Berliner Zeitungskioske

Bühne frei für die Neuigkeiten des Tages

Um fünf Uhr morgens, wenn Nacht und Tag eins werden, glimmt an der Kantstraße in Charlottenburg ein bunter Würfel auf. Der Würfel - ein Kiosk - hat eine unbeleuchtete Hinterseite mit schmierigen Graffiti, die von den dunklen Stunden der Nacht erzählen. An den Seitenwänden kleben bunte Konzertankündigungen.

Die Vorderseite aber leuchtet hell die Straßenkreuzung aus wie ein Lastwagen im Leerlauf. Fast so, als wolle der Kiosk die Welt ein bisschen anschubsen: Los jetzt, aufwachen! Zeitung lesen!

Nur wenig später wird die Welt tatsächlich erwachen. Die ersten Kunden kommen vom nahen S-Bahnhof Savignyplatz, andere nach Schichtende aus den Promi-Kneipen und dem Altenheim nebenan. Sie kommen, um Zeitungen zu kaufen, Zigaretten - und um Achim und Uwe guten Morgen zu sagen, die hier die neuesten Nachrichten des Tages anbieten, seit 32 Jahren.

Im Eingang des Kiosks liegen durchweichte Zeitungen zum Abtreten der Schuhe. Vor der Durchreiche stehen ein Stuhl und ein Ölradiator, darüber hängen Zettel mit Telefonnummern und Sinnsprüchen. Weil man im Kiosk ein wenig höher steht als die Kunden draußen, hat der Platz tatsächlich etwas von einer Bühne - auf der allerdings nur Platz für eine Person ist: für Hans-Joachim Mewes, genannt Achim, den gemütlichen Herrn mit der schwarz-weißen Häkelmütze, der jetzt die frischen Zeitungen auslegt. Oder für seinen Partner Uwe Jacobi-Mewes, der ihn bald ablösen wird.

Es ist kalt im Kiosk. Unter den Leuchtreklamen, Plakaten, Aufstellern und Außenregalen verbirgt sich kein festes Gebäude, sondern ein schnöder Container. "Er stand ursprünglich am Lehniner Platz an der Schaubühne", erzählt Mewes. "Wir haben ihn Anfang der 80er-Jahre ersteigert." Ein Kiosk mit Theatergeschichte - neun Quadratmeter Bühne für das wirkliche Leben.

Unter den ersten Kunden ist tatsächlich ein Schauspieler. Misel Maticevic, zuletzt sah man ihn als fiesen Russen in der Serie "Im Angesicht des Verbrechens", ist in Wirklichkeit ein lustiger Kerl. Er nimmt seine Zeitung, macht Scherze und geht wieder. Mewes sortiert weiter, steckt Zeitschriften ins Regal an der Wand, links oben die Elternzeitschriften, dann Wirtschaft, Reise, weiter unten folgen die Themen Frauen, Klatsch und Rätsel. Auf den Hockern darunter stapelt Mewes unterschiedliche Sammlungen aus Zeitungen - mit System, wie sich bald herausstellen wird.

Ein schwarzer Mercedes A-Klasse stoppt, der Fahrer steigt aus, Anzug, roter Schlips, Mewes hat schon alles vorbereitet, als er den Kiosk erreicht und ruft: "Guten Morgen!" Die Zeitung wird hinausgereicht, das Kleingeld hinein. Die Kasse ist nur ein einfaches Münzbrett in einer abgeschabten Holzschublade. Viel Wechselgeld haben sie nie, aus Sicherheitsgründen.

Auch bei den Zigaretten greift Mewes meist schweigend zu, bevor die Kunden den Kiosk erreichen. Er weiß meist schon vorher, was sie wünschen. "Der Herr möchte die Morgenpost, diese Dame holt zurückgelegte Zeitungen, das Mädchen dort raucht Pall Mall." Fast alle seien Stammkunden hier, sagt Mewes, nach manchen könne er die Uhr stellen. Er kündigt den ehemaligen israelischen Botschafter an und einen "Radfahrer", der jedoch nicht mit dem Rad kommt, sondern oft vom Radrennsport spricht. Beide erscheinen pünktlich.

