Schweden

Auf den Spuren einer glücklichen Zeit

Die Küche ist neu, aber der Schaukelstuhl ist derselbe und die beiden braunen Holzschränke im Wohnzimmer sind immer noch da.

"Es ist, als ob man nie weg war. Ich fühlte mich direkt wie zu Hause", sagt Christine Jagoda aus Spandau. Zusammen mit ihrem Mann Detlef Jagoda ist sie, nach 37 Jahren, wieder zu Besuch in Schweden - auf dem Bauernhof in dem kleinen Dorf Bjurön, wo sie viele Sommer ihrer Kindheit verbracht hat.

Zwischen Ende des Zweiten Weltkrieges und Mitte der 90er-Jahre wurden viele Tausende deutsche Kinder für einige Monate oder Wochen nach Nordeuropa geschickt. Vor allem nach Schweden und Norwegen. Anfangs handelte es sich um eine Hilfe für Kriegskinder, die während dieser Monate zur Ruhe kommen und gutes Essen bekommen sollten. Später wurde diese Hilfe angeboten, um die Freundschaft zwischen den Nationen zu fördern und Kindern, die in West-Berlin in schwierigen sozialen Verhältnissen lebten, zu helfen. Christine Jagoda ist eines dieser Kinder, die in Schweden "Berlinbarn" genannt wurden - Berliner Kinder.

Die Spandauerin kann sich immer noch gut an ihre erste Reise erinnern. Damals lebte sie mit ihrer Familie in einer Wohnung in West-Berlin. 1961 sollte die damals Fünfjährige einige Monate bis zum Schulanfang in dem kleinen Dorf in Lövånger in norrländischen Västerbotten verbringen. "Ich hatte einen Zettel um den Hals mit einem Kreis drauf", erzählt sie. "Die Farben auf den Kreisen standen für verschiedene Landesteile von Schweden und Norwegen."

Die Hilfe in Schweden wurde von vielen Organisationen und kirchlichen Gemeinden organisiert. Allein die Organisation Berlinbarnhjälpen vermittelte Plätze für etwa 50 000 Kinder. Die Reise von Christine Jagoda dauerte damals drei Tage. Bevor sie von Berlin aus mit dem Zug losfuhr, hatte ihre Familie ein anderes kleines Mädchen gesehen, das den gleichen Nachnamen auf dem Anschriftenzettel hatte. Die beiden Mädchen wurden Freundinnen. Die Kinder, acht in einem Zugabteil, schliefen auf ihren Koffern, die die Betreuer zwischen die Sitze gestellt hatten. Während der Reise wurden die Jungen und Mädchen nach Kreisen sortiert. Am Bahnhof in Skellefteå, in Nordschweden, hielten sich die beiden Mädchen an den Händen fest, wurden aber von einem Mann auseinander gerissen. Er las auf den Zetteln: Norlund, Emil und Norlund, Oskar. "Es war ein Albtraum. Ich schrie nach meiner Freundin", erinnert sich Christine Jagoda.

Zum Glück waren die Familien, wo die beiden Jungen lebten und die beiden Mädchen damals unterkamen, Nachbarn. Christine Jagoda und ihre Freundin konnten zusammen spielen.

Kein Heimweh nach Berlin

"Im Winter 1961 lag so viel Schnee, dass man die Eingangstreppe nicht sehen konnte. Da bauten wir einen Tunnel. Der Weihnachtsmann kam in einem großen Schlitten und hat einen großen Sack Geschenke vor die Tür gestellt", erinnert sich die heute 55-Jährige, während sie in der Küche im roten Sommerhaus in Bjurön sitzt. Die Tochter der Familie, Barbro Norlund, heute verheiratete Barbro Windh, und ihre Cousine fuhren damals mit den Mädchen Schlitten. Christine Jagoda erinnert sich auch, wie die Männer nach der zu jener Zeit noch erlaubten Seehundjagd mit dem Ruderboot über das Eis zurückkamen. Auf die Frage, ob sie nicht ihre Eltern und Geschwister in Berlin vermisste, antwortet sie, dass damals alles so neu war, dass sie kein Heimweh empfunden habe. "Aber für meine Mutter war es bestimmt schwer, mich nicht zu sehen." Die Rückkehr nach Berlin, das Einleben zu Hause war später schwer. Christine Jagoda hatte Schwedisch gelernt und wollte in Berlin kein Deutsch mehr sprechen. Sie besuchte in den nächsten zehn Jahren im Sommer immer wieder ihre Gastfamilie in Schweden.

"Meine Pflegeeltern Henny und Emil waren ganz lieb. Von Henny habe ich viel gelernt: backen, häkeln, Teppiche weben und Kühe melken. Sie hat mich immer mitgenommen, und es machte Spaß mit ihr zusammen zu arbeiten." Die Erinnerungen sind jetzt, bei diesem Besuch in Schweden, immer noch lebendig. "Ich war die Jüngste und wurde verwöhnt. Meine Freundin und ich bekamen schöne Kleider, die die Mutter und Tochter nähten. Die Schuhe waren hellblau mit goldenen Schmetterlingen." Die vier Kinder des Ehepaares waren damals Teenager und junge Erwachsene. Zusammen mit den Brüdern Martin, David und Karl-Gösta Norlund durfte sie zum Fischen fahren und mit ihnen Modellflugzeuge bauen.

Christine Jagoda war 18 Jahre alt, als sie zum letzten Mal Bjurön besuchte und sich im Gästebuch in der Fischerhütte am Meer verewigte. Jetzt, viele Jahre später hat sie das Buch gefunden. Die Pflegeeltern sind vor einigen Jahren gestorben, aber die Söhne und ihre Frauen freuen sich über den Besuch aus Berlin. David Norlund besitzt den Bauernhof seiner Eltern. Seine Verlobte Gun Sandström und seine Schwester Barbro Windh sind auch da. "Schön, dass ihr hier seid", sagt Barbro Windh. Christine Jagoda und ihre Gastgeber unterhalten sich auf Schwedisch. "In Bjurön gibt es ein paar neue Häuser und ein paar Bäume weniger. Sonst hat sich nichts geändert", stellt die Spandauerin fest.

Auch ihr Ehemann Detlef Jagoda freut sich, in Schweden zu sein. Er hat zusammen mit David Norlund endlich Elche gesehen. "Fünf Elche in drei Tagen", sagt er. Detlef Jagoda ist stolz, seine Frau auch. Sie wollen den Kontakt nicht noch einmal abreißen lassen.