Notfall-Reserve

S-Bahn will den Winter beherrschen

Nein, ein Winterchaos wie Anfang 2009 und 2010 soll es bei der Berliner S-Bahn nicht noch einmal geben. Mit großer Entschiedenheit wies die Führung der Bahntochter entsprechende Prophezeiungen zurück. Jüngste Warnungen des Geschäftsführers des Verkehrsverbundes Berlin-Brandenburg (VBB), Hans-Werner Franz, bezeichnete der Technikchef der S-Bahn, Jürgen Konz, als "Panikmache".

Er verwies auf ein umfangreiches Paket kurzfristiger und langfristiger Maßnahmen, mit denen massive Ausfälle und Verspätungen von Zügen, wie sie die Berliner und Brandenburger in den beiden Vorwintern auf den Bahnsteigen frierend erleben mussten, vermieden werden sollen.

Allerdings: Auf eine spürbare Angebotsverbesserung können die Fahrgäste auch nicht hoffen. Anders als etwa von Bahnchef Rüdiger Grube im Januar angekündigt, kann die S-Bahn zum Jahresende nicht zum vollen Fahrplan-Angebot zurückkehren. "Schuld" daran sei eine Reihe von technischen Problemen, die damals nicht absehbar gewesen seien, so S-Bahn-Chef Peter Buchner.

Damit scheint sich offenbar auch der Berliner Senat abzufinden. Das Land warte noch auf die Ergebnisse einer internen Prüfung der Bahn, sagte der Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD) gestern. "Ich befürchte, dass es dann eine veränderte Situation zu den Angaben von damals geben wird", sagte Wowereit mit Blick auf die Vereinbarung zwischen dem Senat und Unternehmen vom Juni. Damals hatte die S-Bahn zugesagt, im Dezember mit 501 einsatzfähigen Viertelzügen wieder zum Normalfahrplan zurückzukehren. Stattdessen will die S-Bahn ihr Angebot erst einmal weiter stabilisieren. Derzeit sind täglich 416 sogenannte Viertelzüge im Einsatz - das sind 74 Prozent der Fahrzeugflotte.

Und dieses Angebot will das Unternehmen möglichst auch bei "extremsten Witterungsverhältnissen" halten, wie Technikchef Konz betonte. Die Probleme der vergangenen Jahre seien inzwischen gründlich analysiert, Lösungen dafür entwickelt und zum Teil bereits umgesetzt worden, sagte Konz. Die Kritik von VBB-Chef Franz wies er zurück. Franz hatte am Montag im Verkehrsausschuss des Abgeordnetenhauses eindringlich vor einem neuen Winter-Desaster gewarnt. Die S-Bahn habe zwar viele Maßnahmen eingeleitet, eine ganze Reihe von Arbeiten werde aber nicht rechtzeitig vor Winterbeginn abgeschlossen sein.

Damit habe der VBB-Geschäftsführer die Fahrgäste "völlig unnötig alarmiert", sagte S-Bahn-Chef Buchner. Alle Bemühungen, den öffentlichen Nahverkehr in Berlin zu stärken, würden durch den VBB-Chef "kaputt gemacht". Die S-Bahn werde aber weiter "um jeden Kunden kämpfen".

Vor allem der reihenweise Ausfall von Fahrmotoren hatte im vergangenen Winter für ein Chaos im S-Bahn-Verkehr gesorgt. Aufgewirbelter Schnee hatte Kurzschlüsse ausgelöst. Verbesserte Isolierungen und Abdeckungen und der Wechsel des empfindlichsten Bauteils, des sogenannten Stators, sollen nun Abhilfe schaffen. Dafür werden jedoch gut fünf Jahre benötigt. Der Austausch der Statoren an den insgesamt 3000 Motoren der modernsten und zahlenmäßig wichtigsten Zug-Baureihe 481 ist bis 2014 geplant. Trotzdem verspricht die S-Bahn schon kurzfristig Entlastung. 150 Motoren sind schon aufgearbeitet, bis Jahresende sollen es 250 bis 300 werden. Weitere 90 Motoren liegen zum schnellen Austausch in den Werkstätten bereit. Konz ist überzeugt, dass die Reserve ausreichen wird.

VBB-Chef Franz hatte das am Montag bezweifelt. Tatsächlich waren nach S-Bahn-Angaben allein im Januar 2010 mehr als 110 Motoren ausgefallen, im gesamten Winter waren es knapp 200. An den schlimmsten Chaostagen streikten bis zu 20 Antriebe in 24 Stunden.

Für ein weiteres Winterproblem haben Techniker der S-Bahn eine kreative Lösung gefunden. Viele Züge konnten im Dezember und Januar nicht fahren, weil gefrorener Schneematsch die Türen blockierte. Helfen sollen nun mobile Teams, die bei Bedarf auf Bahnhöfen und Abstellgleisen ein spezielles Defrosterspray einsetzen - Vorbild ist die Enteisung von Flugzeugen. Auch für die Enteisung ganzer Züge und deren Achsen würden rechtzeitig zusätzliche Werkstattkapazitäten geschaffen und Geräte beschafft, so Konz.

Bestens vorbereitet auf Eis und Schnee sieht sich auch die Bahn-Tochter DB Netze, die für Gleisanlagen, Signale und Weichen der S-Bahn zuständig ist. Die Wintervorbereitung der Signaltechnik werde im Oktober abgeschlossen, sagte Helge Schreinert von DB Netze. Weichenheizungen würden geprüft, zusätzliche Ersatzteile lägen bereit. Bei extremen Wetterlagen stünden bis zu 700 Räumkräfte bereit, um die Schienen schneefrei zu halten.

Unabhängig von der Wintervorbereitung machen der S-Bahn jedoch altbekannte Technik-Probleme schwer zuschaffen. Dazu gehört in erster Linie der erforderliche Austausch der Radscheiben und Achsen bei fast 600 Zwei-Wagen-Einheiten. Im November soll der Wechsel der nicht ausreichend festen Radsätze bei den Triebwagen der älteren Baureihe 485, von denen derzeit gerade einmal vier Viertelzüge einsatzbereit sind, beginnen. Die Umrüstung der 500 Doppelwagen der Baureihe 481 wird bis Ende 2011 dauern.

Zweites Dauerproblem sind die Bremsanlagen. Aufgrund von Sicherheitsbedenken des Eisenbahn-Bundesamtes (EBA) muss die S-Bahn die Sandstreueinrichtungen, die für kürzere Bremswege auf schmierigen Gleisen sorgen, nun täglich kontrollieren. Weil die Züge für diese Kontrollen zeitweilig aus dem Verkehr gezogen werden müssen, werden pro Tag 15 Ersatzzüge gebraucht. Die zeitraubenden Kontrollen können erst dann wegfallen, wenn in den Wagen zusätzliche elektronische Messeinrichtungen eingebaut sind, mit denen die Funktion der Streuanlagen kontrolliert werden kann. Auch das dauert laut Buchner noch bis Ende 2011.

Neue Fahrzeuge anzuschaffen, wie es etwa die Berliner Grünen oder der S-Bahn-Betriebsrat fordern, ist für Buchner keine Lösung. Bis eine ausreichend große Zahl neuer Züge bereitstünde, würden mindestens fünf Jahre vergehen. Buchners Fazit: "Wir haben keine Alternative dazu, alle technischen Probleme anzugehen und abzuarbeiten."