Bildung

Reinickendorf verhindert Schulmodell

Katharina ist aufgeregt. Sie hat etwas herausgefunden. Wild gestikulierend zeigt sie mit dem Finger auf ein Diagramm, das sie und ihre Mitschüler gerade auf ein großes Blatt Papier gezeichnet haben. Dort ist eingetragen, in welchem Monat die Kinder der jahrgangsgemischten Gruppe an der Hannah-Höch-Grundschule Geburtstag feiern.

"Die meisten haben im September Geburtstag", sagt Katharina. Um sie herum stehen fünf Mitschüler und überprüfen, ob sie Recht hat. Andere sitzen im Kreis auf dem Fußboden und schauen sich Kalenderblätter an. Leise unterhalten sie sich mit Lehrerin Alexandra Wolfframm über die charakteristischen Merkmale der einzelnen Monate. Im Nachbarklassenzimmer, das sich im selben Raum befindet und nur durch fahrbare Podeste abgetrennt ist, spielt Erzieherin Christine Hubert mit sieben Kindern der Jahrgangsstufe eins ein Jahreszeiten-Spiel.

Der Zulauf ist groß

An der Reinickendorfer Hannah-Höch-Grundschule lernen alle Schüler in jahrgangsgemischten Gruppen. Das Konzept ist erfolgreich. In den vergangenen Jahren sind zu Schulbeginn meist 30 bis 40 Kinder mehr angemeldet worden, als die Schule Plätze hat. Schulleiter Michael Tlustek will den reformpädagogischen Ansatz seiner Einrichtung deshalb weiterentwickeln und seine Schüler künftig bis zur zehnten Klasse oder sogar bis zum Abitur führen. Ebenfalls in jahrgangsgemischten Gruppen.

Das wollen auch die Eltern. Geplant ist, die Hannah-Höch-Grundschule vom kommenden Jahr an zur Gemeinschaftsschule umzubauen, in der auch die benachbarte Greenwich-Sekundarschule aufgehen soll. Doch der Bezirk spielt nicht mit. Während die Bildungsverwaltung für das Projekt bereits grünes Licht gegeben hat, lehnen die CDU-Bezirksverordneten, die in Reinickendorf die Mehrheit stellen, eine Gemeinschaftsschule im Bezirk ab. Sollte sich die CDU durchsetzen, wäre Reinickendorf der einzige Berliner Bezirk ohne Gemeinschaftsschule.

Schulstadträtin Kathrin Schultze-Berndt (CDU) begründet die Ablehnung damit, dass es im Märkischen Viertel zu wenige Grundschulplätze gibt. Würde die Hannah-Höch-Schule Gemeinschaftsschule werden, wäre sie berechtigt, 30 Prozent der Plätze an Kinder außerhalb des Einzugsgebietes zu vergeben. "Andere Grundschulen im Bezirk müssten ihre Klassen dann um ein bis zwei Schüler aufstocken", sagt Schultze-Berndt. Das wäre ungerecht.

Eltern fordern Gemeinschaftsschule

Schulleiter Tlustek kann dieser Argumentation nicht folgen. "Fast alle unsere Anmeldungen kommen aus dem Märkischen Viertel", sagt er. Und auch die Eltern wollen, dass das Erfolgsmodell nach der sechsten Klasse weitergeführt wird. Außerdem haben sich die Gremien beider Schulen eindeutig für die Gemeinschaftsschule ausgesprochen. "Es kann nicht sein, dass der Elternwille in Reinickendorf vom Bezirk ignoriert wird", sagt Elternvertreterin Sandra Schüßler. Mehr als 350 Unterschriften haben die Eltern gesammelt. Die sollen jetzt der Schulstadträtin übergeben werden. Heute werden Lehrer, Eltern und Schüler versuchen, den Schulausschuss der BVV für ihr Projekt gewinnen. Die BVV soll dann am kommenden Mittwoch darüber abstimmen. Zur Debatte stehen der Antrag der Grünen, der sich für eine Gemeinschaftsschule ausspricht und der der CDU, der Einheitsschulen in Reinickendorf nicht zulassen will. Die Entscheidung liegt bei Schulstadträtin Schultze-Berndt.

Schulleiter Tlustek ist überzeugt davon, dass seine Schule bereits auf dem besten Weg zur Gemeinschaftsschule ist. Die Altersmischung wird dort nicht nur in den ersten drei Klassenstufen praktiziert, sondern auch bei den Schülern der vierten bis sechsten Klassen. Es gibt keine separaten Klassenzimmer, stattdessen großzügig gestaltete Lernetagen, die durch bewegliche Schrank- und Sitzelemente in verschiedene Bereiche unterteilt sind. Der Unterricht findet über den ganzen Tag verteilt in zweistündigen Blöcken statt. Von 12.40 Uhr an gibt es Mittagessen, danach können die Kinder unter verschiedenen Freizeitangeboten wählen, bis um 14 Uhr der letzte Unterrichtsblock beginnt.

Tlustek betont, dass die Schule seit zehn Jahren gute Erfahrungen mit der individuellen Förderung jedes Schülers hat. Der jüngste Inspektionsbericht habe seiner Einrichtung durchweg Bestnoten für die Qualität des Unterrichts erteilt. "Das Sozialverhalten der Schüler hat sich deutlich gebessert, auch dadurch sind die Leistungen gestiegen." Tlustek geht davon aus, dass auch die Schüler der Greenwich-Schule von diesen Erfolgen profitieren können, wenn es erst die Gemeinschaftsschule gibt. Sollte die BVV sich allerdings gegen das Projekt entscheiden, wäre das vor allem für die Greenwich-Schule ein harter Schlag, sagt er. Schließlich habe die ehemalige Hauptschule auch als integrierte Sekundarschule fast ausschließlich Anmeldungen von Schülern mit Hauptschulempfehlung. In der Sekundarschule werden diese nun in deutlich größeren Klassen unterrichtet. "Auch deshalb hat sich das Kollegium der Greenwich-Schule für die Gemeinschaftsschule ausgesprochen", sagt Tlustek.

Schulstadträtin Schultze-Berndt sieht das anders. Ihrer Meinung nach habe die Greenwich-Schule mit den Kooperationsverträgen mit verschiedenen Reinickendorfer Unternehmen den richtigen Schritt gemacht. "Für die Zukunft der Schule ist das der bessere Weg", sagt sie.