Interview

"Wer verzichtet schon gern"

In diesem Jahr wird in der Jüdischen Gemeinde zu Berlin gewählt. Seit drei Jahren ist Lala Süsskind (64) Vorsitzende. Als sie antrat, galt die Gemeinde als zerstritten. Hat sich mit Lala Süsskind etwas verändert, sind neue Probleme aufgetaucht? Will die Vorsitzende das Amt noch einmal übernehmen? Katrin Schoelkopf sprach mit Lala Süsskind über ihre Bilanz.

Berliner Morgenpost: Frau Süsskind, was war Ihr schönstes Erlebnis, Ihr größter Erfolg als Vorsitzende der Gemeinde?

Lala Süsskind: Das kann man so gar nicht so sagen. Das sind eher so Kleinigkeiten, die einen fröhlich machen. Ein Erfolg war am Anfang, dass Ruhe in der Gemeinde eingekehrt ist und wir ein gutes Miteinander mit dem Senat hatten. Aber es ist ja auch so, dass jüdische Gemeinschaften sehr diskussionsfreudig sind, um das mal nett auszudrücken. Es gibt immer Menschen, die sich letztlich profilieren wollen. Das merkt man jetzt wieder, denn wir sind ja wieder kurz vor den nächsten Wahlen. Aber ansonsten haben wir aber doch sehr vieles gemacht.

Berliner Morgenpost: Zum Beispiel?

Lala Süsskind: Glücklich hat mich gemacht, dass wir ungefähr vor zwei Jahren die Verhandlungen mit der Claims Conference abschließen konnten. Daran haben ja schon unsere Vorgänger und Vorgänger und Vorvorgänger gearbeitet. Wir haben es innerhalb von knapp zwei Jahren geschafft, dass es endlich zum Abschluss gekommen ist. Demzufolge haben wir jetzt das ganze Areal an der Augustraße 11 bis 13 in Mitte erhalten.

Berliner Morgenpost: Das ist erfreulich. Es gibt aber auch turbulente Zeiten. Die Gemeinde steht vor der Insolvenz. Als Sie im Januar 2008 antraten, waren sie voller Optimismus. Ist der Ihnen mittlerweile vergangen?

Lala Süsskind: Es gibt betrübliche Tage. Vor allem wussten wir natürlich, dass die finanzielle Situation der Gemeinde nicht die beste ist, dass sie aber so katastrophal ist, wie wir es jetzt bescheinigt bekommen haben, haben wir alle nicht erwartet.

Berliner Morgenpost: Woran liegt es, dass die Gemeinde in diese Situation gekommen ist?

Lala Süsskind: Das Gröbste ist entstanden, weil die Betriebsrenten unserer Angestellten falsch berechnet worden sind, nie angepasst worden sind. Leider Gottes ist der Vorstand vor uns, der davon schon Ende 2005 wusste, zwei Jahre diesbezüglich total untätig gewesen.

Berliner Morgenpost: Der Vorstand vor Ihnen war der unter Gideon Joffe, der jetzt Chef der in die Schlagzeilen geratenen Treberhilfe ist.

Lala Süsskind: Ja. Wir haben dann im April 2008 erst einmal die Versorgungsordnung schließen lassen und gesagt, die Leute, die wir ab 2008 eingestellt haben, kriegen keine Betriebsrente mehr.

Berliner Morgenpost: Die Repräsentanz hat doch aber diesen Sparkurs abgelehnt. Droht jetzt tatsächlich die Insolvenz?

Lala Süsskind: Ja, der Sparkurs wurde zunächst abgelehnt. Es gibt auch berechtigte Einwände. Aber ich hoffe, dass wir im Februar oder spätesten im März so weit sind, dass wir unseren Sparkurs dann absegnen könne. Ich bin ganz sicher, dass dennoch eine Flut von Klagen unserer Mitarbeiter kommen wird. Wer verzichtet schon gern darauf, was er eigentlich erwartet.

Berliner Morgenpost: Wird die Gemeinde überleben?

Lala Süsskind: Die Gemeinde besteht schon seit mehr als 300 Jahren. Ich hoffe, dass sie auch weiterhin Bestand haben wird. Denn wir haben ungefähr 330 Mitarbeiter und 11 000 Gemeindemitglieder. Die müssen bedient werden. Wir müssen Schule, Kindergarten, Jugendzentrum, die Sozialstation weiterhin anbieten. Deswegen hoffe ich doch sehr, dass wir einen Konsens mit unseren Mitarbeitern finden. Wir werden uns aber auch mit unserem Finanzsenator Ulrich Nußbaum treffen und ihn fragen "Junge, was nun?". Den kennen wir noch nicht.

Berliner Morgenpost: Herr Nußbaum war noch nie bei Ihnen, obwohl der Senat die Gemeinde mit mehreren Millionen Euro im Jahr bezuschusst und der Gemeinde jetzt die Insolvenz droht?

Lala Süsskind: Nein, der kennt uns noch gar nicht. Wir haben gesagt, dass wir erst einmal alles errechnen müssen, um zu wissen, wie schlimm es wirklich aussieht.

Berliner Morgenpost: Der Leiter des Moses-Mendelssohn-Zentrums, Julius Schoeps, ist 2006 - auch wegen der Misswirtschaft - aus der Gemeinde ausgetreten. Er behauptet, die Gemeinde bekommt zu viel Geld vom Senat, erbringt keine eigenen Anstrengungen und drängt ihre Mitglieder nicht zu Mitgliedsbeiträgen. Hat er Recht?