Gegen neun Uhr wird das Wechselspiel schneller. Mewes faltet, rechnet, fischt Wechselgeld aus dem Münzenhäufchen vor ihm. Spielerisch sieht das aus - aber das war nicht immer so. "Als wir 1978 anfingen, war das Kopfrechnen die Hölle", erinnert er sich. Nach einem romantischen Jahr in Paris, waren die Mewes zurückgekehrt nach Berlin. "Paris war die Stadt meiner Träume", sagt Hans-Joachim Mewes, und Uwe, der inzwischen auch da ist, ergänzt: "Das Geld war alle." In der Berliner Morgenpost fanden sie eine Annonce: "Nachfolger für Kiosk gesucht". So wurden aus Weltenbummlern Zeitungsverkäufer. Hans-Joachim Mewes' Geschichte klingt ein bisschen wie der Würfel, in dem er sitzt - sie hat verschiedene Seiten, die die Gegenwart unterschiedlich beleuchten. Als Kind floh er vor den Bomben aus seiner Geburtsstadt Berlin aufs Land, dann abermals vor den russischen Soldaten, landete schließlich in Mecklenburg bei einer Tante und nahm, gerade 18 Jahre alt, 1956 einen Zug ohne Rückfahrt von Berlin (Ost) nach Berlin (West). Er spricht viel von Bertolt Brecht und dem Theater. Brecht, sagt er, habe ihn nach Berlin und Paris geführt. Von Beruf ist Mewes Klempner. Aber die Lehre mit 15 war damals Zufall - wie später der Kiosk.

Während er erzählt, schiebt Mewes einem Kunden vier Feuilletons zwischen die aktuellen Zeitungen und lächelt. In den Kulturteilen hat er Artikel angestrichen: "Meine Empfehlungen." Er lese praktisch nur Feuilletons, sagt er, "da steht genug Politik drin". Überhaupt liest er viel, auch Bücher: "Im Kopf ist doch so viel Platz." Inzwischen ist es nach zehn, Uwe Jacobi-Mewes stellt eine Kanne frischen Tee aufs Regal und nimmt einen der Zeitungsstapel. Er ist für die "Paris-Bar" nebenan bestimmt. Viel Prominenz komme bei ihnen am Kiosk vorbei, sagt Mewes, "hier wohnen viele Schauspieler, Politiker und Intellektuelle". Er zieht einen handgeschriebenen Zettel hervor. Gut 50 Namen haben sie aufgelistet. "Manche wollen nicht erkannt werden, mit anderen sind wir fast befreundet." Wie mit dem Schauspieler Robert Stadlober und dessen Manager. "Die haben uns nach einer Israel-Reise Datteln mitgebracht - wir hatten die Schildkröte des Managers gefüttert."

Ein weiterer Darsteller betritt den Schauplatz: "Er ist Schauspiel-Trainer", stellt Mewes den Herrn mit der Hornbrille vor. Dieser lächelt, nimmt seine englischen Zeitungen und sagt: "Ich mag diesen Kiosk. Er ist die Menschen-Ecke im Kiez."

Längst geht es am Kant-Kiosk nicht mehr allein um Zeitungen - um die 300 verkaufen sie am Tag. "Nach der Wende war der Kiosk eine Goldgrube", sagt Mewes. Heute bleibe am Ende des Monats gerade das Geld zum Überleben. "Es gibt immer mehr Läden, die Zeitungen verkaufen." Trotz allem klingt er gelassen. "Wenn nichts Schlimmes passiert, stehe ich hier auch noch mit 90", sagt er. Dann öffnet er die Teekanne. Um halb sieben wird Uwe ihn abholen kommen - ihn und die Zigaretten. Die nehmen sie mit, sicher ist sicher. Elf Mal ist bei ihnen schon eingebrochen worden. Das gehört zu den dunklen Seiten des Kiosks, an die Mewes aber jetzt lieber nicht denken will, auf seiner kleinen Bühne des wirklichen Lebens.

