Joachim Bovelet

"Ich kann doch nicht überall sparen und bei mir nicht"

Steigt Joachim Boevelt in seinen silberfarbenen Dienstwagen, dann sieht er eher aus wie der Chef einer Kreissparkasse und nicht wie der Manager von Berlins größtem landeseigenen Krankenhauskonzern mit mehr als 13 000 Beschäftigten.

Der Vivantes-Chef kurvt nämlich mit einem Smart durch die Stadt. Die schwarzen Audi-Limousinen für die Geschäftsführung hat der Chef abgeschafft, dafür 25 Zweisitzer angeschafft. Nicht einmal einen Fahrer gönnt sich der 54-jährige Jurist und Topmanager (Jahresgehalt 429 000 Euro). Bovelet fährt Bovelet. Seine Begründung: "Ich kann doch nicht überall sparen und bei mir nicht."

Die Firmenzentrale von Vivantes ist auf dem Gelände einer ehemaligen Nervenheilanstalt, in einem alten, efeuumrankten Backsteingebäude an der Oranienburger Straße in Reinickendorf. Man fährt durch einen Park, bis man zum Ausgang kommt. An der Schranke des Klinikgeländes stoppt Bovelet den Wagen und sucht nach einem Parkticket, mit dem sich die Schranke öffnen lässt. Er findet keins im Wagen. Das Hindernis hält den Geschäftsführer eines Unternehmens mit acht Kliniken und mehreren Pflegeheimen nicht auf. Kurzerhand reißt er das Lenkrad nach rechts, steuert den Smart haarscharf an der geschlossenen Schranke vorbei und hat sichtlich Spaß bei der frechen Aktion.

Nicht reden, sondern handeln

Bovelet gilt als Macher, als einer, der nicht lange drum herumredet, sondern handelt, notfalls auch über die Köpfe anderer hinweg. Ein Manager, der sein Jurastudium in Köln und Münster absolviert hat und sich dabei rheinischen Humor bewahrt hat. "Bovelet ist schlitzohrig und sehr intelligent", so lautet die Charakterisierung des Vivantes-Lenkers aus dem Mund des gesundheitspolitischen Sprechers der CDU-Fraktion, Mario Czaja. Eigentlich ist es egal, wen man in der Berliner Gesundheitsszene fragt: Das Urteil über Bovelet fällt immer positiv aus. "Bovelet ist ein Profi, der offen ist für Argumente, ein geräuschloser Sanierer und ein guter Krankenhaus-Manager", sagt Barmer-Chef Hermann Schmitt. "Eine starke Persönlichkeit und ein verlässlicher, fairer Vertragspartner", assistiert AOK-Chef Frank Michalak. Die Vorsitzende der Berliner Krankenhausgesellschaft (BKG), Brit Ismer, hält den Vivantes-Chef für "diplomatisch". Ihm gelinge der schwierige Spagat, ein landeseigenes Unternehmen, das stets im Fokus der Politik steht, geschickt zu führen.

Die Marktmacht der Vivantes-Gesellschaft, die mit 5218 Betten gut ein Viertel der rund 20 000 Berliner Klinikbetten vorhält, sei dem Juristen nicht zu Kopf gestiegen. Keine Spur von Napoleon-Komplex (Bovelet ist 1,65 Meter groß). Er sei "teamfähig und bodenständig", skizziert der gesundheitspolitische Sprecher der Fraktion Die Linke im Abgeordnetenhaus, Wolfgang Albers. Parteigenossin und Gesundheitssenatorin Katrin Lompscher will ihren Klinik-Manager und dritten Vivantes-Chef auch nicht mehr missen und hat ihm gerade seinen Arbeitsvertrag vorfristig verlängert - bis zum Jahr 2017. So viel Lob kann einem schnell zu Kopf steigen. Bovelet gibt sich bescheiden. Von sich selbst sagt der Mann, der in dem 7000-Einwohner-Ort Glehn in NRW aufgewachsen ist, dass er sich nicht so wichtig nehme. "Ich kann über jede Entscheidung noch mal 24 Stunden schlafen, bevor ich sie fälle. Ein Arzt kann das nicht."

Der erste Außentermin des Vivantes-Geschäftsführers ist an diesem Montag das Kinderhospiz Sonnenhof in Pankow. Die Einrichtung gehört nicht zu Vivantes. Bovelet engagiert sich trotzdem. Kinderhospize sind ihm wichtig. In Olpe hat er einst das erste Kinderhospiz in Deutschland errichtet. Bovelet ist kein Aufschneider, aber ein knallharter Entscheider. Das Krankenhaus Prenzlauer Berg zum Beispiel: Die Vivantes-Klinik an der Fröbelstraße wird als stationäre Einrichtung geschlossen, die Betten ins Krankenhaus im Friedrichshain verlagert. Die Klinik-Auflösung wird geräuschlos durchgezogen.

Der Vivantes-Chef ist auch ein Netzwerker. Im März 2007 hat er als Geschäftsführer bei Vivantes angefangen. Innerhalb kurzer Zeit hat er Kontakte zu Politikern aller Berliner Parteien und zu den Verantwortlichen im Gesundheitswesen geknüpft. Damit unterscheidet er sich vom ersten Vivantes-Chef Wolfgang Schäfer, der mit dem unterkühlten Charme eines unnahbaren Investmentbankers, immer perfekt gekleidet, immer distanziert, die Parlamentarier in den Ausschusssitzungen in ihre Schranken wies. Bovelet ist von anderem Kaliber. Er geht gleich auf die Abgeordneten zu, auch wenn er als Chef einer GmbH eigentlich nur dem Aufsichtsrat, vielleicht noch dem Senat, aber nicht jedem Politiker Rechenschaft schuldig ist.

