S-Bahn-Krise

Senatorin streicht 14 Millionen Euro

Als im Dezember nach dem ersten Schnee die S-Bahn-Züge gleich reihenweise ausfielen, reagierte Verkehrssenatorin Ingeborg Junge-Reyer (SPD) mit einer lautstark verkündeten Abmahnung. Ultimativ wurde die S-Bahn GmbH und deren Mutterkonzern Deutsche Bahn aufgefordert, ein Konzept vorzulegen, wie den Fahrgästen weitere Unannehmlichkeiten erspart bleiben. Die Bahn antwortete umfänglich und termingerecht.

Die ernüchternde Botschaft der neunseitigen Ausarbeitung: Eine kurzfristige Lösung der gravierenden Technik-Probleme bei der S-Bahn wird es nicht geben. Der Berliner und Brandenburger müssen sich weiterhin auf Zugausfälle und Verspätungen einstellen.

"Die Antwort kann nicht befriedigen", konstatierte Verkehrssenatorin Junge-Reyer am Donnerstag, ebenso verärgert wie ratlos. Und sie reagierte mit dem offenbar einzigen Mittel, das dem Senat noch bleibt: der Ankündigung neuer Strafgelder. Zwischen zwölf und 14 Millionen Euro will Junge-Reyer von der im Januar fälligen Bezahlung von Verkehrsleistungen der S-Bahn einbehalten. Das sind etwa zwei Drittel der Monatsrate von 19,5 Millionen Euro. Bereits in den vergangenen zwei Jahren hatte das Land rund 90 Millionen Euro nicht ausgezahlt. Genützt hatte das bislang allerdings kaum.

Zugleich wies Junge-Reyer Forderungen aus dem Bundesverkehrsministerium entschieden zurück, Berlin solle sich mit dem einbehaltenen Geld an der Sanierung der S-Bahn und an notwendigen Investitionen zum Kauf neuer Züge beteiligen. "Das fällt mir im Traum nicht ein. Wir erwarten die Erfüllung des Verkehrsvertrages und wenn ein Vertrag nicht erfüllt wird, gibt es die Abzüge", sagte Junge-Reyer. Die Deutsche Bahn habe jahrelang Gewinn aus der S-Bahn gezogen. Sie müsse jetzt auch in der Lage sein, das Geld für die Sanierung des Nahverkehrsunternehmens auszugeben. Ebenso wie der Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD) forderte sie zudem eine weitere Entschädigung für die S-Bahn-Kunden.

Parteien sind unzufrieden

Grüne und FDP legten unterdessen Junge-Reyer wegen ihrer offensichtlichen Hilflosigkeit in der anhaltenden S-Bahn-Krise den Rücktritt nahe. CDU-Landeschef Frank Henkel monierte, dass sich Junge-Reyer von der Bahn "wieder einmal mit vagen Versprechungen abspeisen lässt". Die CDU forderte den Senat erneut auf, die S-Bahn zu einem Sanierungsvertrag zu zwingen, in dem sich die S-Bahn verpflichtet, neue Züge zu bestellen. Sollte sich das Unternehmen weigern, müssten die Zahlungen des Landes auf ein Minimum reduziert werden. Ein vollständiges Aussetzen der Zahlungen an die S-Bahn, wie es jüngst der SPD-Verkehrsexperte Christian Gaebler gefordert hat, lehnte Junge-Reyer ab. Dies hätte riskante rechtliche Probleme zur Folge, sagte sie.

Zumindest einige kurzfristige Verbesserungen hat die S-Bahn-Führung in ihrem Schreiben an den Berliner Senat angekündigt. Nachdem seit Wochenmitte S-Bahnen wieder auf allen Strecken unterwegs sind, sollen die Züge ab kommenden Montag auf einigen besonders nachgefragten Verbindungen auch öfter fahren. "Taktverdichtungen" sind laut Junge-Reyer zwischen Lichtenrade und Potsdamer Platz (Linie S 2) und nach Ahrensfelde (Linie S7) geplant.

