Verkehrsausschuss

Viele technische Erklärungen, aber kaum Antworten

Bahnchef Rüdiger Grube hat in eineinhalb Jahren S-Bahn-Krise eines gelernt: Er macht keine Versprechen mehr.

Am Montag sitzt er vor dem Verkehrsausschuss des Abgeordnetenhauses, jenem Gremium, das er bereits mehrfach durch Terminabsagen verprellt hatte. Seinen Personenverkehrsvorstand Ulrich Homburg und seinen Berlin-Chef Ingulf Leuschel hat er mitgebracht. Beide schweigen zweieinhalb Stunden lang. Nur S-Bahnchef Peter Buchner darf neben Grube reden - sogar zu Fragen, für die er gar nicht verantwortlich ist, wie das offensichtliche Versagen der Bahntochter DB Netz beim Wintereinbruch Anfang Dezember. Fast 70 eingefrorene Weichen hatte es an einem Tag gegeben, an einem anderen mehr als 100 Signalstörungen. Buchner war nach Informationen der Berliner Morgenpost nach Kritik an DB Netz konzernintern abgewatscht worden. Jetzt darf er, wie Grube es formuliert, "offen und ehrlich" Stellung nehmen - und bestätigt doch nur die längst bekannten Zahlen.

Viele technische Erklärungen hat das Bahn-Quartett um Grube mitgebracht, aber kaum Antworten auf die Fragen, die täglich mehr als eine Million S-Bahn-Kunden interessieren. "Wer sich Aufklärung und Antworten von Bahnchef Grube im Parlament erwartet hatte, wurde bitter enttäuscht", sagt Hans-Werner Franz, Geschäftsführer des Verkehrsverbundes Berlin-Brandenburg (VBB) im Anschluss. Wann gibt es eine neue Entschädigung? Wie hoch fällt sie aus? Wann verbessert sich das ausgedünnte Angebot erkennbar?

"Wir denken über eine vernünftige Lösung nach", sagt Grube zum Thema Entschädigung. Weil alle Fahrgäste des Berliner Nahverkehrs profitieren werden, seien aber noch Abstimmungen mit der landeseigenen BVG nötig. Ende Januar werde man sich äußern. Noch vager wird es bei der Frage nach der Rückkehr zur Normalität. Jene sei sein "persönliches oberstes Ziel für 2011", so der Bahnchef. Konkrete Termine werde er angesichts der Vielzahl der technischen Probleme aber nicht mehr nennen. Am Geld zumindest soll es nicht scheitern, betont der Bahnchef. Der Konzern sei bereit, "alles Erdenkliche" zu tun, um eine "stabile Lösung" zu schaffen.

Konkreter wird Grube bei den Gründen für die mindestens seit Juni 2009 andauernde Krise. "Mangelhaft und falsch konstruierte Fahrzeuge" seien die Hauptursache. Hinzu seien unvorhergesehene Sicherheitsauflagen des Eisenbahn-Bundesamtes gekommen, ebenso unvorhersehbare Fehler des ehemaligen S-BahnManagements und die "schlimmste Schneekatastrophe seit 41 Jahren" mit erheblichen Problemen durch Flugschnee (Motoren) und Pressschnee (Weichen).

Zu ähnlichen Ergebnissen - den Winter ausgenommen - war bereits im Februar 2010 ein umstrittenes Gutachten einer Wirtschaftskanzlei im Auftrag der Deutschen Bahn gekommen. Fehler in der Konzernspitze, einen vermeintlich überzogenen Renditedruck etwa, hatten die Gutachter als Auslöser der Krise ausgeschlossen. Kritiker wie VBB-Chef Franz sprechen von einem "Gefälligkeitsgutachten" und monieren, der Konzern habe die S-Bahn jahrelang als "Cash cow" im Vorfeld des Börsengangs missbraucht.

Die Deutsche Bahn habe "keinen Euro an der S-Bahn verdient", betont hingegen Grube. Im Gegenteil. 700 Millionen Euro Minus müsse der Konzern bis 2014 wegen der S-Bahn-Krise verbuchen. Allein für die Jahre 2009 und 2010 summiere sich der Verlust auf 370 Millionen Euro. 120 Millionen Euro werde der Konzern 2011 in die technische Umrüstung der Flotte auf neue Räder und Achsen, verbesserte Motoren und Bremssysteme investieren.

Dass die Züge der modernsten und zahlenmäßig wichtigsten, zugleich aber anfälligsten Baureihe 481 - so wie Grube es darstellt - schon ab Werk mit einer Vielzahl konstruktiver Mängel behaftet sei, weist die Industrie von sich. "Diese Züge sind zum Teil seit 1997 im Einsatz und haben bis in die zweite Hälfte des letzten Jahrzehnts eine sehr hohe Verfügbarkeit von regelmäßig über 98 Prozent gehabt", sagt Ronald Pörner, Hauptgeschäftsführer des Verbandes der Bahnindustrie (VDB). "Sie galten damit bundesweit als Referenz."

Etwaige Konstruktionsmängel der Fahrzeuge hätten sich nach Ansicht Pörners "bis dahin längst bemerkbar gemacht, sei es im Winter- oder im Sommerbetrieb". Spätestens zum Ende der Gewährleistungsfrist machten üblicherweise die Betreiber auf grundlegende Mängel aufmerksam, "so es sie denn gibt". Warum die S-Bahn darauf offenbar freiwillig verzichtete, ist für Grube "ein Krimi", den es noch aufzuklären gilt.

Am Ende hat der Bahnchef - "ganz spontan" - dann doch noch ein Versprechen. Künftig werde er den Berliner Abgeordneten bei Bedarf regelmäßig persönlich Rede und Antwort stehen.