Interview

"Die S-Bahn muss sich in der Krise helfen lassen"

Professor Markus Hecht, Leiter des Fachbereichs Schienenfahrzeuge an der Technischen Universität Berlin, kennt sich mit Verkehrsunternehmen aus. Mit dem Wissenschaftler sprach Thomas Fülling.

Berliner Morgenpost: Herr Professor Hecht, war das erneute Winterchaos bei der S-Bahn unvermeidbar?

Markus Hecht: Nein. Mit einer professionellen Wintervorbereitung hätte das Chaos vermieden werden können. Notwendig dafür wäre aber eine Analyse der witterungsbedingten Schwachstellen der Züge durch Experten gewesen. Diese können in einem Klimakanal, wie er etwa in Wien steht, gemacht werden. Eisenbahnen aus der ganzen Welt gehen nach Wien, nur die Deutsche Bahn nicht.

Berliner Morgenpost: Warum nicht?

Markus Hecht: Na, das kostet natürlich ein paar Euro. Da werden von der Bahn aber Kosten am falschen Ende gespart. Dabei hat die Deutsche Bahn ja nicht nur bei der S-Bahn, sondern auch bei den ICE und den Regionalzügen Probleme bei Eis und Schnee.

Berliner Morgenpost: Haben denn die Züge der Berliner S-Bahn konstruktionsbedingte Mängel, die einfach nicht behebbar sind?

Markus Hecht: Das ist Unsinn. Bei jedem Schienenfahrzeug gibt es natürlich Alterungserscheinungen, auf die man rechtzeitig reagieren muss. Die Berliner Verkehrsbetriebe (BVG) haben das bei ihren Straßenbahnen erlebt. Sie haben aber die Probleme in den Griff bekommen, weil sie sich von Spezialisten helfen ließen. Der S-Bahn ist wiederholt Hilfe von außen angeboten worden, doch sie hat diese immer abgelehnt. Dabei gibt es solche Spezialisten sogar in Berlin. Etwa im Fraunhofer-Institut im Spreebogen. Dort arbeiten allein 100 Wissenschaftler zum Thema Instandhaltung von Eisenbahnen. Selbst Schweizer Bahnen nutzen diese Kompetenz, um etwa die Pünktlichkeit ihrer Züge von 98 auf 99 Prozent zu steigern.

Berliner Morgenpost: Was kann denn die Berliner S-Bahn tun, um kurzfristig ihr Angebot zu verbessern?

Markus Hecht: Sich helfen lassen. Sinnvoll wäre dazu ein vorbereiteter Runder Tisch, an dem Spezialisten der S-Bahn und von außerhalb sitzen. Ein so kleines Unternehmen wie die Berliner S-Bahn mit ihren insgesamt 3000 Mitarbeitern kann heute nicht mehr alle Kompetenzen im eigenen Haus haben. Zur Vorbereitung des Runden Tischs müssten die externen Experten für Fahrzeugverfügbarkeit zuvor die Betriebsabläufe im Unternehmen zwei Wochen lang genau unter die Lupe nehmen, um entsprechende Vorschläge zu erarbeiten. Und die S-Bahn müsste sich auch bei der Wartung und Instandhaltung der Züge helfen lassen. Dazu muss sie Reparaturen auch außerhalb ihrer eigenen Werkstätten ausführen lassen, so wie es die BVG ja auch tut. Allein im Raum Berlin gibt es fünf Unternehmen, die solche Reparaturen ausführen können. Und nicht von Berlin weit entfernt, in Delitzsch bei Leipzig, gibt es eine Firma, die Züge für die S-Bahn in Dublin eine Zeit lang gewartet hat. Diese S-Bahn ist technisch durchaus vergleichbar mit der Berliner S-Bahn.

Berliner Morgenpost: Ist es denn sinnvoll, wenn die landeseigene BVG den S-Bahn-Betrieb übernimmt?

Markus Hecht: Ein klares Nein. Es ist bewundernswert, was die BVG unter ihren Rahmenbedingungen leistet. Aber den S-Bahn-Betrieb sollte man ihr nicht auch noch aufbürden. Auch unter dem Aspekt der Risikovorsorge sollte das nicht geschehen. Sind alle Verkehrsmittel in einer Hand, droht - etwa bei einem Streik - der Komplettausfall des öffentlichen Nahverkehrs.

Berliner Morgenpost: Was kann der Senat tun, um die S-Bahn auf das richtige Gleis zu bringen?

Markus Hecht: Der Senat sollte endlich seine Angst verlieren. Denn wer das Geld hat, hat eigentlich auch die Macht. Die Verkehrssenatorin kann der S-Bahn dazu zwingen, externe Experten-Hilfe anzunehmen. Doch das hat sie bislang nicht getan. Stattdessen fordert sie Entschädigungen für die Fahrgäste. Aber das kann doch nicht ihre erste Aufgabe sein. Es muss doch jetzt vordringlich darum gehen, dass mehr Züge fahren. Richtig wäre es auch, dass die Landesregierungen von Berlin und Brandenburg dem Verkehrsverbund mehr Kompetenzen geben. Denn da sitzen die Experten. Vorbild dafür wäre Niedersachsen. Doch dazu muss Macht abgegeben werden, und das machen Politiker ungern.