Deutsche Bahn

Überall im Land bricht nun auch der Regionalverkehr ein

Die Ausfälle bei der ICE-Flotte oder der S-Bahn in Berlin verärgern Fahrgäste und Deutsche Bahn seit Monaten - doch nun gerät der Konzern auch im Regionalverkehr massiv unter Druck. Aus allen Regionen werden Verspätungen und Zugausfälle in bisher ungeahntem Ausmaß gemeldet.

Auf manchen Strecken geht tagelang nichts, zum Teil sind mittelgroße Städte über mehrere Tage auf den Trassen nicht mehr erreichbar gewesen. In mehreren Bundesländern fällt weiterhin eine ganze Reihe von Regionalexpress-Linien und Regiobahnen ersatzlos aus.

"Die Zustände sind unhaltbar", sagt Brandenburgs Verkehrsminister Jörg Vogelsänger (SPD). Sein Amtskollege aus Niedersachsen, Jörg Bode (FDP), spricht von einer "Situation, die so nicht mehr zu akzeptieren ist". Auf einer außerordentlichen Sitzung am kommenden Montag wollen sich die Länder mit den Problemen im Regionalverkehr beschäftigen und Konsequenzen beschließen. In der Woche darauf beschäftigt das Thema den Deutschen Bundestag.

Störungen bei der Bahn im Winter sind nichts Neues, aber die Fülle der Ausfälle überrascht Kunden, Verkehrsverbünde und Landesregierungen gleichermaßen. "Wir hatten auf drei Strecken Engpässe, Oberammergau zum Beispiel ist sei drei Wochen nicht mit Zügen der DB erreichbar", sagt Fritz Czeschka, Geschäftsführer der Bayerischen Eisenbahngesellschaft (BEG), die die Aufträge an Bahnunternehmen im Freistaat vergibt. Auf zwei weiteren Strecken in Nordostbayern hätte die Deutsche Bahn nicht genug Schneefräsen, daher seien die Abschnitte unbefahrbar.

Der Verkehrsverbund Oberelbe (VVO) meldet, dass das sächsische Hoyerswerda über Tage nicht mit Zügen angefahren werden konnte. "Nach Angaben der Bahn fehlte es an E-Lokomotiven, Wagen und Werkstattkapazitäten. Das Unternehmen hat einfach nicht genug Reserven", sagt ein Sprecher des VVO. Nach einem Gespräch mit der Bahn teilte Verkehrsminister Vogelsänger gestern Abend mit, die Bahn habe ihm zugesichert, dass die Linien RE 15 (Dresden- Ruhland-Hoyerswerda) und RB 21 (Potsdam-Golm-Wustermark) heute wieder zunächst im Stundentakt fahren würden.

"Probleme in diesem Ausmaß hat übrigens nur die Deutsche Bahn. Das private Bahnunternehmen in unserem Verbund fährt zuverlässiger", heißt es beim Verkehrsverbund Oberelbe. Hans Leister, Chef von Keolis Deutschland, einer Tochter der französischen Staatsbahn SNCF, räumt ein: "Auch wir haben Probleme, es gab Verspätungen und Ausfälle. Grund war das winterliche Wetter. Es dauert, bis beschädigte Züge so weit aufgetaut sind, dass man sie reparieren kann." Niedersachsens Verkehrsminister bestätigt den Eindruck, dass die DB AG schlechter durch den Winter kommt als die Wettbewerber. "Auch bei anderen Unternehmen gibt es Einschränkungen, aber nicht in dem Ausmaß wie bei der Deutschen Bahn", sagt Jörg Bode.

Schleswig-Holstein kämpft dagegen mit Ausfällen bei allen Betreibern. "Es gab Komplettausfälle, sowohl bei der privaten NOB als auch bei der Deutschen Bahn", sagt ein Sprecher der Landesweite Verkehrsservicegesellschaft (LVS). "Die Fahrzeuge der betroffenen Bahnen haben sich als nicht wintertauglich genug erwiesen." Nach Angaben des LVS fehlt es bei der DB zudem an Wartungskapazitäten. Die Folge: Zeitweise war bei der Deutschen Bahn nur rund die Hälfte der sonst üblichen 33 Triebwagen zwischen Kiel und Lübeck einsatzbereit. Das Unternehmen hatte daraufhin jeden zweiten Zug gestrichen. "Die Situation ist insgesamt unbefriedigend. Wir denken über zusätzliche Strafzahlungen nach", kündigt der Sprecher an. Morgen soll es ein Spitzengespräch von Bahn und Verbund geben.

Die Verbünde beklagen zudem, dass die Fernzüge die Probleme im Regionalverkehr zusätzlich verschärften. "Wenn um acht Uhr morgens eine Welle von Fernzügen mit Verspätung unsere Region erreicht, hat das spürbare Auswirkungen auf den Regionalverkehr", sagt Thomas Ressel, Vizegeschäftsführer des Zweckverbandes Ruhr-Lippe (ZRL). "Dann sinkt die Pünktlichkeit der Regiozüge im ZRL mit einem Schlag um 20 Prozent."

Politiker und Fachleute fordern nun schnelle Konsequenzen. "Wir brauchen sogenannte Rückfall-Fahrpläne für den Fernverkehr, damit verspätete ICE und IC den Regionalverkehr nicht weiterhin stören", so ZRL-Manager Ressel.

Das allein reicht aber nicht, Niedersachsens Verkehrsminister Bode geht mit einen ganzen Maßnahmenpaket in die Verkehrsministerkonferenz am Montag. "Wir müssen Qualitätsstandards festlegen und unsere Anforderung an die Bahn genau definieren. Darüber hinaus sollte der Bund überprüfen, ob es sinnvoll ist, sich von der DB AG eine Dividende zahlen zu lassen." Letztlich müsse der Vorstand das Qualitätsmanagement ehrgeiziger als bislang vorantreiben.

Schützenhilfe bekommt der Landesminister vom Verkehrsexperten der SPD im Bundestag, Uwe Beckmeyer. "Die Dividenden-Pläne müssen vom Tisch, das Geld muss bei der Bahn bleiben. Es wurde in den vergangenen Jahren drastisch gespart bei der Bahn, das Unternehmen braucht das Geld, um wieder flott zu werden", sagt Beckmeyer.

"Die Zustände sind unhaltbar"

Jörg Vogelsänger, Verkehrsminister in Brandenburg