Sport

Eine Boxerin macht Mädchen stark

Der Geruch von kaltem Schweiß liegt in der Luft. Hüpfseile schlagen im Takt auf den Holzboden der Turnhalle und sorgen für eine ganz eigene Rhythmusspur. Dazu dröhnen Hip-Hop-Klänge aus den Boxen, die das Adrenalin oben und die Atmung flach halten sollen.

Zwanzig Mädchen schinden sich an diesem Abend in Kreuzberg an den Seilen, über ihren Köpfen baumeln lederne Säcke. Sie machen sich fit für den Ring.

Mitten im Treiben steht Sarah Bitterling und ruft Kommandos: "Schneller!", "Gebt alles, Mädels!" Die Neuköllnerin trainiert die "Boxgirls", Berlins einzigen Frauen-Boxverein, und fühlt sich wohl in der Halle, mag den Schweiß. Das Leben der 31-Jährigen dreht sich ums Boxen: Wenn sie nicht gerade andere trainiert, dann steigt sie selbst in den Ring. Und am Wochenende sagt sie anderen Amateurboxern, wo es lang geht. Denn Sarah Bitterling ist auch Berlins einzige amtierende Punkt- und Ringrichterin.

"Sport war schon immer wichtig für mich, angefangen mit Judo über Feldhockey und schließlich Partnerakrobatik", sagt sie. Das alles habe sie aber nicht richtig ausgelastet. Erst als eine Freundin sie vor neun Jahren mit zum Boxtraining nahm, fand Sarah Bitterling ihre Leidenschaft. Wie viel Überwindung sie ihr erster Schlag gekostet hat, daran erinnert sie sich noch genau: "Bei meinem ersten Training im Ring musste ich drei Schläge hintereinander einstecken, bevor ich mich getraut habe." Seitdem hat sie niemand mehr dazu ermuntern müssen, aus der Deckung zu kommen.

In ihrem zierlichen Körper steckt Spannung. Man sieht ihrem Schritt die Energie an, für die Sarah Bitterling ein Ventil braucht. In jedem Fall fällt es schwer zu glauben, dass die dunkelblonde Frau schon 31 Jahre alt ist. Das kurze Haar, die gepiercte Unterlippe, die weiten Baggy-Pants: Auf den ersten Blick könnte man sie für einen frechen, kleinen Jungen halten. "Das höre ich oft, ich werde immer viel jünger geschätzt", sagt sie. Doch meist dauere es nicht lange, bis die Leute merkten, dass sie trotz ihrer Jugendlichkeit ernst zu nehmen ist.

Sich und anderen etwas beweisen, die eigenen Grenzen verschieben - das scheint ein roter Faden in Sarah Bitterlings Leben zu sein. Nach dem Schulabschluss macht sie eine Ausbildung als Erzieherin, dann holt sie ihr Fachabitur nach. Mittlerweile studiert Sarah Soziale Arbeit an der Alice-Salomon-Hochschule in Hellersdorf. Ihr Traum ist es, nach dem Abschluss hauptberuflich Kindern durch Sportunterricht zu helfen.

Auch deshalb trainiert sie schon jetzt nebenbei die "Boxgirls". Bis zu dreimal die Woche ist Sarah Bitterling in der heruntergekommenen Halle in Kreuzberg und gibt an die anderen Mädchen und Frauen das weiter, wofür sie selbst brennt. Dabei geht es ihr beim Boxtraining aber längst nicht nur um den Sport. "Was wir hier vermitteln, sind Kompetenzen wie Selbstbehauptung und sicheres Auftreten." Die Mädchen, die zum großen Teil aus sozial benachteiligten Familien in Kreuzberg und Neukölln stammen und von denen viele einen Migrationshintergrund haben, sollen sich selbstbewusst auf den Straßen und in ihrem Alltag bewegen.

"Einige erfahren zu Hause und in der Schule wenig Anerkennung, haben das Gefühl, den Anforderungen nicht gerecht zu werden", sagt Sarah. Das erzeuge Frust, den die Mädchen beim Boxen ganz gut los werden könnten. "Und damit meine ich nicht, dass sie ihren Körper als Waffe einsetzen", schiebt Sarah sofort nach. Dieser Punkt ist ihr wichtig.

Bevor die Mädchen anfangen dürfen, lässt Sarah Bitterling sie eine Erklärung unterschreiben, die sie selbst "Ehrenkodex" nennt. Die Nachwuchsboxerinnen verpflichten sich darin, draußen auf der Straße nicht einfach drauflos zu schlagen. Wer Boxen als Ventil für Aggressionen missverstehe, der sei in diesem Sport falsch. "Zu viel Emotion macht blind und sorgt dafür, dass man unbeherrscht wird", sagt sie.