Bovelet hat heute andere Probleme als der erste Vivantes-Chef. Als Wolfgang Schäfer vor fast zehn Jahren die Leitung der Krankenhausgesellschaft NET-GE - so hieß der Zusammenschluss aller neun städtischen Kliniken anfangs - übernahm, war das Unternehmen gerade mit einem folgenschweren Geburtsfehler auf die Welt gekommen: Es hatte 220 Millionen D-Mark Schulden. Der damalige Senat war von der irrigen Annahme ausgegangen, Vivantes könne seine überflüssigen Klinikflächen einfach verkaufen und sich so entschulden. De facto rutschte der Konzern fast in die Insolvenz. "Vivantes wurde als ungeliebtes Kind auf die Welt gebracht", resümiert Schäfer rückblickend. Plötzlich stand wieder infrage, ob sich ein kommunales Klinikunternehmen wirklich aus eigener Kraft sanieren könne oder ob das Land Berlin seine Kliniken nicht doch an private Betreiber veräußern müsse. Erst der dauerhafte Lohnverzicht der Ärzte und Schwestern und die Entschuldung von Vivantes durch das Land Berlin brachte die Genesung des Klinikunternehmens. Etwa 3000 Mitarbeiter haben seit der Gründung Vivantes verlassen, ohne betriebesbedingte Kündigungen.

Das kommunale Unternehmen schreibt seit Jahren schwarze Zahlen. "Entweder das Management ist gut, dann muss man es machen lassen, oder es ist schlecht, dann muss man es austauschen", lautet Bovelets pragmatische Devise. Er ist kein Verfechter einer Klinikprivatisierung nur um der Privatisierung willen. Vielmehr glaubt er an die Sanierungskraft eines kommunalen Betriebs. Seine Antwort auf eine Privatisierung ist die kommunale Aktiengesellschaft für Vivantes. Mit diesem Modell überraschte er die Berliner Politik in diesem Sommer. Auch das ist typisch Bovelet - der Mann ist für Überraschungen gut. Mit der kommunalen AG wollte er das Investitionsproblem von Vivantes lösen, Geld am Kapitalmarkt akquirieren. Etwa 500 Millionen Euro braucht der Konzern zur Renovierung seiner Kliniken und zur Modernisierung der Medizintechnik bis zum Jahr 2015. Es ist eher unwahrscheinlich, dass das Land dieses Geld bereitstellen wird, obwohl es gesetzlich in der Pflicht wäre. Bovelets Vorschlag wurde mit Interesse aufgenommen, mehr ist nicht passiert.

Vertrag bis 2017 verlängert

Entschlossen legt Bovelet den Rückwärtsgang ein bei seinem Dienst-Smart. Nach dem Termin im Kinderhospiz fährt er zurück in die Vivantes-Konzernzentrale nach Reinickendorf. Nach dreieinhalb Jahren in Berlin findet er auch ohne Navigationsgerät den Weg. In der Woche wohnt er am Viktoria-Luise-Platz in Schöneberg, am Wochenende fährt er nach Olpe. Dort arbeitet seine Frau als Religions- und Lateinlehrerin, seine vier Töchter leben in der Kreisstadt. Nachdem sein Vertrag als Vivantes-Chef bis 2017 verlängert wurde, will sich Bovelet eine größere Wohnung in Berlin suchen. "Ich fühle mich inzwischen als Berliner."

Bovelet lacht, während er von seinem Frauenhaushalt erzählt. "Sie glauben gar nicht, wie viele Paar Schuhe es bei uns gibt." Wenn er in Olpe einkaufen geht, muss er für jede Tochter eine anderes Haarshampoo und eine andere Bodylotion mitbringen, erzählt er. Beruflich hat Bovelet ebenfalls eine selbstbewusste Frau an seiner Seite: Dorothea Dreizehnter ist Geschäftsführerin für Klinikmanagement. Die Medizinerin gilt als sehr starke Persönlichkeit. In Kreisen der Vivantes-Belegschaft wird bereits kolportiert, Frau Dreizehnter avanciere zur heimlichen Chefin des Unternehmens.

Gleich zum Wochenstart hat Bovelet eine Besprechung mit Frau Dreizehnter, an der er besonders ihre "fachlichen Qualitäten" schätzt und die er als "absolut durchsetzungsstark" bezeichnet. Die weibliche Konkurrenz scheint er nicht zu fürchten. Gelassen lehnt er sich im Stuhl zurück, debattiert mit ihr die neue politische Lage: Die Charité darf ihren Bettenturm sanieren, voraussichtlich. Der politische Wille des Senats: Die 300 Jahre alte Universitätsklinik und die knapp zehn Jahre alte Vivantes sollen enger zusammenarbeiten. An diesem Vormittag ruft Charité-Chef Karl Max Einhäupl gleich zweimal an, will mit dem Vivantes-Manager die neue Strategie festzurren. Bovelet kann's recht sein.