Doris Heils Bühne ist ein helles Ladengeschäft an der Pannierstraße in Neukölln. Die zwei freundlichen, warmen Räume sind über und über gefüllt mit Zeitungen, Zeitschriften, Magazinen, mit Einmachgläsern voller Süßigkeiten, Wein, ein wenig Pasta, Pesto - und Bier. "100 Sorten sind es wohl", Doris Heil, die Inhaberin, wirkt fast erstaunt bei dem Gedanken, wie ihr Geschäft seit 2005 gewachsen ist. "Heil-Quelle" nannte sie es damals, ein ironisches Wortspiel mit ihrem Nachnamen und dem Suffix der typischen Neuköllner Bierschwemmen. Die nannten sich analog zu den Flussnamen der Straßen gern "Quelle" - solange es noch welche gab. Inzwischen liegt die Heil-Quelle zwischen dem Szenekiez der Weserstraße und dem gerade wiederentdeckten "Kreuzberg 36".

"Angefangen haben wir mit Telefonkabinen und ein paar Zeitschriften", sagt Doris Heil. Mit ihrem Freund renovierte sie das ehemalige Restaurant Ecke Pflügerstraße. Solide Holzregale und Telefonkabinen wurden gebaut - "nach meinen Entwürfen", Doris Heil ist Architektin. "Dann wurde ich arbeitslos, nach einem Jahr wollte ich endlich wieder etwas Sinnvolles tun." Ihr Freund kocht nachts in einem Restaurant. Tagsüber hilft er im Laden. Er ist Libanese, so kamen sie auf die Telefon-Idee. "Aber heute telefoniert kaum noch jemand bei uns", sagt Doris Heil, "die Kundschaft hat sich verändert."

Im Schaufenster hängen Zeitungsartikel, die von dem Stück erzählen, das an der Pannierstraße spielt: "Mutige Kiosk-Frau schlägt Räuber nieder." Nord-Neukölln, Ort der größten Träume und größten Verlierer der Stadt - 15 Mal, sagt Doris Heil, sei bei ihr eingebrochen worden. Fünf Mal wurde sie überfallen, zuletzt im November. Der Täter richtete spätabends eine Pistole auf sie. "Mach schnell", raunzte er sie an. Und ihr schoss ein trotziger Satz durch den Kopf, den sie oft sagt: "Das hier ist mein Laden, und ich bestimme, wie man sich hier benimmt."

Voller Wut entriss Sie dem Räuber die Kleingeldschublade, die er aus der Kasse genommen hatte, weil ihm das Geld darin nicht reichte. Sie knallte sie ihm auf die Stirn. Er floh ohne Beute. Es war der fünfte Überfall, diesmal blieb sie unverletzt. Beim ersten, vor etwa vier Jahren, hatte der Täter ihr Tränengas in die Augen gesprüht und mit einer Schere auf sie eingestochen. Sie drosch mit einer Bierflasche zurück, "hinterher lag ich in einer Blutlache hinter den Tresen". Einbruch Nummer zwei und drei verübten Maskierte, der vierte verlief "glimpflich", wie es so schön heißt. "Ich schrie: ,Verpisst euch!'" Eine Sprache, die die Verbrecher verstanden - sie flohen.

