Ausnahmezustand

Blitzeis bringt Berlin ins Rutschen

Hunderttausende Berliner sind vom ersten Blitzeis dieses Winters überrascht worden. Ab sieben Uhr sorgte am Donnerstag gefrierender Eisregen in Berlin und Brandenburg für spiegelglatte Straßen und Bürgersteige. In Berlin gab es während des von der Feuerwehr ausgerufenen Ausnahmezustandes zwischen 8.45 Uhr und 12 Uhr 290 Rettungseinsätze.

Zum Vergleich: Am Vortag waren es im gleichen Zeitraum 170. Die allermeisten Einsätze betrafen Fußgänger, die bei Glatteis gestürzt waren (182). Dabei waren alle Altersgruppen vertreten, vom Kleinkind bis zur Rentnerin. Ab 11 Uhr entspannte sich die Situation, um 12 Uhr wurde der Ausnahmezustand aufgehoben. Zuvor waren neben der Berufsfeuerwehr noch zehn freiwillige Wehren im Einsatz.

Die Polizei registrierte zwischen 8 und 15 Uhr 337 Unfälle. Verletzt wurden nach Angaben eines Polizeisprechers nur wenige Unfallbeteiligte, schwere Verletzungen blieben ganz aus. Die Spitze des Einsatzaufkommens gab es zwischen 9 und 10 Uhr mit 110 Unfällen, ab 11 Uhr entspannte sich die Lage.

Groß war der Patientenansturm in den Berliner Krankenhäusern. "Ich fühle mich stark an den vergangenen Winter erinnert", sagte Charité-Unfallchirurg Tobias Lindner. "Plötzlich kam ein Feuerwehrwagen nach dem nächsten." Bis 13 Uhr zählte man am Campus Virchow in Wedding 25 Patienten, die auf Glatteis ausgerutscht waren. Bei mehr als der Hälfte von ihnen wurden Brüche an Hand- oder Fußgelenken festgestellt. Die übrigen erlitten zumeist Prellungen, vorwiegend an Kopf und Rücken. Bei den Helios-Kliniken hieß es, dass sich die Anzahl der Patienten mit Knochenbrüchen seit Anfang Januar mehr als verdoppelt habe. Viel zu tun hatte auch das Unfallkrankenhaus Berlin. "Wir haben schon jetzt das Niveau vom Februar letzten Jahres erreicht", sagte ein Sprecher. Betroffen seien Menschen jeden Alters, berichtete er.

Erheblich beeinträchtigt vom Blitzeis war auch der Busverkehr der Berliner Verkehrsbetriebe (BVG). Zahlreiche Linien konnten am Vormittag ganz oder teilweise nicht bedient werden. So fuhren die Busse etwa auf der Linie 117 zwischen 11 und 13.50 Uhr nur noch zwischen dem S-Bahnhof Lichterfelde Ost und Lindenstraße. "Der Bus am S-Bahnhof Teltow-Stadt kam einfach nicht mehr weg, so glatt war es dort", sagte BVG-Sprecherin Petra Reetz. Die Leitzentrale hatte den Busfahrern geraten, den Bus im Zweifel stehen zu lassen, um die Gesundheit der Kunden nicht zu gefährden. Potsdam stellte den Busverkehr und die Müllabfuhr zwischen 8.20 und 11.40 Uhr komplett ein.

Witterungsbedingte Störungen gab es auch bei der U-Bahn. Auf der U 1 konnten die Züge zwischen 9.50 und 10.10 Uhr nicht fahren, weil auf der Viaduktstrecke zwischen Warschauer Straße und Nollendorfstraße die Stromschiene vereist war. Das Problem konnten BVG-Techniker mit einem gezielt herbeigeführten Kurzschluss lösen. Keine Probleme gab es dagegen im Straßenbahn-Betrieb.

Die Deutsche Bahn musste wegen der Straßenglätte unter anderem den Bus-Ersatzverkehr zwischen Königs Wusterhausen und Lübbenau zeitweise einstellen.

Auch der Flugverkehr wurde zeitweise eingestellt. Am Flughafen Tegel ging in der Zeit zwischen 9 und 11 Uhr gar nichts mehr. 15 Starts und Landungen mussten gestrichen, sechs Maschinen nach Schönefeld umgeleitet werden. Dort war das Blitzeis nur kurzzeitig aufgetreten, sodass durchgängig geflogen werden konnte. Vor allem das Enteisen der Maschinen, die der Eisregen in einen dicken Eispanzer gehüllt hatte, führte an beiden Flughäfen zu Verspätungen.

"Nichts hilft außer Salz"

Die BSR war um drei Uhr ausgerückt und hatte die Hauptverkehrsstraßen am frühen Morgen vorsorglich mit Salz gestreut. 470 Fahrzeuge und 1200 Mitarbeiter waren nach Angaben der BSR unterwegs. In den Nebenstraßen blieb es dagegen glatt. "Gegen Blitzeisbildung hilft nichts anderes als Salz", sagte BSR-Sprecherin Sabine Thümler. Salz dürfe aber nur auf Hauptverkehrsstraßen gestreut werden.

Schuld an der gefährlichen Wetterlage trug nach Angaben der Freien Universität warme Luft, die in etwa 1000 Metern Höhe nach Berlin vorgedrungen war und den fallenden Schnee in Regen verwandelt hatte. "Das ist die klassische Wetterlage für Blitzeis", sagte FU-Diplom-Meteorologe Friedemann Schenk am Donnerstag. Bis Anfang kommender Woche könne es immer wieder vor allem in der Nacht zur Eisbildung kommen. Die Lufttemperaturen werden in den kommenden zwei Wochen über Null liegen, sagte der Meteorologe. "Ein erneuter Wintereinbruch ist bis zum 20. Januar fast ausgeschlossen." Für heute sagen die Wetterexperten vier Grad Celsius voraus, am Wochenende sollen es sechs Grad werden, bevor es sich zum Wochenanfang wieder abkühlt. Heute Abend soll es zu neuen Niederschlägen kommen, die vor allem in Brandenburg zu neuem Eis führen können. Die milden Wettervorhersagen für Berlin kommen auch der BSR gelegen. "Nächste Woche beginnen wir mit dem Abtransport der Weihnachtsbäume", sagte Sabine Thümler. Müssten sich die Mitarbeiter mit Schnee und Eis befassen, sei das nicht möglich.

Dass der Winter wegen seines frühen Beginns auch früher endet, ist nach Angaben des Wetterfachmannes unwahrscheinlich. Im Gegenteil: Weil sich wegen der lange anhaltenden Kälte Nord- und Ostsee stärker abgekühlt haben als gewöhnlich, bringe jede Luftströmung aus dem Norden neue Kälte.