Tageszeitung

Wie der Maler Georg Baselitz die "Welt" gestaltete

In der Morgenkonferenz gab er sich bescheiden. Es grusele ihn ein bisschen, denn das sei ja schon ein "großes Wagnis". Georg Baselitz, gestern zu Besuch im Verlagshaus Axel Springer in Kreuzberg, gestaltete vor dem 20. Jahrestag der Deutschen Einheit erstmals eine gesamte Zeitung selbst: Die komplette Ausgabe der "Welt" erscheint heute ohne Fotos, stattdessen sind zu den Artikeln Bilder aus einem extra dafür angefertigten Werkzyklus des 72-jährigen Künstlers abgedruckt.

Eine "irritierende, lustige, positive Idee", hatte er seinen Einsatz in Berlin genannt. Und schritt dann, gleich nach der Themenkonferenz am Morgen, zur Tat. Der Newsroom der "Welt" werde an diesem Tag zum Atelier, hatte "Welt"-Chefredakteur Jan-Eric Peters angekündigt. Und so war es auch: Farben, Tinte, Pinsel und Federn standen bereit. Georg Baselitz setzte einen herumstehenden Plastikmülleimer auf das Papier, goss schwarze Tinte rundherum und zeichnete mit schnellem Strich ein Selbstporträt in den entstandenen Kreis. Verkehrt herum. Eine Art Markenzeichen von Baselitz.

Ein halbes Jahr Vorbereitung habe er gebraucht. In seinem Atelier in Imperia an der italienischen Riviera entwickelte Baselitz die Motive für diesen besonderen Erscheinungstag. Das Ergebnis, eine Serie von etwa 50 Bildern, zeigt Menschen in Boxershorts ("Hose blau"), Männer mit Hut ("Orangenesser"), Adler ("Frisch Glück") und anderes. Bei all diesen Bildern ist Oben Unten und Unten Oben.

Die Immobilienseite beispielsweise schmückt das Kunstwerk "Der Kirgise und die Nachtigall vom Bodensee". Sogar auf dem Titel erscheint ausnahmsweise kein Foto mit Nachrichtenwert, sondern Baselitz' Bild mit dem Namen "Grüner Zweig". Ein aufsteigender Adler, Weiß auf Blau, oben ist wieder unten. Fast allen Motiven gemein ist, dass schwarze Farbe wie ein Vorhang herunter läuft. "Der Fluss der Zeit", so Baselitz, die laufende Farbe, zeige die Instabilität von allem.

Engagiert gegen die DDR

Georg Baselitz, 1938 als Hans-Georg Kern in Deutschbaselitz, Sachsen, geboren, gilt heute als einer der wichtigsten lebenden Maler der Bundesrepublik. Sein Werk umfasst Tausende Gemälde, Zeichnungen, Grafiken und Skulpturen.

Seit 1969 malt Georg Baselitz, der seinen Künstlernamen 1961 zu Ehren seines Geburtsortes annahm, seine Bilder quasi um 180 Grad gedreht. Mit dieser Umkehr der Motive, die für ihn, wie er sagt, die "Beseitigung der Inhaltlichkeit" mit sich bringt, wurde er ab Mitte der Siebziger Jahre weltbekannt.

Kurz nach dem Krieg zog er mit seinen Geschwistern und den Eltern, ein Lehrerehepaar, ins nahe Kamenz um. Nach dem Gymnasium studierte er Malerei an der Hochschule für bildende und angewandte Kunst in Weißensee, musste sie allerdings schon nach zwei Semestern wieder verlassen - wegen "gesellschaftlicher Unreife". Baselitz siedelte daraufhin nach West-Berlin über und studierte dort an der Hochschule der Bildenden Künste.

Die DDR und ihr Regime waren ihm stets zuwider. 1977 etwa zog er Bilder von der Kasseler documenta zurück, weil auch DDR-Künstler ausstellen sollten, in den Achtzigern legte er seine Professur an der Hochschule der Künste in Berlin nieder - aus Protest gegen die Berufung des Dresdener Malers Volker Stelzmann.

Im Newsroom der "Welt" erinnerte er sich gestern im Kreis der Redakteure und der angereisten Vertreter anderer Medien an den 3. Oktober 1990. An diesem Tag sei er damals mit seiner amerikanischen Schwiegertochter in Berlin unterwegs gewesen, am Checkpoint Charlie habe die Familie einen Moment inne gehalten. "Wir waren frei zu gehen. Und auch jetzt, zwanzig Jahre später, sind wir frei in unseren Entscheidungen", so Baselitz. Er freue sich jeden Tag, dass er als Künstler unabhängig arbeiten, frei reisen könne. Neben einem deutschen habe er mittlerweile auch einen italienischen Pass. Für ihn ein Ausdruck gelebter Freiheit.

Bei Verwandten, die im Osten Deutschlands leben, überwiege oft ein anderes Gefühl, erzählt Baselitz. "Die existenzielle Unsicherheit macht sie ängstlich."

Deutsch ist für ihn brutal

Der Werkzyklus für die "Welt" sei, wie sein Gesamtwerk, "typisch deutsch". Auch das ist für ihn Ausdruck der 1990 gewonnenen Freiheit: "Ich mache deutsche Kunst und bringe sie nach Amerika", sagte er gestern. Deutsch, das sei für ihn brutal. "Die Brutalität in Deutschland ist sichtbar geworden, oftmals, immer wieder, auch stilistisch." Die verlaufende schwarze Farbe auf seinen Motiven - auch Tränen, die er fließen lasse. Ein "Großmaler" sei er, denn: "klein ist peinlich." Er malt lieber auf großer Leinwand. Und so misst das Titelmotiv "seiner" Zeitung, der steigende Adler in Öl, im Original 2,70 Meter mal 2,10 Meter.

Als Georg Baselitz die fertigen Zeitungsseiten am Abend kurz vor Andruck noch einmal betrachtet, wirkt er zufrieden. "Wunderbar, das sieht doch lustig aus." Sein Selbstporträt und eines seiner Frau, der Künstlerin Elke Kretzschmar, zieren die obere Leiste der Titelseite, sein Name steht neben dem von Jan-Eric Peters im Impressum, als Chefredakteur, ehrenhalber.

Manche seiner Bilder passen auf manchmal skurrile Art und Weise zu den Nachrichten, die neben ihnen stehen. Zu einem Artikel zu den Stuttgart 21-Protesten etwa steht sein Motiv "Volkstanz", zum Tode des Schauspielers Tony Curtis und des Regisseurs Arthur Penn "Seid bereit, immer bereit VIII".

Die Zeitung erscheint an diesem Tag auf etwas dickerem Papier als sonst, damit die Farbe der Motive auch gut herauskommt.

Zum Abschied erzählt Georg Baselitz noch von einem Telefonat, das er gerade noch mit seinem Sohn in New York geführt hat. "Er sagte, dass er mich in einem Video im Internet gesehen hat, da stelle ich einen Mülleimer auf den Tisch und kippe Tinte auf das Papier." Na ja, sagt er dann noch, vielleicht hebe sich ja der eine oder andere diese Zeitung auf. Quasi wie eine Art Kunstwerk. Auf jeden Fall ist er gespannt auf Reaktionen auf diese besondere Zeitung für ein besonderes Datum.