Doris Heil, 50 Jahre alt, ist äußerlich das Gegenteil dessen, was man nach Lektüre der Artikel erwarten würde. Eine zierliche Person mit blondem Pagenkopf und Brille, gewählter Ausdrucksweise und freundlichem Lächeln. Keine Heldin, eher aufmerksame Beobachterin des Lebens um sie herum. Nach dem zweiten Einbruch kam ein Mann mit EC-Karten-Belegen in ihren Laden, die er bei seinem Sohn gefunden hatte. "Er dachte, er habe etwas gewonnen. Aber die Belege stammten aus der Beute des Überfalls." So konnte wenigstens ein Täter überführt werden. "Er war 15, schon öfter aufgefallen und wohnte in der Gegend", sagt sie. Eine Entschuldigung des Jungen bei der Gerichtsverhandlung akzeptierte sie nicht. Wieder ist da dieser Trotz, der, so sieht es aus, ihre beste Versicherung ist. Der sie sagen lässt: "Armut und Perspektivlosigkeit sind keine Rechtfertigung für Kriminalität."

Die Jugendlichen, die anfangs immer wieder in ihrem Geschäft herumlungerten, kommen heute nicht mehr. "Sie sind älter geworden, viele Familien sind inzwischen abgewandert in den Süden Neuköllns", sagt Doris Heil. Den anderen hat sie versucht, ein wenig Benehmen beizubringen. "Viele lernen offenbar zu Hause nicht, wie man sich in einer Gemeinschaft benimmt."

Am Ladeneingang hat sie ein Schild aufgehängt: "Schuhe abstapfen - bitte nicht auf der obersten Stufe, sonst klemmt die Tür." Als sich diese wenig später öffnet, steht ein vermummter Mann im Raum, Schal und Mütze lassen nur die Augen frei. "Mensch, du erschreckst mich", sagt Doris Heil zu dem Kunden, und als wenig später ein zweiter Mann ebenso vermummt im Raum steht, wird sie wütend: "Ich möchte nicht, dass ihr so hier reinkommt". - "Ach, Doris, du kennst mich doch", versucht es der Kunde. Sie versucht, ihre Angst zu erklären.

Die nächste Kundin kommt, Doris Heil ruft "Hallo!". Die Dame grüßt und verschwindet in der Telefonkabine, danach hört man minutenlang nichts. Wenig später summieren sich auf dem Computer stolze 3,50 Euro Gebühren. "Und das nur für die Hotline von Vattenfall, aber es geht nie jemand ran", empört sich die Kundin. Doris Heil rät: "Schick denen ein Fax, das ist billiger und bringt mehr."

Den größten Teil ihrer Kunden, sagt Doris Heil, kenne sie inzwischen persönlich. Die meisten werden geduzt. "Viele wohnen hier im Haus, da nimmt man auch mal ein Päckchen an oder hütet den Hausschlüssel." Andere kommen inzwischen gezielt wegen ihres besonderen Angebotes. Nicht wegen der Boulevardzeitungen, "die gibt's auch im Lottoladen nebenan. Ich verkaufe nach dem KaDeWe die meisten ausländischen Zeitschriften der Stadt", sagt Doris Heil. Ihr Stolz sind die vielen Magazine: So ziemlich alles aus Lifestyle, Mode, Kunst und Architektur, hochpreisige Titel, manches sind rare Einzelausgaben, die die Redakteure persönlich hierherbringen, "weil sie möchten, dass sie hier ausliegen".

Die Magazine sind die Antwort auf die neueste Inszenierung an der Pannierstraße: Das junge, hippe, kreative Berlin zieht nach Neukölln - eine neue Generation von Glücksrittern. Reichtum bringen aber auch die neuen Nachbarn nicht mit. Die Umsätze, sagt Doris Heil, reichten gerade zum Überleben - genau wie bei den Mewes. Ein Kiosk mit Massenpublikum sei trotzdem nicht ihr Traum. Sie wiegt kritisch den Kopf. "Diese hektischen Leute mit dem Handy am Ohr, die wortlos einen Kaffee kaufen und wieder gehen ..." Wer ihre Kunden sind, bestimmt sie lieber selbst. So kam es auch zu den 100 Biersorten. "Ich habe fast alles außer Billigmarken." Sie grinst. "Ich bin eben keine Trinkhalle. Das hier ist mein Laden."