Gleichzeitig soll der bestehende Ersatzverkehr mit Regionalzügen "bis mindestens Ende Februar" aufrechterhalten werden. So fahren schon jetzt die Züge der Niederbarnimer Eisenbahn (Linie NE 27) im Auftrag der S-Bahn bis Gesundbrunnen statt nur bis nach Berlin-Karow. Die Regionalbahn-Linie RB 10 ist von Spandau bis nach Charlottenburg verlängert worden. Zusätzlich soll von Montag an die RB 13 über Spandau bis zum Hauptbahnhof weiter fahren. Die Bahn hat weiterhin zugesagt zu prüfen, ob ein zusätzliches Zugpaar pro Stunde auf der Strecke des RE1 eingesetzt werden kann. "Das wird aber wohl sehr schwierig wegen der Eingleisigkeit der Strecke im Bereich Hüttenweg", sagte Senats-Verkehrsplaner Friedemann Kunst, der gemeinsam mit dem Verkehrsverbund Berlin-Brandenburg eine Verbesserung des Nahverkehrsangebots organisieren soll. Laut Junge-Reyer gibt es auch Überlegungen, ob nicht - wie vom Berliner Fahrgastverband gefordert - der gesamte S-Bahn-Fahrplan neu aufgestellt werden sollte. Grundlage sollte eine Höchstgeschwindigkeit von 60 statt von 80 Kilometern pro Stunde sein. Aufgrund von technischen Mängeln und Sicherheitsauflagen können derzeit viele Züge ohnehin nicht schneller fahren. Mit einem neuen Fahrplan könnte die S-Bahn für die Fahrgäste wieder berechenbarer und damit verlässlicher werden.

Studenten entwickeln Internetseite

Weil der aktuelle S-Bahn-Fahrplan zu großen Teilen nur noch Makulatur ist, haben inzwischen Studenten der Universität Potsdam eine Internetseite entwickelt, auf der sich Fahrgäste unabhängig über ausfallende und verspätete Züge informieren können. Die Seite zugausfall.de informiere in Echtzeit und ermögliche zudem, eine wöchentliche Statistik über Verspätungen zu erstellen, sagte Wirtschaftsinformatik-Professor Norbert Gronau. "Den offiziellen Statistiken der Berliner S-Bahn glauben wir nämlich nicht mehr", fügte der Projektleiter hinzu. Fahrgäste sollten nun beim Warten auf dem Bahnsteig Informationen über ausfallende und zu spät kommende Züge mit ihrem internetfähigen Handy eintragen. Doch auch noch Stunden später sei es nützlich, die Informationen nachzutragen. Denn je mehr Daten einliefen, desto aussagekräftiger werde die Statistik. Die Seite lebe von der Beteiligung, sagte Gronau. Momentan würden aber nur sehr wenige Meldungen einlaufen.

Die S-Bahn selbst hofft indes vor allem auf besseres Wetter. Am Donnerstag, als die Temperaturen langsam in den Plusbereich anstiegen, konnte das Unternehmen erstmals in diesem Jahr wieder mehr als 300 Doppelwagen einsetzen, das entspricht etwa der Hälfte der Fahrzeugflotte. Damit ist auch fast die Zahl von 340 fahrbereiten Viertelzügen erreicht, die die S-Bahn für den vor dem Wintereinbruch geltenden Fahrplan benötigt. Aufgrund der vielen technischen Störungen standen zeitweilig nur noch etwa 200 Zwei-Wagen-Einheiten zur Verfügung. Hauptursache für die Zugausfälle sind nach wie vor Störungen der elektrischen Antriebe. Insgesamt mehr als 1200 solcher Störungen habe es seit Anfang Dezember gegeben, sagte ein Bahn-Sprecher. In mehr als 280 Fällen mussten die Fahrmotore nach durch Eis und Schnee verursachten Kurzschlüssen komplett ausgewechselt werden.

Nach Angaben des Bahnsprechers hat sich durch zeitweilige und dauerhafte Neueinstellungen die Zahl der Werkstatttechniker auf inzwischen fast 600 erhöht. Das entspricht fast einer Verdopplung beim Werkstattpersonal. Zudem würden derzeit 80 S-Bahner zusätzlich zur Kundeninformation eingesetzt.