Interview mit Dagmar Reim

"Berlin nimmt keinen Schaden"

Die Intendanten der Rundfunkanstalten der ARD und die Europäische Rundfunkunion haben sich am Dienstag darauf verständigt, dass der Eurovision Song Contest 2011 in Düsseldorf stattfinden wird.

Ein solcher Ausgang der Ausschreibung war vorher bereits vielfach vermutet worden, wurde in Berlin aber trotzdem mit großem Bedauern aufgenommen. Die Bundeshauptstadt war mit dem Flughafen Tempelhof als Veranstaltungsort ins Rennen gegangen. Die Intendantin des Rundfunks Berlin-Brandenburg (RBB), Dagmar Reim, stimmte überraschend ebenso wie ihre Kollegen aus den anderen Sendern für Düsseldorf - und damit gegen Berlin. Über die Gründe sprach mit Morgenpost-Redakteurin Christine Eichelmann mit Dagmar Reim.

Berliner Morgenpost: Frau Reim, die Entscheidung für Düsseldorf ist einstimmig gefallen. Das heißt, auch Sie als Intendantin des RBB haben Ihre Stimme nicht Berlin, sondern der Rhein-Metropole gegeben. Warum?

Dagmar Reim: Ich habe nicht ,nicht für Berlin' gestimmt, das muss ich hier ausdrücklich betonen. Es ist bei einer Entscheidung wie dieser zum Austragungsort des Eurovision Song Contest sehr wichtig, dass in der ARD alle Beteiligten mit einer Stimme sprechen. Natürlich hätte ich mich wie viele andere gefreut, wenn der Wettbewerb nach Berlin gekommen wäre. Das steht ja völlig außer Frage. Die Veranstaltung hätte sehr gut in diese Stadt gepasst. Auch das ist unbestritten. Es ging aber für die ARD und für die beteiligten Sender um eine Entscheidung über eine Sendung, genau genommen über einen Abend, der vielleicht nahezu 20 Millionen Euro kosten wird. Und der bei einem Votum für Berlin als Austragungsort mehrere Millionen Euro teurer geworden wäre als in Düsseldorf. Das sind die Fakten, auf deren Grundlage wir entscheiden mussten.

Berliner Morgenpost: Waren diese Details vorher nicht bekannt? Sie hatten sich im Vorfeld ja für Berlin als Austragungsort ausgesprochen.

Dagmar Reim: Nein, das war nicht bekannt. Wir haben zur Schaltkonferenz am Dienstag die genauen Angaben vom NDR bekommen, der die Zahlen akribisch ermittelt hat. Sie waren dann aber so eindeutig, dass die Entscheidung so fallen musste.

Berliner Morgenpost: Wie viel höher wären die Kosten in Berlin denn voraussichtlich gewesen?

Dagmar Reim: Um einen Betrag im hohen einstelligen Millionenbereich. Die Kosten werden verteilt auf die Sender, und zwar nach dem Anteil der Rundfunkanstalten am Gebührenschlüssel. Der RBB trägt somit 6,6 Prozent der Kosten, ganz egal, wo der ESC stattfindet. Die Frage, wer bezahlt die Mehrkosten in Berlin, kann auch keiner beantworten, der jetzt die Entscheidung für Düsseldorf beklagt.

Berliner Morgenpost: Wieso haben Sie sich der Stimme nicht enthalten?

Dagmar Reim: Wieso hätte ich das tun sollen? Mein Kollege Lutz Marmor (Intendant des Norddeutschen Rundfunks, Anm. der Red.) hätte sich dann ja ebenfalls enthalten müssen. Er vertrat gleich zwei Bewerberstädte. Wie gesagt: Berlin wäre ein ausgezeichneter Ort für den Contest, Tempelhof wäre eine fantastische Location. Aber ich kann die wirtschaftliche Vernunft doch nicht einfach ausblenden.

Berliner Morgenpost: Aber hatten Sie als Intendantin des Hauptstadtrundfunks RBB nicht trotzdem Bauchschmerzen bei einer Entscheidung, die auch dem Image von Berlin schadet?

Dagmar Reim: Meiner Meinung nach schadet es Berlin imagemäßig nicht, denn: Die Stadt ist eine junge, hippe Metropole, ein Ort mit großen Anziehungspunkten, eine Stadt der Kreativen mit ohnehin hohen Zuwachsraten im Tourismusgeschäft. Wir haben bereits ganz viele tolle Veranstaltungen hier. Natürlich, ich wiederhole mich noch einmal, hätte der Eurovision Song Contest hervorragend hierher gepasst. Aber Berlin nimmt letztlich keinen Schaden dadurch, dass der Wettbewerb jetzt nicht hier stattfindet.

Berliner Morgenpost: Viele Kritiker der Entscheidung sagen, dass Berlin schon als Hauptstadt und Aushängeschild der Bundesrepublik die bessere Visitenkarte für unser Land gewesen hätte. Schließlich hat sich bei den Veranstaltungen in den vergangenen Jahren eine Austragung in den jeweiligen Hauptstädten absolut etabliert. Die Kostenfrage war aber offensichtlich auch gegenüber diesem Argument die ausschlaggebende ...

Dagmar Reim: Die ARD bezahlt diese Veranstaltung aus den Gebührengeldern, die wir als Treuhänder verwalten. Wenn Sie vor der Entscheidung stünden, mehrere Millionen zusätzlich auszugeben dafür, dass Berlin und nicht Düsseldorf die Veranstaltung ausrichtet - würden Sie für eine solche Entscheidung geradestehen wollen? Ich finde es unverantwortlich, zu sagen, wir machen das, auch wenn es viel teurer wird, nur weil es schöner ist. Die Zeitungen sind die Ersten, die uns immer wieder fragen, ob wir mit dem Geld unserer Zuhörer und Zuschauer verantwortlich und wirtschaftlich umgehen. Und sie fragen das absolut zu Recht.

Berliner Morgenpost: Fehlt Berlin denn dann zumindest für die Zukunft ein öffentlicher Veranstaltungsort, der in einer ähnlichen Situation eine Entscheidung für die Hauptstadt möglich machen würde?

Dagmar Reim: Das halte ich für reine Spekulation. Berlin hat große Event-Locations. Wir haben ausgezeichnete Veranstaltungsorte, und es gibt ja auch viele Großveranstaltungen hier, die das zeigen. Wir sollten uns doch freuen, dass die Berliner Messehallen, das ICC oder zum Beispiel die O2 World so gut gebucht sind. Die Bedingungen für den ESC sind einfach ganz besondere. Nicht alle Veranstaltungen brauchen so einen langen Vorlauf. Sechs Wochen für Aufbau und Proben, das ist wirklich sehr ungewöhnlich.