S-Bahn-Krise

Warum fährt die S-Bahn überall ohne Probleme - nur nicht in Berlin?

Schnee und Eis haben die Bahnunternehmen bundesweit hart getroffen. In keiner Region und bei keinem Verkehrsmittel waren die Einbrüche aber so massiv wie bei der Berliner S-Bahn. Warum fällt in der Hauptstadt die Hälfte der Züge aus, während in Hamburg und München, an Rhein und Ruhr oder im Großraum Rhein-Main der Verkehr vergleichsweise reibungslos läuft?

Selbst die Hamburger S-Bahn, die als geschlossenes System als einzige mit der Berliner vergleichbar ist, verzeichnete laut ihrer Kundeninformation zuletzt eine Pünktlichkeitsquote von 95 Prozent. In Berlin sank sie an den schlimmsten Tagen der aktuellen Winterkrise auf unter 40 Prozent. In München fielen beim ersten Wintereinbruch im Dezember lediglich zehn von 238 S-Bahn-Zügen aus, in Berlin waren es 80 von zuvor eingesetzten 430 - und in den Folgetagen stieg die Zahl der Ausfälle dramatisch. Auch Weichenprobleme sind in München und Hamburg, wo ebenfalls die Deutsche Bahn die S-Bahn betreibt, eher selten. Selbst in Nordrhein-Westfalen, wo enorme Schneemassen fielen, kam es zwar an einigen Tagen zu großen Verspätungen und einzelnen Ausfällen im Schienenverkehr - meist weil Weichen oder Türen eingefroren waren; einen dramatischen Ausfall der Fahrzeugflotte wie in Berlin gab es an Rhein und Ruhr aber nicht, wie eine Sprecherin des Verkehrsverbundes VRR auf Anfrage bestätigte.

Was also ist in Berlin anders? Der bloße Blick auf die Zahlen hilft wenig. Die S-Bahn Berlin betreibt mit etwa 3000 Mitarbeitern ein 332 Kilometer langes Netz mit einer Flotte von insgesamt 632 Doppelwagen. In Hamburg sind etwa 1000 Mitarbeiter für ein 147 Kilometer langes Netz und knapp 200 Fahrzeuge zuständig. In München betreuen ebenfalls etwa 1000 Mitarbeiter den Betrieb auf dem 442 Kilometer langen Netz mit knapp 300 Fahrzeugen. Auch die eingesetzten Züge sind in München und Hamburg etwa gleich alt wie der Großteil der Berliner Flotte.

Bei der Frage nach den Ursachen für die unterschiedlichen Winterfolgen schweigt sich auch die Deutsche Bahn aus. Die S-Bahnen in Berlin, München und Hamburg gegenüberzustellen sei wie "Äpfel mit Birnen zu vergleichen", sagte ein Sprecher. Die Berliner S-Bahn sei in vielerlei Hinsicht ein Einzelfall. Technisch gesehen ist nur Hamburg vergleichbar. Auch dort fahren die Züge auf einem autarken Netz mit Energieversorgung über eine Stromschiene. Überall sonst in Deutschland fahren die S-Bahnen im Oberleitungsnetz, das sie sich mit dem Regional- und Fernverkehr teilen müssen.

Ein Argument, das, so sagen Experten, aber eher für eine höhere Zuverlässigkeit des Berliner Systems sprechen müsste. Hans-Werner Franz, Geschäftsführer des Verkehrsverbundes Berlin-Brandenburg (VBB), sieht die Ursachen für die aktuelle Misere deshalb auch nicht auf der technischen Seite.

Missmanagement und Konzernpolitik der Deutschen Bahn in der Vergangenheit seien auch für die aktuellen Probleme verantwortlich, ist Franz überzeugt. Der Konzern habe - anders als etwa in Hamburg - vor Jahren eine "völlig unerfahrene Geschäftsführung" installiert und den damaligen S-Bahn-Chef Günter Ruppert, einen erfahrenen Eisenbahner, abgelöst. Zugleich stieg der Gewinndruck auf die Berliner Nahverkehrstochter enorm. Kein anderes Tochterunternehmen im Nahverkehr sei "derart ausgequetscht" worden wie die Berliner S-Bahn.

Nach ursprünglichen Planungen der Bahn sollten allein im vergangenen Jahr 125 Millionen Euro als Gewinn der S-Bahn in die Konzernkasse fließen. Um das Ziel zu erreichen, wurde Personal abgebaut, wurden Werkstätten geschlossen und - was gerade jetzt besonders schmerzt - massiv die Fahrzeugreserve reduziert. Mit den Spätfolgen kämpft die S-Bahn nach Einschätzung des VBB-Chefs bis heute, obwohl die Zahl der Mitarbeiter längst wieder gestiegen ist, eine erfahrene Geschäftsführung eingesetzt und Werkstätten wieder eröffnet wurden und die Gewinnerwartung einem erwarteten Jahresverlust im dreistelligen Millionenbereich gewichen ist. Vor allem die fehlende Zugreserve sehen auch andere Branchenkenner als eine der Ursachen für das Desaster. Alte, aber vergleichsweise zuverlässige Züge, die stillgelegt oder sogar verschrottet wurden, fehlen der Berliner S-Bahn jetzt, um die Ausfälle der modernen, aber empfindlichen Flotte auszugleichen.

"Die Berliner S-Bahn wurde über Jahre systematisch ausgequetscht"

H.-W. Franz, VBB-Chef