S-Bahn-Krise

Hochkonjunktur in den Werkstätten

Es sind Krankenstationen, die dieser Tage möglichst viele Patienten wieder fit machen sollen: die Werkstätten der S-Bahn. Fast 600 Techniker arbeiten an mehreren Standorten im Schichtbetrieb.

Wannsee, Grünau, Friedrichsfelde, Oranienburg und Erkner sind für betriebsnahe Instandhaltungen, also einfachere Reparaturen und Wartungsarbeiten, zuständig. Schöneweide kümmert sich um die harten Brocken, dort werden auch mal Züge zerlegt.

Die Dauerkrise bei der S-Bahn sorgt, wenn man so will, für Hochkonjunktur in den Berliner und Brandenburger Werkstätten. 120 zusätzliche Techniker wurden in den letzten Monaten und Wochen eingestellt. Mechatroniker, Ingenieure oder Wagenmeister, die die rot-gelben Wagen wieder flottmachen sollen.

Rätsel um verwaiste Hallen

"Sie sind an sieben Tagen rund um die Uhr im Einsatz", versicherte ein Bahn-Sprecher. Aktuell verbessere man sich dadurch um circa 20 Viertelzüge pro Tag. Ein Foto vom letzten Sonntagnachmittag zeigt allerdings eine fast menschenleere Halle in der Grünauer Werkstatt. Auf Nachfrage teilte die Bahn mit, dass teilweise unter den Zügen gearbeitet werde, was erkläre, warum nur ein Mitarbeiter auf dem Bild zu sehen sei.

Laut Bahn rollen bis zu 90 Fahrzeuge täglich in die S-Bahn-Werkstätten. Kleinere Probleme wie Verschleiß und Vandalismus müssen behoben werden. Sorge bereiten aber die Schäden, die der harte Winter verursacht hat.

Allein seit Dezember vergangenen Jahres gab es rund 1000 Antriebsstörungen, die durch Flugschnee, Kälte oder Wind verursacht wurden. Defekte Fahrzeuge, so erklärt es ein Sprecher, müssten zunächst abgetaut werden. Manchmal dauert es mehrere Stunden, bis die Frostzapfen verschwinden, erst dann können die Techniker überprüfen, woran der Zug krankt und wie der Mangel behoben werden kann. "Im schlimmsten Fall stellt er fest, dass der Fahrmotor kaputt ist und ausgetauscht werden muss", sagt der Sprecher. Seit Dezember passierte das 261 Mal. Ständig müssen Reservemotoren geliefert, defekte Motoren aufgearbeitet werden.

Wie sieht derzeit der Alltag eines "Wiederganzmachers" aus? Der S-Bahn-Sprecher hält sich bedeckt. Anrufe in den Werkstätten mag er derzeit nicht erlauben, ebenso wenig sind in diesen Tagen Besuche von Journalisten erwünscht. "Die Arbeit der Techniker darf nicht behindert werden", heißt es.

Die Dauerkrise der S-Bahn beschert Brandenburger Werkstätten massiv Arbeit. In Oranienburg beispielsweise waren vor Kurzem nur ein Meister und zwei Handwerker im Einsatz. Inzwischen arbeiten dort über 60 Personen - einige von ihnen warb die Bahn sogar in Bayern oder im Saarland ab.

Auch der Standort Erkner wurde wieder belebt. In der alten Reparaturwerkstatt, die bereits vor Jahren dem Verein Historische S-Bahn überlassen worden war, wird wieder geschraubt, geschweißt und gebohrt. Derzeit sind dort zwölf Mitarbeiter im Einsatz, auch sie arbeiten 24 Stunden, in drei Schichten. Ein Mitarbeiter schilderte in der "Märkischen Allgemeinen", dass jeweils zwei verkürzte Züge auf die zwei Gleise in der Halle passen. Mit einem Wärmegebläse wird enteist. Wenn alles gut läuft, kann ein Zug pro Schicht wieder auf Vordermann gebracht werden.

Besonders zeitraubend ist noch immer die Untersuchung der Räder, die Techniker per Wirbelstrom durchführen. Sie sind auf der Suche nach Rissen. Alle 30 000 Kilometer, so schreibt es das Eisenbahn-Bundesamt vor, ist diese gründliche Überprüfung der Räder Pflicht. Dazu klettern Mechatroniker in die Grube unter den Gleisen. Ihre Arbeitsgeräte haben die Größe und Form eines Zahnarztbohrers, ein roter Lichtstrahl gleitet über die Innenseiten der großen Radscheiben. Im Mai 2009 hatte ein Radbruch die seitdem andauernde S-Bahn-Krise ausgelöst.

Rückstau von 200 Zügen

Auch wenn man sich pro Tag um 20 Viertelzüge verbessert, der Rückstau von 200 Viertelzügen könne aber nicht von einem Tag auf den anderen abgebaut werden, sagte ein Bahn-Sprecher. "Der Wetterbericht ist günstig, somit sollte es in den nächsten Tagen aufwärtsgehen", sagte er. Wann die S-Bahn wieder nach Fahrplan rollt, wollte er nicht prognostizieren. Die Berliner aber hoffen, dass die Patienten schnell wieder aus Krankenstationen auf die Strecken rollen können.