Am S-Bahnhof Lichterfelde-West passieren kurz vor 18 Uhr viele Dinge gleichzeitig. Das ist meistens so, hier, wo sich das Leben auf wenigen Metern drängt. Bahnen kommen an, Menschen hasten über den kleinen Platz zwischen Bahnhof und Taxihalte, Boutiquen, Kaffeegeschäft, Eckrestaurant. Ein älterer Herr zieht einen Rollkoffer hinter sich her, gefolgt von zwei plaudernden Damen. Ein Polizist läuft von Passant zu Passant und stellt offenbar allen dieselbe Frage.

Mitten in all dem steht ein Kiosk - und Sonja. Sonja Gümüsdal, 28 Jahre alt, blondes Wuschelhaar, schwarze Lesebrille auf der Nase, steht an einem runden Bistrotisch vor dem Zeitungskiosk. Neben ihr stehen Menschen für belegte Brötchen an, frisch gebrühten Kaffee und Zeitungen. Sonja hat eigentlich Feierabend, ab fünf Uhr früh steht sie täglich im Kiosk und überschaut die Szene. Wer ihr zuhört, gewinnt den Eindruck, sie sei es, die hier Regie führt.

"Hallo, waren Sie im Urlaub?", fragt sie einen Herrn, der freundlich antwortet: "Ja, habe ich Ihnen gefehlt?" - "Ein Stammkunde, wie fast alle hier", kommentiert Sonja und lacht. Ein Junge bleibt stehen: "Mark oder Sören, sind die da?" Sonja schüttelt den Kopf, "heute noch nicht gesehen". Die meisten Kunden, sagt sie, kämen morgens auf dem Weg zur Arbeit vorbei und zu Feierabend gegen 18 Uhr. Sie ruft dem Polizisten zu: "Was suchen Sie?" - "Den Fahrer eines falsch geparkten Autos." Kurze Unruhe am Kiosk - nein, alle haben korrekt geparkt. Sonja ist erleichtert, der Polizist irgendwie auch, dann setzt er seine Suche fort. Inzwischen sind die Herrschaften mit den Koffern am Kiosk angelangt und stellen sich dazu. "Sie waren doch neulich im Fernsehen? Im RBB!", ruft eine Dame im Pelzmantel. Das Regionalfernsehen hat über die Institution von Lichterfelde-West kürzlich berichtet - in der Serie "Hallo Nachbar".

Die Nachbarn: Sonja Gümüsdal, ihr Chef Ugur Ciftci und die Kiosk-"Crew" aus weiteren jungen Leuten. Ugur ist 30, Türke - und Sonjas "Onkel", sie ist mit einem seiner Neffen verheiratet. Sonja stammt aus Friedenau. Die beiden zählen auf, was sich in den vier Jahren ereignet hat, seit sie den denkmalgeschützten Container am Bahnhof übernommen haben. "Da gibt es Kaffee-Peter, er trinkt immer Kaffee bei uns und hat uns auch schon mal sein Auto geliehen." Gleich mehrere Paare hätten sich an ihrem Kiosk kennengelernt. "Die ältesten sind ein 74-jähriger Mann und eine 70-jährige Frau." Auch Tragisches haben sie erlebt, wie den Tod einer Stammkundin, einer älteren Dame, deren Hausschlüssel sie zwei Jahre lang verwahrten, "weil sie sich öfter ausgeschlossen hat". Auch Promis haben sie getroffen, Rapper Bushido war einmal da, Schauspieler Max Martens komme öfter, "und Politiker, an deren Namen ich mich nicht erinnere".

Anfangs wussten sie nicht genau, was ihre Kunden kaufen würden. "Wir haben die leeren Regale mit Sixpacks aufgefüllt", Sonja lacht. Heute wissen sie: In Lichterfelde wird viel gelesen. "Viel 'Zeit' und Zeitschriften - aber auch viel Berliner Morgenpost", sagt Ugur: "Zeitungen sind etwas für die Seele." Der Kontakt zu den Kunden kam auch über die Kinder. "Wir dachten ja, dass hier nur ältere Leute wohnen", sagt Sonja, "aber es gibt wirklich viele Kinder hier." Also haben sie mittlerweile auch süße "Schnüre" im Angebot, Center-Shocks-Kaugummis und Paninibilder.

