S-Bahn-Krise

400 000 Fahrgäste müssen auf BVG umsteigen

Das vergleichsweise milde Wetter hat bei der angeschlagenen Berliner S-Bahn am Dienstag für leichte Entspannung gesorgt. Weil mehr Züge als geplant aus den Werkstätten kamen, konnten auf einigen Linien der Stadtbahn und der Nord-Süd-Bahn mehr Fahrten angeboten werden als noch am Vortag.

Trotzdem bleibt die Lage im Nahverkehr mehr als angespannt. Denn auch die Berliner Verkehrsbetriebe (BVG) stoßen inzwischen an ihre Grenzen. Seit Montag setzt das Landesunternehmen auf vielen U-Bahn-Linien mehr Züge im Berufsverkehr ein. S-Bahn-Chaos und Zusatzverkehr bescheren der BVG täglich 350 000 bis 400 000 zusätzliche Fahrgäste. "Noch ist es voll, aber nicht übervoll", sagt Unternehmenssprecherin Petra Reetz.

Am kommenden Montag kann sich die Situation nach ihrer Einschätzung aber noch einmal verschärfen. "Traditionell ist die Fahrgastzahl in der ersten Januarwoche eher gering", so Reetz. Mit dem Wochenstart am 10. Januar wird sich das aber ändern, weil viele Urlauber erst dann ins neue Berufsjahr starten.

Eine weitere Aufstockung des U-Bahn-Angebots ist kaum möglich, weil der BVG dafür das nötige Personal fehlt. Derzeit prüfen die Verkehrsbetriebe aber, ob von der kommenden Woche an auch der Straßenbahnverkehr verstärkt werden kann. Zusätzliche Fahrten wird es wohl nicht geben. Möglich wäre es laut Reetz aber, dass auf wichtigen Linien längere Züge eingesetzt werden.

Schulunterricht abgemeldet

Nicht nur in den gänzlich vom Netz abgehängten Ortsteilen Hohenschönhausen und Spandau sorgt der seit Sonntag geltende "Notnotfahrplan" für Chaos im Berufsverkehr. Betroffen sind auch Unternehmen und Einrichtungen in der Innenstadt. So macht Charlottenburg-Wilmersdorfs Schulstadtrat Reinhard Naumann (SPD) darauf aufmerksam, dass es wegen des eingeschränkten S-Bahn-Angebots zu massiven Schulwegproblemen kommt, insbesondere für die drei sonderpädagogischen Förderzentren an der Waldschulallee und am Maikäferpfad in Eichkamp, die Ernst-Adolf-Eschke-Schule, die Helen-Keller-Schule und die Reinfelder-Schule.

"Die Einstellung des S-Bahn-Verkehrs zwischen Westkreuz und Spandau hat schwerwiegende Auswirkungen auf den Schulbetrieb." Die Mehrzahl der zum Teil taubstummen und schwer hörbehinderten Schüler der Förderzentren in Eichkamp sei wegen der weiten Anfahrtswege aus anderen Bezirken auf die sichere Anfahrt mit der S-Bahn angewiesen. "Einige Eltern haben ihre Kinder wegen der S-Bahn-Probleme vom Unterricht abgemeldet."

Unterdessen läuft das von Verkehrssenatorin Ingeborg Junge-Reyer (SPD) gesetzte Ultimatum am heutigen Mittwoch aus. "Wir sind sehr gespannt, was die Bahn uns mitteilen wird", sagte ihr Sprecher Mathias Gille. Die Senatorin erwarte, dass die Bahn detaillierte Pläne präsentiere, in denen der Weg aus der Krise aufgezeigt werde. "Wir wollen klare Fakten, die zeigen, wie das Unternehmen gedenkt, mehr Züge auf die Gleise zu bringen", so Gille. Die Senatorin hatte die Bahn-Tochter bereits am 15. Dezember abgemahnt und musste dann ohnmächtig zusehen, wie sich die Situation immer weiter verschlechterte. Nach dem Notfahrplan im Dezember folgte zum Jahreswechsel ein "Not-Notfahrplan". Doch viel mehr, als dem Konzern mit Schadenersatzforderungen und einbehaltenen Zahlungen für jeden nicht gefahrenen Kilometer abzuverlangen, kann die Senatorin nicht tun. Bereits 2010 behielt das Land von den vereinbarten 236,4 Millionen Euro mehr als 52 Millionen zurück. "Wir wissen auch, dass es bundesweit keine Wagen gibt, die angefordert werden könnten, um die Situation in Berlin zu entschärfen", sagte Gille.

Bahn-Chef im Abgeordnetenhaus

So bleibt es wie schon im Vorjahr dabei, der Bahn mit Vertragsstrafen zu drohen und für die Kunden Entschädigungen auszuhandeln. Am Montag kommender Woche soll Bahn-Chef Rüdiger Grube im Verkehrsausschuss des Berliner Abgeordnetenhauses ein entsprechendes Angebot unterbreiten. Grube habe sein Kommen zugesagt, sagte Junge-Reyers Sprecher. Im Vorfeld des Termins fordert die Bahngewerkschaft EVG bereits, einen "Sonderbeauftragten S-Bahn" bei der Deutschen Bahn AG zu berufen, der in enger Abstimmung mit Unternehmensleitung und Berliner Senat an einem "umgehenden Ende der S-Bahn-Krise" arbeitet. "Die größten Widersacher der Berliner S-Bahn in ihrer bewährten Struktur scheinen derzeit im Bahn-Tower am Potsdamer Platz zu sitzen", sagte EVG-Bevollmächtigter Klaus Just am Dienstag.

In der Senatsverwaltung hofft man deshalb, dass Bundesverkehrsminister Peter Ramsauer (CSU) in seiner Funktion als Aufsichtsrat der DB AG "endlich dafür sorgt, dass der Verkehr bei seinem Tochterunternehmen, der S-Bahn, wieder rollt", so Gille. Nur der Bund als Eigentümer des Unternehmens könne den nötigen Druck ausüben. Wie aus Ministeriumskreisen zu erfahren war, hat der Minister auf die Kritik bereits reagiert: Am Donnerstag wird sich Ramsauer mit dem Bahn-Chef sowie dessen Personenverkehrsvorstand Ulrich Homburg treffen.