Nahverkehr

S-Bahn fährt die Außenbezirke wieder an

Es ist genau zwei Jahre her, dass die Worte Winter-Chaos und S-Bahn-Krise zum ersten Mal in den Schlagzeilen auftauchten. Bei extremen Frosttemperaturen waren am 6. Januar 2009 zahlreiche Züge ausgefallen. Bauteile der Fahrzeuge seien nicht ausreichend gewartet worden, bestätigten S-Bahner damals - aus Kostengründen hatte man am Schmierfett gespart.

Wenig später hatte sich die Lage normalisiert - die Krise, so schien es, war beendet. Ein Irrtum: Knapp fünf Monate später brach der Verkehr fast komplett zusammen. Ein Radbruch, verschärfte Sicherheitsauflagen, schlecht gewartete Bremsen, neue Sicherheitsauflagen, ein zweites Winter-Chaos, Wartungsmängel und Missmanagement. Der Ausdruck "S-Bahn-Krise" ist seitdem nicht mehr aus den Schlagzeilen verschwunden.

Ramsauer mischt sich ein

Angesichts der Vielzahl der Probleme wächst der Druck auf Bundesverkehrsminister Peter Ramsauer (CSU). Berliner Spitzenpolitiker sehen den Bund als Eigentümer des S-Bahn-Mutterkonzerns Deutsche Bahn ebenso in der Pflicht wie der Verkehrsverbund Berlin-Brandenburg (VBB) und der Berliner Fahrgastverband Igeb. Bislang hatte das Bundesverkehrsministerium in der Debatte über die Krise bei der S-Bahn stets auf die Zuständigkeit der Landesregierungen Berlin und Brandenburg verweisen. Doch angesichts des enormen Image-Schadens und der hohen finanziellen Verluste, den die seit zwei Jahren andauernden Probleme des Tochterunternehmens der Deutschen Bahn inzwischen verursacht haben, hat sich der Bund nun offenbar auf seine Kontrollpflicht besonnen. Der für Schienenverkehr zuständige Staatssekretär Klaus-Dieter Scheurle hat Bahn-Chef Rüdiger Grube und dessen Personenverkehrsvorstand Ulrich Homburg für Donnerstagnachmittag in das Ministerium an der Invalidenstraße einbestellt.

"Wir können als Eigentümer der Bahn nicht akzeptieren, dass es trotz enormer Zuschüsse in den Betrieb immer noch einen erheblichen Investitionsrückstau gibt", so Scheurle. Er erwarte von Grube und Homburg ein mit Fakten unterlegtes Konzept, wie das Unternehmen aus der Krise geführt werden solle. Scheuerle, seit Dezember 2009 im Aufsichtsrat des Konzerns, wies die Vorwürfe zurück, dass der Bund durch die Gewinnabführungen von 500 Millionen Euro mitverantwortlich für die Situation bei der S-Bahn sei. "Geld ist nicht das Problem", versicherte er. Bereits seit einem Jahr werde bei dem Unternehmen nicht mehr gespart, sondern investiert. Es sei Sache der Bahn, dieses Geld an der richtigen Stelle einzusetzen.

"Aber man kann die Fehler der Vergangenheit leider nicht so schnell beheben", so der Staatssekretär weiter. Mindestens drei Jahre würde es dauern, bis neue Wagen eingesetzt werden könnten. Bevor jedoch neue Aufträge erteilt würden, müsse sichergestellt sein, dass die Qualität diesmal stimme. "Dazu werden wir auch genau analysieren, wie es passieren konnte, dass bis 2004 derart mangelhafte Züge abgeliefert werden konnten. Das ist ja ein Problem, das wir nicht nur bei der S-Bahn, sondern auch bei den ICEs haben", fügte Scheurle hinzu. Die Behauptung der Hersteller, dass Wartungsfehler die Schäden verursacht hätten, sei nur zum Teil gerechtfertigt. Er erwarte, dass die Bahnvorstände bis spätestens in vier Wochen ein entsprechendes Qualitätscontrolling präsentieren.

Zwei Jahre nach dem ersten Zusammenbruch steckt die S-Bahn unterdessen weiter mitten im dritten Winterdesaster in Folge - und sie steht schlechter da als im Januar 2009. Am Mittwoch waren 278 Doppelwagen, sogenannte Viertelzüge, im Einsatz, doppelt so viele wären für den Normalverkehr nötig. Und - vor zwei Jahren noch unvorstellbar - das war eine gute Nachricht für die Fahrgäste.

