S-Bahn-Chaos

Trotz Zugmangels stehen bei Berlin Bahnen auf Halde

In Berlin fehlen S-Bahn-Wagen und in ganz Deutschland dringend benötigte Regionalzüge - dabei stehen rund um Berlin Dutzende fabrikneuer Züge auf Halde. Sie dürfen aber nicht eingesetzt werden.

Der Hersteller Bombardier und das Eisenbahn-Bundesamt (EBA), das die Fahrzeuge abnimmt, geben sich gegenseitig die Schuld für das endlose Verfahren, dessen Folgen derzeit Hunderttausende Pendler ausbaden müssen.

Den Berlinern bietet sich momentan am Stadtrand ein fast schon kurioses Bild. Während täglich Regionalzüge wegen Fahrzeugmangels ausfallen, stehen auf Bahn-Flächen am Bahnhof Elstal bei Spandau und auf dem Werksgelände bei Bombardier in Hennigsdorf reihenweise nagelneue Züge der Baureihe Talent 2 herum. Insgesamt handelt es sich um 60 Fahrzeuge. Die Bahn hatte 170 Züge des Talent 2 bei Bombardier bestellt, der Zug sollte das neue Basismodell der DB AG im Regionalverkehr werden. Ursprünglich sollten die ersten Talent-Bahnen bereits im Sommer vergangenen Jahres fahren, dann hieß es Dezember, später Anfang 2011 - nun will sich keiner mehr zum Start der dringend benötigten Baureihe äußern.

Die Folge ist, dass die Deutsche Bahn den Verkehr in mehreren Regionen mit anderen Zügen organisieren muss. 76 Talent 2 sollten eigentlich derzeit im Einsatz sein, davon 42 bei der S-Bahn Nürnberg, 13 bei der Moselbahn sowie 15 beim Rhein-Sieg-Express und sechs zwischen Cottbus und Leipzig. Die Lücke stopft die Bahn mit Zügen, die sie an anderen Stellen abzieht. In Nürnberg zum Beispiel fahren anstatt der Talent-Züge 32 Lokomotiven und 82 Reisezugwagen, beim Rhein-Sieg-Express versucht der Konzern den Mangel mit 47 Doppelstockwagen und 17 Loks auszugleichen. "Dadurch fehlen uns überall entscheidende Reserven im Regionalverkehr", sagt eine Bahn-Sprecherin. Inzwischen wagt keiner der Beteiligten - die Bahn, das EBA und Bombardier - mehr eine Prognose, wann die ersten Züge der neuen Regio-Flotte zum Einsatz kommen könnten. "Im Frühjahr - vielleicht", sagt einer der an den Vorgängen Beteiligten.

Bombardier wirft dem EBA vor, die Behörde habe während des Zulassungsverfahrens für die Talent-Züge neue Sicherheitsrichtlinien erlassen. Darauf könne selbst der weltgrößte Schienentechnikhersteller nicht angemessen reagieren. Das EBA kontert, Bombardier haben seinen Zulassungsantrag Anfang 2009 gestellt, und ebenfalls zu diesem Zeitpunkt seien die Änderungen mitgeteilt worden. "Darüber hinaus sind schlicht Mängel an den Fahrzeugen die Ursache dafür, dass eine Zulassung bislang nicht erteilt werden konnte", sagt ein EBA-Sprecher. Es habe Probleme an den Bremsen und der Fahrzeugsteuerung gegeben, dies müsse - unabhängig von neuen Richtlinien - abgestellt werden. Bei Bombardier räumt man Mängel ein, die inzwischen allerdings abgestellt worden seien.

Dennoch wird zunehmend Kritik am Zulassungsprozedere des EBA laut. "Wir brauchen Planungssicherheit. Und dazu gehört, dass die Anforderungen mit dem Tag der Antragstellung auf Zulassung festgeschrieben werden", fordert Axel Schuppe, technischer Geschäftsführer des Verbandes der Bahnindustrie in Deutschland (VDB) in Berlin.