Lala Süsskind: Wir hätten natürlich mehr Einnahmen, wenn Leute wie Schoeps, die wirklich Geld verdienen, in der Gemeinde wären. Man darf doch nicht vergessen, wir haben ungefähr 80 Prozent Zuwanderer. Viele dieser Menschen, die nach 1990 gekommen sind, waren schon relativ alt und konnten in ihren Berufen nicht Fuß fassen, weil auch die Bundesregierung ihre Qualifikation nicht anerkannt hat.

Berliner Morgenpost: Und deswegen sind die Mitgliedsbeiträge zu gering?

Lala Süsskind: Wissen Sie, ich habe mir einmal die Frage erlaubt, warum es in Israel so boomt. Die Zuwanderer konnten dort sofort einsteigen, da ihre Berufe fast alle anerkannt wurden. Deutschland hat sich leider Gottes keinen Dienst erwiesen, diese Berufe hier nicht anzuerkennen. Sie müssen mal sehen, was bei uns in der Gemeinde so Hausinspektor heißt, das sind Ingenieure. Die sind also weit unter dem eingestiegen, was sie tatsächlich können. Demzufolge kriegen sie natürlich auch nur die Gehälter für das, was sie tun, und nicht für das, was sie tatsächlich erlernt haben. Dass wir zu viel Geld ausgeben, nö. Klar, man kann hier und dort sparen. Das machen wir ja auch. So wurden jetzt die Päckchen, die wir zu Pessach an unsere 1900 Bedürftigen verteilen, gestrichen. Das sind 20 000 Euro. Wir haben auch Stellen, die nicht mehr besetzt werden, gestrichen. Und sparen so knapp 900 000 Euro ein. Mehr geht ganz einfach nicht, weil sie im Kindergarten nicht einfach fünf Erzieher wegnehmen können. Das wäre idiotisch.

Berliner Morgenpost: Angesichts dieser finanziellen Probleme, wollen Sie noch einmal für das Amt der Vorsitzenden antreten?

Lala Süsskind: Soll ich es Ihnen ganz ehrlich sagen. Ich weiß es noch nicht. Manche Tage sage ich, nie wieder, Gott behüte. Und dann sage ich, nein einige von den Alten, dazu zähle ich mich, sollten schon bleiben, um Kontinuität zu gewährleisten. Aber: Es gibt auch noch andere wunderschöne Sachen im Leben, die man genießen sollte. In den letzten drei Jahren habe ich drei Enkelkinder bekommen. Leider Gottes ist meine Tochter mit der einen Enkeltochter in München, und ich kann nicht hinfahren, wenn ich will, weil ich einfach keine Zeit habe. Und das ist schon etwas, was mich ärgert. Aber selbst, wenn ich nicht kandidieren sollte, heißt das nicht, dass ich mich nicht einbringen werde.

Berliner Morgenpost: Bis wann werden Sie eine Entscheidung zu Ihrer Kandidatur getroffen haben?

Lala Süsskind: Die nächsten Wahlen werden im Oktober, November sein. Ich denke mal, dass man sich spätestens bis zum Sommer entscheiden sollte.

Berliner Morgenpost: Ein anderes wichtiges Thema. Ist der Antisemitismus noch eine bedrohliche Größe für die Gemeinde oder kann man von Entwarnung sprechen?

Lala Süsskind: Also Entwarnung kann es überhaupt nicht geben. Als wir hier angetreten sind, haben wir einen Antisemitismus-Beauftragten ins Leben gerufen, weil der Antisemitismus eben nicht weniger wird. Er scheint sich aber ein wenig gewandelt zu haben. Die meisten antisemitischen Äußerungen und Vorfälle, die wir in Berlin haben, dort wo jüdische Menschen wirklich tätlich angegriffen worden sind, sind zu 95 Prozent Angriffe von Menschen mit Migrationshintergrund - sprich von muslimischer Seite. Und da hat sich die Qualität verändert. Das ist etwas, was uns wahnsinnig bedrückt.

Berliner Morgenpost: Was kann dagegen getan werden?

Lala Süsskind: Wir versuchen eigentlich alles. Wir führen hier Gespräche - interreligiöse Gespräche. Wir sind jetzt gerade an zwei Objekten dabei. Das ist das Petri-Platz-Projekt in Berlin-Mitte, wo ein Sakralbau für die drei abrahamitischen Religionen geplant wird, das andere ist das Projekt "Interreligiöser Dialog auf dem Tempelhofer Feld", wo wirklich alle Religionsgemeinschaften dabei sein sollen. Wir bringen uns überall ein, wo es heißt, wir wollen miteinander klarkommen. Ich habe persönlich auch Kontakte zu türkischen Communities. Selbstverständlich war ich auch in der Moschee am Columbiadamm. Selbstverständlich laden wir uns auch gegenseitig ein - die türkische Botschaft und wir als jüdische Gemeinde. Und wir haben wunderbare Kontakte miteinander. Unsere Schulen haben Projekte mit muslimischen Schülern. Das sind alles wunderbare Sachen.

Berliner Morgenpost: Aber?

Lala Süsskind: Ich weiß nicht, was man noch machen kann. Wir versuchen alles. Wenn dann aber irgendetwas passiert, wie so etwas mit der Flottille in den Gewässern vor Israel, wo in Facebook Hasstiraden von Muslimen gegen alle Juden, nicht gegen die Israelis, auftauchten und wir hier als jüdische Menschen weltweit in Sippenhaft genommen wurden, bin ich wieder am Boden zerstört. Was kann man denn noch machen? Ich weiß es nicht.