Zum ersten Mal seit dem Jahreswechsel will das Tochterunternehmen der Deutschen Bahn von diesem Donnerstag an wieder das gesamte Streckennetz befahren. Nach viertägiger Unterbrechung sind Hennigsdorf, Wartenberg, Strausberg Nord und Spandau wieder auf der Schiene erreichbar. Der Deutsche Bahnkunden-Verband (DBV) zeigte sich erleichtert über die Wiederaufnahme des S-Bahn-Verkehrs in den Außenregionen.

Tickets werden kontrolliert

Ob bei Tauwetter bis zum Wochenende weitere Verbesserungen im Notfahrplan möglich sind, wollte die S-Bahn noch nicht mitteilen. "Alles, was fertig ist, wird auf die Strecke geschickt", sagte ein Sprecher. In den Werkstätten werde weiter rund um die Uhr gearbeitet, um weitere Züge einsatzfähig zu machen. Angesichts der Einschränkungen auf Ticketkontrollen zu verzichten lehnte die S-Bahn ab. Eine "Einladung zum Schwarzfahren" werde es nicht geben, hieß es.

Entspannt ist die Situation bei der S-Bahn noch lange nicht. Bis auf Weiteres fahren die meisten Linien in der Hauptstadt nur im 20-Minuten-Takt. Nur auf der Ringbahn und besonders stark frequentierten Abschnitten der Linien S 1 (zwischen Zehlendorf und Frohnau), S 3 (Friedrichshagen bis Ostbahnhof) und S 5 (Hoppegarten/Mahlsdorf bis Charlottenburg) fahren die Züge alle zehn Minuten. Weil der Verkehr damit weiter ausgedünnt bleibt, sollen die Zusatzangebote mit Regionalzügen der Deutschen Bahn und der Niederbarnimer Eisenbahn (NEB) noch mindestens bis zum Monatsende erhalten werden.

Wie die Bahn das Winter-Chaos dauerhaft bekämpfen will, hat sie am Mittwochnachmittag der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung mitgeteilt. Senatorin Ingeborg Junge-Reyer (SPD) und Brandenburgs Infrastrukturminister Jörg Vogelsänger (SPD) hatten dem Unternehmen zuvor ein Ultimatum gestellt. Bis zum 5. Januar, so die Senatorin, erwarte sie glaubwürdige Konzepte. Fristgemäß ging das Schreiben der Bahn am Nachmittag ein. Über Inhalte wurde zunächst nichts bekannt. "Die Bahn stellt sehr umfangreich die komplexe Situation bei der S-Bahn dar", sagte Junge-Reyers Sprecher Mathias Gille. Am Abend sollte eine Expertenrunde der Länder Berlin und Brandenburg, der S-Bahn und des VBB über weitere Schritte beraten. Am heutigen Donnerstag will die Senatorin über die Ergebnisse informieren.

Heißer Tee für die Fahrgäste

Zumindest einen möglichen Kritikpunkt wies die Bahn am Mittwoch bereits von sich. Ein Sprecher wandte sich gegen Äußerungen des TU-Professors Markus Hecht (siehe Interview, Seite 15), wonach die Bahn sich in der Krise nicht von Experten und Fremdfirmen helfen lasse. Die S-Bahn sei sehr wohl bereit, in Extremsituationen Hilfe von außen anzunehmen, sagte der Unternehmenssprecher. Er verwies unter anderem auf die Zusatzzüge der privaten NEB und der landeseigenen BVG, die derzeit als Entlastung für den desolaten S-Bahn-Verkehr fahren. Die regelmäßige Wartung der Fahrzeuge, der Wechsel von Rädern und Achsen, die zahlreichen Sicherheitskontrollen seien aber "unsere primären Aufgaben", die die S-Bahn "in eigener Regie" lösen müsse.

Deshalb habe der Konzern im vergangenen Jahr hohe Summen in die Wiedereröffnung zuvor geschlossener Werkstätten und die Einstellung zusätzlicher Mitarbeiter für die Instandhaltung investiert.

Die Berliner Grünen glauben nicht mehr daran, dass die Bahn die Probleme lösen kann. Sie forderten den Senat zum wiederholten Mal auf, den Verkehrsvertrag für den S-Bahn-Betrieb zu kündigen - eine Option, die Verkehrssenatorin Junge-Reyer wegen unkalkulierbarer Risiken ablehnt. Den zweiten Jahrestag der Krise wollen die Grünen am heutigen Donnerstag mit einer Trostaktion für die Fahrgäste begehen. Am Bahnhof Friedrichstraße wollen sie im morgendlichen Berufsverkehr heißen Tee an die frierenden S-Bahn-Kunden verteilen.