Vertretungslehrer

"Wir werden an den Schulen dringend gebraucht"

Markus Reisch unterrichtet an einer Mariendorfer Grundschule Naturwissenschaften und Mathematik. Der 37-jährige Diplom-Biologe ist kein Lehrer, sondern von der Schule als Vertretungskraft eingekauft. Als solche hat er bereits an einer anderen Grundschule drei Jahre lang gearbeitet. Auch Klassenlehrer und Fachbereichsleiter war Reisch schon.

Da ständig jemand länger krank sei, könne er sich aussuchen, wen er vertrete. "Wir werden dringend gebraucht", ist sich der Quereinsteiger sicher. Auch weil er jung und ein Mann sei, wäre er an der Grundschule sehr willkommen.

Reisch, der selbst zwei Kinder hat, arbeitet gern an der Schule und hat "intensive pädagogische Erfahrungen", wie er sagt. Trotzdem wünscht er sich eine berufsbegleitende Fortbildung. "Wenigstens einen Crash-Kurs müsste es für Vertretungskräfte geben", sagt der Aushilfslehrer, der langfristig auf eine Festanstellung hofft.

Leute wie Markus Reisch werden aus dem sogenannten Personalkostenbudget bezahlt, das jeder Schule zum Einkauf von Vertretungslehrern zur Verfügung steht. Obwohl es dabei nur um eine kurzfristige Vertretung gehen soll, kommen viele Schulen längst nicht mehr ohne diese Kräfte aus, die dann meist für einen langen Zeitraum zum Kollegium gehören. Günter Peiritsch, Vorsitzender des Landeselternausschusses, kritisierte kürzlich, dass Vertretungskräfte inzwischen zur Grundausstattung vieler Schulen gehören. "Das macht deutlich, dass die Schulen unzureichend ausgestattet sind." Der Elternvertreter forderte am Mittwoch deshalb auf einer Veranstaltung des Landeselternausschusses, alle Schulen zu 110 Prozent mit Personal auszustatten.

Auch die Gesamtfrauenvertreterin in der Bildungsverwaltung, Doreen Siebernik, betonte, dass Vertretungslehrer den Dauerbedarf vieler Schulen an Lehrern abdecken. Sie gab zu bedenken, dass etwa die Hälfte der Vertretungskräfte eine unvollständige oder gar keine pädagogischen Ausbildung haben. Das stelle die Qualität des Unterrichts in Frage. Eine berufsbegleitende Ausbildung bekämen nur fest angestellte Quereinsteiger. Fest angestellt aber würden nur Mathematiker, Physiker oder Informatiker. Jens Stiller, Sprecher von Bildungssenator Jürgen Zöllner (SPD), betonte indes, dass auch die Vertretungskräfte an den Fortbildungsveranstaltungen für Lehrer teilnehmen können.

Schulleiter beklagen, dass gar nicht mehr genügend Vertretungskräfte auf dem Markt und entsprechende Listen der Bildungsverwaltung sehr schlecht gepflegt seien. Einer von ihnen ist Bernd Kokavecz, Schulleiter des Reinickendorfer Humboldt-Gymnasiums. Dort sind vier Vertretungskräfte eingesetzt, um überhaupt den Unterricht zu gewährleisten. Kokavecz ist kein großer Befürworter der Personalkostenbudgetierung. Nicht nur, dass sie nicht ausreiche, sagte er. Es sei auch sehr zeitraubend und bürokratisch, geeignete Bewerber zu finden. Die Datenbank sei oft nicht aktuell. Dazu komme, dass sich dort alle selbst eintragen können, so zum Beispiel auch Studenten. Bis zur Unterschrift unter einen befristeten Vertrag gelte es, unzählige Formulare auszufüllen und den Personalrat mit zum Bewerbungsgespräch an den Tisch zu holen. Statt für das dreiprozentige Personalkostenbudget plädiert Bernd Kokavecz wieder für eine Ausstattung der Schulen mit 103 Prozent an Personal. Das würde ihm auch erlauben, mehr Teilungsunterricht anzubieten, sollte mal wirklich kein Lehrer krank sein und fehlen.

Erhard Laube, in der Bildungsverwaltung für Personalfragen zuständig, betonte auf der Veranstaltung am Mittwoch erneut, dass das Personalkostenbudget nur für den Einkauf von Vertretungslehrern da sei. Es diene nicht dazu, die unzureichende Ausstattung der Schulen mit Lehrern zu entschärfen. Heute, so Laube, werden sich Schulleiterverbände und Mitarbeiter der Bildungsverwaltung treffen, um das System der Personalkostenbudgetierung zu diskutieren und zu verbessern.