Weder Sonja noch ihr Chef haben eine Ausbildung, zumindest nicht nach den Maßstäben der deutschen Bildungsgesellschaft. Ugur hat lange im Imbiss von Verwandten um die Ecke gearbeitet. "Ich habe davon geträumt, einmal diesen Kiosk zu haben." Sonja wollte eigentlich Fotografin werden, hat die Ausbildung aber abgebrochen. Jetzt sind sie trotzdem wer. Sie wissen das, und es erfüllt sie mit Stolz. Und das Geschäft floriert auch. Gerade haben sie so etwas wie den Weltmeistertitel der Kiosk-Klasse errungen: Sie sind der verkaufsstärkste klassische Kiosk in Berlin - laut den Zahlen der Grossisten, die sie beliefern.

Um 18.30 Uhr unterbricht ein Rumpeln die lustige Runde am Kiosk-Tisch. Die Bürgersteige von Lichterfelde-West werden hochgeklappt, sozusagen. Das Geräusch kommt von einer eingefrorenen Markise. Nachts, sagen Ugur und Sonja, sind sie die Einzigen, die den kleinen Platz noch mit Leben erfüllen. Der Kiosk bleibt rund um die Uhr geöffnet. Lohnt sich das? "Was heißt 'lohnen'?", fragt Ugur. " Nachts kommen Taxifahrer und der Winterdienst. Und wenn die Nachbarn sagen, sie fühlen sich sicherer, seit wir da sind, lohnt es das auch."

Sonja und Ugur gucken sich zufrieden um. Die kleine, heile Welt von Lichterfelde-West wirkt ein bisschen wie die Kulisse der "Lindenstraße", jene Dauerserie, in der jede Person etwas über die Welt erzählt. In Lichterfelde-West sind das der Dorfpolizist, die Damen im Pelz und die jungen Leute jeglicher Herkunft, die am runden Tisch des Kiosks vom Sport erzählen, der Arbeit, der Liebe. In der "Lindenstraße" gab es ursprünglich auch einen Kiosk. Ihm passierte, was vielen echten "Büdchen" auch geschieht: Er war eines Tages nicht mehr da.

Die echten Kioske verschwinden unter anderem, weil Zeitungen zunehmend in Tankstellen und Supermärkten verkauft werden. Vielerorts ist die Konkurrenz zu groß. Es gibt aber keine Vereine, die Traditionen bewahren oder für Standorte kämpfen. Vielleicht liegt es daran, dass jeder Kiosk so anders ist. Jeder ist eben eine kleine Bühne der Nachbarschaft, in der er steht.

Die Kunden in Lichterfelde-West stehen immer noch bei Sonja, Ugur und den anderen. Sie warten auf ein Taxi, das nicht kommt. Ugur ruft eines per Handy. Der grauhaariger Herr mit dem Koffer lobt derweil mit leicht italienischem Akzent: "Sie haben hier sogar die 'Repubblica' und sind wirklich freundlich." Dann kommt das Taxi. Die Herrschaften steigen ein. Und die deutsch-türkische Kiosk-Crew ruft ihnen hinterher: "Arrivederci!"

Ich lese die Feuilletons der meisten Zeitungen. Im Kopf ist doch so viel Platz

Hans-Joachim Mewes, Inhaber des Kant-Kiosks in Charlottenburg

Viele unserer Stammkunden wohnen im Haus, da nimmt man auch mal ein Päckchen an oder hütet den Hausschlüssel

Doris Heil, Inhaberin der Heil-Quelle in Neukölln

An unserem Kiosk haben sich schon mehrere Paare kennengelernt. Die ältesten sind schon über 70

Sonja Gümüsdal, Kioskverkäuferin in Lichterfelde-West