Standpunkt Berlin

Neukölln macht es vor

Wie kommt ein Bezirk wie Neukölln, in dem Menschen aus 120 Nationen wohnen, aus den negativen Schlagzeilen? Wie dämmt man die Fliehkräfte in unserer Gesellschaft ein und ermöglicht allen Bürgern die Teilhabe an der Gesellschaft? Dies waren die Fragen, denen wir uns in der Stiftung Zukunft Berlin stellten und derentwegen wir das Gespräch mit dem Bürgermeister von Neukölln suchten.

In diesem Gespräch entstand die Vision vom Campus Rütli.

"Die Schule der Nation ist die Schule", sagte mein Mann, Johannes Rau, in seiner Berliner Rede "Ohne Angst und ohne Träumereien: Gemeinsam in Deutschland leben". In unseren Kindergärten, Schulen und Hochschulen entscheidet sich, ob Integration in unserem Land gelingt. Hier werden die Grundlagen dafür gelegt, ob junge Menschen das Rüstzeug dafür an die Hand bekommen, soziale, verantwortungsbewusste Bürger zu werden, die sich in unserer Gesellschaft willkommen und gebraucht fühlen und sich einbringen. Damit dies gelingen kann, bedarf es des Engagements und der Verzahnung aller, die an Schule, Bildung, Aus- und Weiterbildung beteiligt sind.

Das Modellprojekt Campus Rütli im Norden von Neukölln versucht diese Erkenntnisse, die wir ja schon lange haben, in die Tat umzusetzen. "In Verantwortung denken, nicht in Zuständigkeiten" ist das Schlüsselwort, dem sich die Verwaltungen des Bezirks und des Senats genauso verschrieben haben wie die Kindertagesstätten, Schulen, die Träger der freien Wohlfahrtspflege, die Volkshoch- und die Musikschule, private Stiftungen und Vereine. Im Zentrum steht das einzelne Kind nach dem Motto: "Kein Kind darf verloren gehen." Seit drei Jahren treffen sich nun schon alle Beteiligten im Arbeitskreis der Akteure und in einer Steuerungsrunde bei Bezirksbürgermeister Heinz Buschkowsky. In den Sitzungen geht es sowohl um die "Hardware", zum Beispiel um Wettbewerbsausschreibungen für bauliche Veränderungen, die Bereitstellung von Räumlichkeiten für ein Elternzentrum oder um den Personalschlüssel, aber auch um die "Software": Wie wachsen die Kollegien einer Grund-, Haupt- und Realschule zusammen; wie werden Stipendienprogramme verankert; wie werden kulturelle Angebote und Sprachfortbildung auch für die Eltern in den Schulalltag eingefügt?

Solche Veränderungen können nicht verordnet werden, sie müssen Schritt für Schritt erarbeitet werden, aber ihr Erfolg lässt sich sehen: Der Jahrgang, der im Jahr des weit über Berlin hinaus bekannt gewordenen Brandbriefs der Rütli-Schule eingeschult worden ist, hat nun die Schule beendet. Von den 120 Schülern haben lediglich zwei keinen Abschluss erreichen können. Eltern melden ihre Kinder, die eine Empfehlung fürs Gymnasium haben, an der Gemeinschaftsschule auf dem Campus an. So wird langsam der Trend umgedreht, dass 50 Prozent der Kinder den Bezirk mit ihren Eltern verlassen, sobald sie die Grundschule beendet haben.

"Wir müssen einander achten und aufeinander achten", waren die mahnenden Worte meines Mannes nach dem Amoklauf des Schülers in Erfurt. Das Klima der Anerkennung, der "Spirit of Rütli", lässt sich nicht nur um die ehemalige Rütli-Schule herum entwickeln.

Christina Rau (53) ist Schirmherrin des Campus Rütli und stellvertretende Stiftungsratsvorsitzende der Stiftung Zukunft Berlin.