt ihm die Teile im grau-schwarzen Dunkel: Da sitzt der Fahrmotor, das sind die Radscheiben, dazwischen die Welle. Klaus Wowereit schaut interessiert.

"Das sind also die Sachen, von denen man so viel in den Zeitungen liest", sagt er. S-Bahn-Chef Peter Buchner neben ihm nickt, sichtlich bekümmert.

Wowereit erklärt gern mal etwas zur Chefsache. Die seit mehr eineinhalb Jahren andauernde Krise bei der Berliner S-Bahn gehörte nicht dazu. Selbst als im Winter Hunderttausende Berliner auf den Bahnsteigen frierend auf verspätete S-Bahnen warteten, ließ Wowereit es bei ein paar allgemeinen Aufrufen an die Deutsche Bahn bewenden. Gestern nun besuchte Wowereit - erstmals seit Beginn der S-Bahn-Krise vor eineinhalb Jahren - eine Werkstatt der Bahntochter. Die gut einstündige Visite am Morgen in Grünau war eine von sechs Stationen bei seiner Vorwahlkampftour durch den Bezirk Treptow-Köpenick.

Trotz der Kürze des Aufenthalts bekam Berlins Regierungschef dennoch fast die gesamte Palette der aktuellen Themen der S-Bahn präsentiert. Von den Sandstreueinrichtungen, die mit großem Aufwand täglich kontrolliert werden müssen, bis hin zu den maladen Rädern und Achsen, die mehrfach für Schlagzeilen sorgten.

Dass die S-Bahn angesichts der vielen ungelösten Probleme den vollen Fahrplan ab Dezember - wie einst versprochen - nicht wieder fahren wird, stößt bei Wowereit auf Verständnis. "Die Sicherheit der Fahrgäste hat oberste Priorität. Und solche Probleme lassen sich nun mal nicht auf Knopfdruck beseitigen", sagt er. Wowereit geht dennoch davon aus, dass die Situation beim Betrieb der S-Bahn "auf jeden Fall" besser wird. Ob sie auch optimal werde, sei noch die Frage. "Da ist auch Herr Grube gefordert", sagt der Regierende Bürgermeister an die Adresse des Bahnchefs. Die Deutsche Bahn, so Wowereit, müsse mehr Einsatz bei ihrem Berliner Tochterunternehmen zeigen. Dazu gehöre auch, dass die S-Bahn ausreichend Werkstattkapazitäten zur Verfügung hat. Er wolle dies bei seinem nächsten Treffen mit Bahnchef Rüdiger Grube ansprechen.

40 Prozent mehr Personal

Laut S-Bahn-Chef Peter Buchner ist jedoch gerade im Werkstattbereich bereits viel passiert. "Wir haben die Werkstatt in Oranienburg hochgefahren, die in Friedrichsfelde wurde wieder in Betrieb genommen, und in Erkner halten wir eine weitere in Bereitschaft, um dort im Winter Züge aufzutauen und kleinere Instandhaltungsarbeiten ausführen zu können", sagt er. Die seit Juli 2009 amtierende S-Bahn-Führung hat damit frühere Sparbeschlüsse wieder rückgängig gemacht. Vor allem aus Kostengründen hatten die Vorgänger-Chefs gerade im Werkstattbereich massiv den Rotstift angesetzt. Innerhalb der letzten Monate habe sich die Zahl der Werkstatt-Mitarbeiter um insgesamt 40 Prozent auf insgesamt knapp 500 erhöht, so Buchner. Allein im Werk Grünau arbeiten inzwischen mehr als 100 Mitarbeiter in der Instandhaltung, zu Jahresbeginn waren es gerade mal 80. Auch technisch wurden die Werkstätten erheblich aufgerüstet. Um die vielen zusätzlichen Sicherheitskontrollen auszuführen, wurden sechs moderne Ultraschallmessgeräte angeschafft. Mit ihnen wird geprüft, ob die Radwellen Schäden aufweisen. "Bisher haben wir nichts gefunden. Aber die sind aus demselben hochfesten Stahl gefertigt wie die beim ICE", sagt Buchner. Nachdem 2008 in Köln ein ICE wegen einer gebrochenen Achse entgleist war, musste sich auch die S-Bahn zu zusätzlichen Checks verpflichten. Weitere Auflagen kamen hinzu, nachdem am 1. Mai 2009 ein S-Bahn-Zug in Kaulsdorf nach einem Radbruch aus den Schienen sprang.

Aufgrund der vielen Werkstattkontrollen kann die S-Bahn bis heute nur rund drei Viertel ihrer Fahrzeugflotte im normalen Linienverkehr einsetzen. Grundsätzlich wird sich daran erst etwas ändern, wenn alle als nicht fest genug eingestuften Räder und Achsen ersetzt sind. Begonnen werden soll mit dem Austausch bei den 500 Zügen der Baureihe 481 im November. "Pro Tag sollen zwei Viertelzüge neue Radsätze erhalten, pro Monat wollen wir 40 schaffen", sagt Buchner.

Auch ein zweites Problem will die S-Bahn bis Ende nächsten Jahres beseitigt haben. Die Besandungsanlagen der Züge, eine Art Anti-Blockier-System für Schienenfahrzeuge, erhalten eine elektronische Füllstandskontrolle. Zusätzlich werden bei den rund 570 betroffenen Zwei-Wagen-Einheiten auch noch eine Streukontrolle und Heizungen eingebaut, damit der Sand im Winter nicht einfriert. Erst wenn all diese Arbeiten ausgeführt sind, können die Anfang des Monats eingeführten täglichen Sandbehälter-Kontrollen an den Zügen entfallen.

Gewerkschaft warnt SPD

Ob all die auf den Weg gebrachten Verbesserungen den Senat davon abhalten werden, Teile des S-Bahn-Betriebs ab 2017 in andere Hände zu geben, dazu sagt Wowereit an diesem Tag nichts. Will er doch offenbar seiner Partei nicht vorgreifen, die am 13. November dazu einen Parteitagsbeschluss fassen will. Zur Diskussion steht dort einerseits die von Verkehrssenatorin Ingeborg Junge-Reyer bereits angekündigte europaweite Ausschreibung eines Teilnetzes, konkret der Ringbahnlinien. Alternativ wird die von den Parteilinken favorisierte Direktvergabe des Auftrags an die landeseigene BVG diskutiert.

Die Eisenbahner-Gewerkschaft Transnet fordert von der SPD in einem offenen Brief, auf eine Ausschreibung auf jeden Fall zu verzichten. Unter Kampfpreisen und einem zu erwartenden Verdrängungswettbewerb würden am Ende alle Berliner leiden, heißt es in dem Schreiben. "Eine Zerstückelung des Verkehrsnetzes wäre der Anfang vom Ende der S-Bahn", warnt der Berliner Transnet-Chef Klaus Just. Auch eine Direktvergabe an die BVG lehnt er ab. Dies würde schnell zu Diskussionen über parallel betriebene Verkehrsbetriebe führen, mit - wie Transnet meint - "fatalen Folgen für die Belegschaften".