Die Mädchen lernen stattdessen, auch in Stresssituationen ruhig zu bleiben. "Ich erinnere mich an eine Kleine, die in den ersten Stunden kaum den Mund aufgemacht hat und sofort rot wurde, wenn man sie angesprochen hat", sagt Sarah. Mittlerweile sei das Mädchen eine der Wortführerinnen in der Gruppe, neulich hat sie sogar ein Fernsehinterview gegeben.

"Handschuhe an, Mundschutz rein!", mit diesen Befehlen beendet Sarah Bitterling das Konditionstraining. Während Julia* sofort losstürmt, einem anderen Mädchen die Handschuhe entreißt und selbst überstreift, zupft ein untersetztes, dunkelhaariges Mädchen noch unentschlossen an ihrem T-Shirt herum. "Ich komme hierher, weil ich es gut finde, dass man fit wird", sagt Andrea* leise. Seither jedenfalls werde sie in der Schule nicht mehr so herumgeschubst, und bei diesem Satz blickt sie zum ersten Mal auf.

Selbstbewusstsein tanken, nicht vor der Konfrontation zurückscheuen, die eigenen Grenzen kennenlernen - das bringt Sarah Bitterling den Mädchen bei. "Wir wollen gerade, dass sie stark genug werden, um Auseinandersetzungen zu vermeiden", erklärt sie. Wer boxt, lerne andere besser zu lesen. Man nehme seine Umwelt aufmerksamer wahr und sei sich der eigenen Schwächen bewusster.

Dass Boxen auch für Frauen eine spannende Sache ist, spricht sich herum unter den Mädchen. Mittlerweile gibt es eine zweite Gruppe bei den "Boxgirls" und immer weniger lassen sich abschrecken von blöden Kommentaren, die es manchmal von den Jungs aus der Klasse oder von Brüdern gebe. "Klar geht es beim Frauenboxen auch darum, mit Klischees zu brechen", gibt Sarah Bitterling zu.

Als sie mit dem Boxen angefangen hat, galten Frauen im Ring noch als Exoten. Auch heute noch reagierten viele überrascht, wenn Sarah Bitterling von ihrem Hobby erzählt. Ob sie das wundert? "Eigentlich nicht", gibt sie zur Antwort. Boxen heiße eben, körperlich und psychisch auf der Höhe zu sein. Und das flößt vor allem Männern Respekt ein.

Ihre eigene Wettkampfkarriere ist tatsächlich noch ausbaufähig: Bislang steht nur ein Kampf auf ihrer Startkarte, den Sarah Bitterling klar nach Punkten verloren hat. "Trotzdem habe ich mich unterm Strich ganz gut geschlagen, denn ich wusste vorher nicht, dass meine Gegnerin fünf Jahre Kickbox-Erfahrung hatte."

Dass sie seither nicht mehr in den Ring gestiegen ist, hat viel mit der aufwendigen Vorbereitung zu tun: Um fit zu werden, müsse man drei bis vier Mal die Woche laufen, den kompletten Ernährungsplan umstellen, vier bis fünf Mal die Woche in die Halle. "Und das war mir einfach zu viel, neben der Ausbildung, dem Fachabitur und jetzt dem Studium", sagt Sarah. Stattdessen konzentriert sie sich auf das Boxtraining, verbringt einen großen Teil ihrer Zeit damit. "Es gibt mir unheimlich viel zu sehen, wie die Mädchen wachsen und sich weiterentwickeln", sagt Sarah und in ihrer Stimme schwingt Stolz mit bei diesem Satz.

Weitermachen, die eigenen Grenzen verschieben - das lebt Sarah ihren Schützlingen auch vor. "So nebenbei", wie sie sagt, durchlief sie die Ausbildung zur Punkt- und später zur Ringrichterin. Heute ist Sarah die einzige amtierende Frau in Berlin mit dieser Qualifikation und stört sich nicht an dieser weiteren Sonderrolle. Von Machogehabe und blöden Sprüchen jedenfalls dürfe man sich nicht abschrecken lassen. Was sie sich anfangs denn so anhören musste? "Na, dass weibliche Boxer doch alles Lesben seien." Mittlerweile verstehe sie sich bei Punktkämpfen aber mit den meisten Männern gut, schließlich beherrsche sie das Regelwerk so gut wie die anderen. Immerhin: Die Abschlussprüfung beim Berliner Boxverband machte sie zusammen mit 20 Männern. "Aber am Ende hatte ich die beste Note", sagt sie.

Und zu ihrer eigenen sexuellen Orientierung möchte Sarah Bitterling nichts sagen. Sie findet, dass das keine Rolle spielt. Dafür, dass sie Männerbastionen schleift und genau das tut, worauf sie Lust hat, will sie keine Rechtfertigung finden müssen.

* = Namen von der Redaktion geändert