Nahverkehr

"Der heutige Zustand der S-Bahn war vorauszusehen"

Die ehemalige Geschäftsführung der Berliner S-Bahn wehrt sich gegen Kritik aus der Konzernspitze. In einem offenen Brief an Verkehrssenatorin Ingeborg Junge-Reyer (SPD) und die Fraktionen im Abgeordnetenhaus greift Ernst-Otto Constantin, bis 2002 S-Bahn-Geschäftsführer für Arbeit und Soziales, Bahn-Chef Rüdiger Grube und Personenverkehrsvorstand Ulrich Homburg scharf an.

Grubes Äußerungen vor dem Verkehrsausschuss, wonach die Ex-Chefs der S-Bahn vorzeitig auf Gewährleistungsansprüche gegenüber dem Zughersteller Bombardier verzichtet hätten, seien "mehr als eine Unwahrheit", heißt es in dem Schreiben, das der Berliner Morgenpost vorliegt. "Diesen vorzeitigen Verzicht gibt es nicht." Falsch seien auch Behauptungen, es habe bei der S-Bahn in früheren Zeiten keine Qualitätskontrolle gegeben. Diese sei erst im Rahmen des Personalabbaus unter dem vom Konzern eingesetzten Technikchef Ulrich Thon abgeschafft worden. Die damalige Geschäftsführung habe "nachdrücklich" davor gewarnt, das vom Konzern initiierte Sparprogramm "Optimierung S-Bahnen", kurz OSB, umzusetzen. "Wir waren dazu nicht bereit, weil wir besorgt waren, dass die vorgesehenen Maßnahmen die S-Bahn ruinieren würden", schreibt der Ex-Geschäftsführer.

Früher fuhren die Züge im Winter

Verantwortlich für den verordneten Sparkurs war nach Constantins Darstellung der heutige DB-Vorstand Homburg, damals Chef der Bahntochter DB Regio. "Er sorgte auch dafür, dass Herr Thon zum Zwecke der Umsetzung des gesamten Unsinns später zum Geschäftsführer der S-Bahn und alleinzuständig für die Technik gemacht wurde", heißt es in dem offenen Brief und weiter: "Der heutige Zustand der S-Bahn war vorauszusehen."

Unterdessen hat die Grünen-Spitzenkandidatin für die Berliner Abgeordnetenhauswahl, Renate Künast, heftige Kritik am Krisenmanagement des Regierenden Bürgermeisters Klaus Wowereit geübt. In Berlin gebe es nun seit zwei Jahren S-Bahn-Katastrophen. "Entweder war es zu kalt oder es war zu warm, immer hatten wir Probleme mit der Bahn. An der Stelle nicht zu agieren und systematisch für Veränderungen zu sorgen, sondern immer nur zu Neujahr zu weinen, es ein Debakel zu nennen und dann Entschädigung zu fordern, das ist nicht O.K.", meinte Frau Künast. Deshalb sei sie "da ganz selbstbewusst: Das kann ich besser".

Zwei Jahre S-Bahn-Krise und mehr als ein Monat Winterchaos haben auch bei den Berlinern Spuren hinterlassen. Im aktuellen Berlin-Trend, für den Infratest Dimap im Auftrag der Berliner Morgenpost und der RBB-"Abendschau" am 5. und 6. Januar 1000 wahlberechtigte Berliner befragte, nannte die Mehrzahl (21 Prozent) den Verkehr als wichtigstes Problem der Hauptstadt. Die Wartestunden auf zugigen S-Bahnsteigen haben zu einer deutlichen Verschiebung der Problemwahrnehmung geführt. Im Berlin-Trend vor zweieinhalb Jahren, also vor dem Ausbruch der S-Bahn-Krise, hatten nur zwei Prozent der Befragten den Verkehr als wichtigstes Problem genannt.

Vor allem Ältere sind es, die sich mit den unregelmäßig verkehrenden Zügen und liegen bleibenden Bussen herumschlagen. Die Gruppe der über 60 Jährigen gewichtet das Verkehrsproblem mit 27 Prozent deutlich stärker als die Jüngeren.

An Bedeutung verloren haben aus Sicht der Berliner die Probleme mit der Arbeitslosigkeit. Überdurchschnittlich oft nannten aber Menschen zwischen 45 und 59 den Arbeitsmarkt als besonders bedeutsames Thema. Dennoch bleibt der Arbeitsmarkt nach der Verkehrskrise die wichtigste Aufgabe für eine neue Regierung. Zumal acht Prozent der Befragten das mit dem Arbeitsmarkt eng verknüpfte Thema der wirtschaftlichen Situation der Stadt für das wichtigste Problem halten - ebenfalls ein Rückgang um zwei Prozent. Unverändert hoch ordnen die Befragten die Probleme mit Bildung, Schule und Ausbildung ein. Für 15 Prozent ist das das wichtigste Thema, wobei die Eltern-Generation der 35- bis 44-Jährigen die Lösung der Bildungsprobleme zu 21 Prozent als besonders dringlich einschätzt.

Nach Verkehr, Arbeitslosigkeit und Bildung fallen andere Probleme deutlich ab. So nennen sieben Prozent die soziale Ungerechtigkeit als wichtigstes Problem, immerhin ein Anstieg um zwei Punkte gegenüber dem Vergleichswert von vor zweieinhalb Jahren. Sechs Prozent geben an, die ihrer Ansicht nach schlechte Integration der Ausländer sei vordringlich zu lösen (plus zwei Punkte). Dagegen hat eines der landespolitischen Hauptthemen an Brisanz verloren. Die Verschuldung des Landes und die Haushaltslage halten nur noch fünf Prozent für die wichtigste Herausforderung. Das sind nur noch knapp halb so viele wie vor zweieinhalb Jahren.