Protest gegen BBI-Flugrouten

"Die denken sonst doch, sie können uns veräppeln"

Kurz nach 19.41 Uhr gibt es den ersten großen Applaus des Abends im Gemeinschaftshaus in Lichtenrade. Die rund 300 Menschen drücken damit aus, dass ihnen der Spruch gefällt, den jemand auf ein rotes A-4-Blatt geschrieben hat und hochhält. Dort steht: "Flugrouten bedrohen 50 000 Lichtenrader".

Jemand sagt, dass der Copyshop um die Ecke 50 Prozent Rabatt für alle anbietet, die dieses Papier vervielfältigen. Das Klatschen wird lauter - in diesen Lärm hinein sagt jemand zu seinem Sitznachbarn: "Genauso isses doch! Die denken sonst doch, sie können uns veräppeln."

Mit "die" sind Politiker gemeint, die hinter der Genehmigung für den Großflughafen Berlin Brandenburg International (BBI) stehen. Schon im Jahr 2004 wurde der Planfeststellungsbeschluss für den Großflughafen rechtlich abgesegnet - ohne jedoch die An- und Abflugsrouten klar zu benennen.

Viele Bürger können nicht glauben, dass die Routen damals nicht bekannt waren. "Ich plane doch kein Haus, ohne zu wissen, wo die Fenster hinkommen", sagt eine Lichtenraderin. Jetzt, knapp zwei Jahre vor der Flughafeneröffnung, stellt sich heraus, dass die Lichtenrader mit Fluglärm von bis zu 70 Dezibel rechnen müssen. "Zu Stoßzeiten im Minutentakt", wie einige befürchten. Deshalb regt sich in diesem südlichen Stadtteil gerade großer Protest.

Einige der älteren Teilnehmer sagen sogar, so etwas habe es noch nie in Lichtenrade gegeben. Dabei ist die Bürgerinitiative noch jung, hat sich erst vor rund drei Wochen gegründet. Schon wenige Tage nach der Veröffentlichung der geplanten Startrouten fanden sich 20 Bürger, die sich für mehr Ruhe in ihrem Wohngebiet einsetzen wollen. Einer machte die Webseite, einer hatte Kontakte zu einem Rechtsanwalt. Und ein Dritter organisierte dieses Treffen besorgter Bürger.

Das war der Lichtenrader Alfred Sobel. Der 56-Jährige hatte als Treffpunkt eigentlich das Restaurant "Reisel" gebucht - und musste dann am Abend selber spontan umplanen. Der Raum in dem Restaurant war einfach zu klein. "Wir hatte nur mit 80 Leuten gerechnet", sagt er, "aber es kamen über 300." Für den Gasthof, der alles vorbereitet hatte, wurde gesammelt - und 156 Euro der gerührten Inhaberin übergeben.

Das Problem mit dem größeren Raum war allerdings die Akustik. Immer wieder ruft jemand während der Diskussion: "Lauter bitte!" Doch ob mit Mikrofon oder ohne - alle Interessierten erfahren im Gemeinschaftshaus an diesem Abend, wie die Folgen für ihr Wohngebiet aussehen werden.

Der Lichtenrader Jörg Au hält einen umfassenden Vortrag, in dem er die neuesten Routenplanungen aufzeigt. Er erklärt geduldig mehrfach, was die abgeknickten Flugrouten bedeuten - nämlich eine Belästigung von 60 bis 70 Dezibel. "Wenn sich meine Kinder in dieser Lautstärke unterhalten", sagt Au, "dann sag' ich zu ihnen, dass sie bitte etwas leiser sein sollen." Bei Flugzeugen allerdings habe er diese Möglichkeit nicht.

Was aber sind die Alternativen, die den Bürgern in den kommenden Monaten bleiben? Das ist die Hauptfrage, die sich alle an diesem Abend stellen. Rechtliche Schritte, das macht der Lichtenrader Rechtsanwalt René Sorge klar, sind derzeit noch keine Lösung. Zu unsicher sind die wirklichen Flugrouten, zu groß der juristische Wert des Planfeststellungsbeschlusses. Doch neben den juristischen Wegen bleiben den Bürgern noch viele andere Arten, ihren Unmut kundzutun.

Schritt Nummer eins der Bürgerbewegung war es, Unterschriften zu sammeln. Diese wollen sie am heutigen Donnerstag dem Bürgermeister von Tempelhof-Schöneberg, Ekkehard Band (SPD), übergeben. "Wir sind ganz schön stolz", sagt Alfred Sobel von der Bürgerinitiative, "dass wir von 50 000 Lichtenrader Einwohnern schon über 10 000 Unterschriften bekommen haben." Der Zeitpunkt der Übergabe ist günstig, da sich der Brandenburger Landtag heute in einer Aktuellen Stunde mit den umstrittenen Flugrouten beschäftigen will. "Dass Brandenburger und Berliner hier zusammenarbeiten müssen", sagt Sobel, "ist auch etwas, das wir bei der Initiative gelernt haben."

Am Abend, gegen 22 Uhr, haben sich die Bürger in Lichtenrade auf verschiedene konkrete Aktionen geeinigt, die in den kommenden Tagen ausgeführt werden sollen. Die Initiative hat mehrere neue Mitglieder gewonnen, und der noch nicht einmal gegründete Verein hat schon einen finanziellen Grundstock: 1250 Euro an Spenden sind zusammengekommen. Außerdem gibt es schon einen Termin für eine Demonstration. Silvia Schulz, eine energische Frau, schlägt am Ende der Versammlung vor, dass sich alle am kommenden Montag um 18 Uhr am S-Bahnhof Lichtenrade treffen. "Ich bringe eine Kerze mit", sagt sie, "vielleicht kann ja jemand anderes ein Transparent malen?"

Einen Protestreim gibt es auch schon: "Nordbahn Abflug gradeaus - Fluglärm aus Berlin hinaus!"

"Ich plane doch kein Haus, ohne zu wissen, wo die Fenster hinkommen"

Eine Lichtenraderin