Nahverkehr

Verkehrsverbund erwartet Winterchaos bei der S-Bahn

"Wenn der Winter hart wird, werden wir Probleme bekommen." Mit diesem Satz gab Hans-Werner Franz, Chef des Verkehrsverbundes Berlin-Brandenburg (VBB), gestern eine düstere Prognose für die bevorstehenden kalten Monate ab. Franz war in den Verkehrsausschuss des Abgeordnetenhauses gekommen, um aus seiner Sicht die aktuelle Situation der Berliner S-Bahn darzustellen.

Und sein Fazit fiel trotz aller Bemühungen der seit 16 Monaten amtierenden S-Bahn-Geschäftsführung nicht positiv aus.

Noch immer seien täglich nur 74 Prozent der Fahrzeugflotte einsatzbereit, sagte Franz. Noch immer fehlten die Linien S 85 und S 45, noch immer könne auch der längst versprochene Zehn-Minuten-Takt auf der Linie S 25 nicht gefahren werden. Einschränkungen für die Fahrgäste gebe es zudem durch die jetzt gestartete tägliche Kontrolle der Besandungsanlagen an den Zugbremsen. Es seien Verspätungen zu erwarten, so der VBB-Chef. Nach Angaben eines S-Bahn-Sprechers liefen die neuen Sicherheitschecks gestern allerdings reibungslos an.

Angesichts der Vielzahl der Probleme sei die Rückkehr zum vollen Verkehrsangebot frühestens Ende kommenden Jahres möglich, sagte Franz. Zudem habe die S-Bahn dem Verkehrsverbund jetzt schriftlich mitgeteilt, dass vor Winterbeginn zwar viele Vorbereitungsmaßnahmen eingeleitet seien, aber nicht alle technischen Fragen gelöst werden könnten. Noch immer fehle es an Kapazitäten, um Züge zu enteisen. Noch immer seien Heizungsprobleme ungelöst, so Franz. S-Bahn-Chef Peter Buchner hatte in der Vorwoche gesagt, dass zumindest die bei Schnee anfälligen Bauteile der Motoren nun ausgetauscht werden sollen. Allerdings werde der Umbau aller Züge fünf Jahre dauern.

Viel zu lange dauerten die notwendigen Veränderungen bei der S-Bahn, kritisierte VBB-Chef Franz gestern. So habe der Mutterkonzern erst jüngst die nötigen Investitionen zur schon im Dezember 2009 beschlossenen Reaktivierung der Werkstatt Friedrichsfelde eingeleitet.

Gern hätten die Ausschussmitglieder gestern auch von der Deutschen Bahn oder ihrer Berliner Nahverkehrstochter Auskünfte zur aktuellen Situation bekommen. Doch erneut düpierte der Staatskonzern die Landespolitiker. Trotz Einladung erschienen weder Bahn-Chef Rüdiger Grube noch DB-Personenverkehrsvorstand Ulrich Homburg zur Anhörung. "Die Bahn will sich zu den zentralen Fragen nicht äußern. Das ist sehr ärgerlich", kritisierte CDU-Verkehrsexperte Oliver Friederici. Claudia Hämmerling (Grüne) sprach von einer "Informationspolitik unter aller Kanone".

Der SPD-Abgeordnete Christian Gaebler sagte: "Die Politik der Null-Aussagen ist sicher kein gutes Zeichen - und auch kein gutes Bewerbungsschreiben für die Zukunft." Wie jene Zukunft für die Berliner S-Bahn aussehen soll, darüber streiten rot-rote Koalition und Oppositionsvertreter weiter. Der laufende Verkehrsvertrag endet 2017. Nach Aussagen von Verkehrssenatorin Ingeborg Junge-Reyer (SPD) ist noch keine Entscheidung gefallen, wie es danach weitergehen soll. Die Frage lautet: Öffentliche Ausschreibung, Übernahme der S-Bahn durch die landeseigene BVG oder durch das Land selbst? Während die Linken sich für eine Direktvergabe an die BVG aussprechen, ist die Meinung in der SPD nach wie vor geteilt. "Wir würden eine Ausschreibung gern verhindern, aber dafür müssen die Bedingungen stimmen", sagte Gaebler gestern. Die SPD will sich erst nach dem Parteitag im November endgültig positionieren. In der Opposition ist dies längst geschehen. Die CDU will per Wettbewerb einen neuen Betreiber für das S-Bahn-Netz finden. FDP und Grüne sprechen sich für eine Ausschreibung in Teillosen aus. Ihre Begründung: Kein neuer Anbieter könne bis 2017 die Fahrzeuge für den Gesamtbetrieb beschaffen.