S-Bahn-Krise

Die Abgehängten

Dreckiger Schnee bedeckt den Vorplatz des S-Bahnhofs Wartenberg in Hohenschönhausen. Vereinzelte Böllerreste der Silvesterparty künden davon, dass dieser Ort auch fröhlichere Zeiten kennt.

Gestern aber bietet sich ein trauriger Anblick: An der Unterführung zu den Gleisen informiert ein Schild der Deutschen Bahn, dass hier keine S-Bahn verkehren wird zwischen den Bahnhöfen Wartenberg und Springpfuhl. Als Grund dafür nennt die Bahn "störungsbedingte Fahrplanänderungen". Auch wenn die Ausfälle der S 75 schon seit Sonntag andauern, erleben auch am Dienstag wieder S-Bahn-Reisende eine böse Überraschung am Bahnhof.

Eine der Betroffenen ist Bärbel Kämpfer, die dringend auf die Bahn angewiesen ist, um pünktlich zu ihrer Schicht in einer Bäckerei in Friedrichsfelde zu kommen. "Eigentlich reicht es, wenn ich morgens um 4.15 Uhr aufstehe", sagt die Wartenbergerin. Seit die S-Bahn ihren Bahnhof nicht mehr anfährt, muss Bärbel Kämpfer jetzt schon um 3.30 Uhr aus dem Bett. "Diese Dreiviertelstunde eher aufzustehen tut schon weh", klagt die blonde Frau.

Damit sie ihren Dienst in Zeiten des S-Bahn-Chaos trotzdem rechtzeitig antreten kann, muss die Verkäuferin nun auf Straßenbahn und Bus ausweichen. "Die größte Schweinerei an dieser ganzen Sache ist doch, dass die S-Bahn nichts aus der Misere des letzten Jahres gelernt hat", empört Kämpfer sich. Und nach den Bauarbeiten im Sommer sei wieder ihr Stadtteil von den S-Bahn-Ausfällen betroffen: "Da bekommt man langsam schon das Gefühl, dass man auf dem Mars lebt", sagt Bärbel Kämpfer.

Währenddessen erregt sich eine weitere Frau vor der Informationstafel der Deutschen Bahn. "Nicht mal die primitivsten Sachen bekommen die hin", sagt Elke Schuster, die vorsichtshalber ihr Fahrrad mitgebracht hat. Über Silvester sei ihr Sohn zu Besuch gewesen, am Montag wollte er mit der S-Bahn zum Hauptbahnhof fahren - und stand stattdessen vor dem verlassenen Bahnhof.

Kritik an der Informationspolitik

"Dieses Chaos hat doch System", stimmt Bärbel Kämpfer in die Beschwerden von Elke Schuster ein. Und trotzdem spreche die S-Bahn auf ihrer Homepage noch von vereinzelten Störfällen. Überhaupt bemängeln die beiden Frauen die katastrophale Informationspolitik: Als Bärbel Kämpfer sich am Sonntagabend über die Verkehrssituation habe informieren wollen, hieß es dort, die S-Bahn fahre. "Und am Montagmorgen stand ich natürlich trotzdem am abgekoppelten Bahnhof - das ist doch eine Schande."

Als böten die Ausfälle noch nicht genügend Anlass zu Empörung, setze die S-Bahn sogar noch einen drauf, denn: Zum Jahreswechsel erhöhte sie die Fahrpreise für das Einzelticket AB um 20 Cent auf 2,30 Euro. "Das ist doch der Gipfel der Dreistigkeit", sagt Bärbel Kämpfer. Zustimmung bekommt die Wartenbergerin vom Lichtenberger Verkehrsstadtrat Andreas Geisel (SPD), der die Situation als untragbar beschreibt: "Hier wird doch eine komplette Großstadt einfach so abgekoppelt." Es seien Hunderttausende Kunden betroffen, von denen viele beruflich auf die S-Bahn angewiesen sind. Geisel fordert deshalb Sofortmaßnahmen, denn der Ersatzverkehr aus Tram und Regionalbahn sei keine wirkliche Alternative. "Die Taktung ist bei Weitem nicht hoch genug, und ich kann absolut nachvollziehen, dass die Bürger am Ende ihrer Geduld sind." Weil der Stadtrat mit einer baldigen Normalisierung des Verkehrs nicht rechnet, will er sich heute direkt bei S-Bahn-Chef Peter Buchner beschweren. Dadurch, dass die S-Bahn täglich neue Wagen auf die Schiene bringe, verkehre die S 75 seit gestern bereits wieder zwischen Westkreuz und Springpfuhl. "Da kann es doch nicht so schwer sein, mit zwei Wagen mehr auch die Bahnhöfe Hohenschönhausen und Wartenberg zu bedienen", sagt Stadtrat Geisel. Aus seiner Entrüstung über den chaotischen S-Bahn-Verkehr macht er keinen Hehl: Offenkundig habe der Betreiber aus dem Debakel des vergangenen Winters nichts gelernt. Deshalb führt seiner Ansicht nach nichts an einer Neuausschreibung des Betriebs zum nächstmöglichen Zeitpunkt 2017 vorbei. Auch der Umgang des Eigentümers, also der Deutschen Bahn, mit den neuerlichen Ausfällen sei kläglich. "Kein Kommentar - so einfach kann man sich da nicht aus der Affäre ziehen", sagt Andreas Geisel.

Die Wut der Reisenden über den eingeschränkten Betrieb ist groß - und entlädt sich oft bei den Falschen, wie Bärbel Kämpfer findet. Auf dem Weg zur Arbeit beobachte sie seit Anfang der Woche, wie Bahn-Mitarbeiter das DB-Emblem auf ihren Jacken verdeckten, um der Entrüstung der Kunden zu entgehen. Dabei könnten die kleinen Mitarbeiter ja nichts dafür. "Ich würde mir aber trotzdem wünschen, dass hier mal jemand wäre, der mir erklären kann, wie ich hier vernünftig aus Wartenberg wegkommen soll", sagt Andreas Berenyi, der ratlos vor der Informationstafel am Bahnhof steht. Wenn die S-Bahnen nicht führen, müsste doch Personal übrig sein, das ein wenig Service und Information auf den Bahnsteigen biete. Berenyi zuckt ratlos mit den Schultern und geht zurück nach Hause, weil er seinen Termin am Nollendorfplatz ohnehin nicht mehr rechtzeitig erreichen würde.

Not-Notfahrplan unzureichend

Als "völlig inakzeptabel" bezeichnet auch der Bürgerverein Hohenschönhausen den Notfahrplan der S-Bahn. "60 000 Bürger aus Malchow, Wartenberg, Falkenberg und Hohenschönhausen sind durch die Einstellung der Linie S 75 praktisch von der Innenstadt abgeschnitten", so der Vereinsvorsitzende Rainer Wiebusch. Das sei ein Skandal. Der Alternativplan - also auf die U-Bahn und die Regionalzüge auszuweichen - sei wenig hilfreich. "Wer so etwas von sich gibt, der sollte mal seinen Schreibtischsessel verlassen und vor Ort ausprobieren, was er den Leuten eigentlich zumutet", fordert der Bürgerverein von den Verantwortlichen der S-Bahn.

Dass sich das Chaos bald legt, daran glaubt Bärbel Kämpfer nicht. In der Bäckerei will die Verkäuferin deshalb erst einmal keine Frühschichten mehr übernehmen. Und auch Elke Schuster hat sich eingestellt: Für ihr Fahrrad besorgt sich die Rentnerin Spikes, damit der Winter sie - anders als die S-Bahn - nicht auch schachmatt setzt.