Blindgänger

Ausnahmezustand am Ostkreuz

Um 20.53 Uhr ist es soweit. Alle Anwohner im Umkreis von 500 Metern rund um den Bahnhof Ostkreuz haben ihre Häuser verlassen, die Experten beginnen mit der Entschärfung der Fliegerbombe aus dem Zweiten Weltkrieg. Bange zwanzig Minuten später dann endlich die ersehnte Nachricht: "Alles okay, das 500-Kilo-Bombe kann abtransportiert werden", so Polizeisprecher Klaus Schubert.

Die chaotischen Zustände beginnen sich langsam wieder zu normalisieren. Spezialisten haben am Mittag entschieden, den amerikanischen Blindgänger aus dem Zweiten Weltkrieg vor Ort zu entschärfen. "Aufgrund ihres Zustandes ist ein Abtransport nicht möglich", so Schubert. Der Zünder lässt sich nicht mehr herausdrehen.

Für die Entschärfung der Fliegerbombe wird deshalb am Nachmittag mit der Evakuierung von Wohnungen begonnen. Auch dort abgestellte Fahrzeuge müssen abgeschleppt werden. Ab 16 Uhr werden erste Straßenabschnitte gesperrt, darunter auch die Hauptverkehrsader Stralauer Allee. "Wir müssen knapp 10 000 Menschen evakuieren", sagt Schubert. Den Anwohnern bietet sich am frühen Abend ein gespenstisches Straßenbild: Mit Lautsprechern werden die Menschen aufgefordert, ihre Häuser umgehend zu verlassen, Polizisten schwärmen aus und klopfen in jedem der betroffenen Häuser an die Türen, um sicherzustellen, dass dort niemand zurückgeblieben ist. Kranke und bettlägerige Menschen werden mit Rettungswagen abtransportiert. Wer nicht bei Freunden oder Verwandten unterkommen kann, wird in die Notunterkünfte an der Dathe-Oberschule an der Helsingforser Straße und der Georg-Friedrich-Händel-Oberschule an der Frankfurter Allee verwiesen. Aufregung auch bei den Eltern, deren Kinder die Thalia-Grundschule in Alt-Stralau besuchen. Diese werden telefonisch aufgefordert, ihre Kinder schnellstmöglich abzuholen.

Der Zugverkehr auf der Stadtbahn und der Ringbahn an Berlins bedeutendstem Kreuzungsbahnhof ist nach dem Fund der Bombe zunächst nur kurz für eine Viertelstunde unterbrochen. Er wird vorerst wieder freigegeben und um 18.25 Uhr dann eingestellt. Nach Auskunft der Bahn ist die Bombe um die Mittagszeit bei Erdarbeiten in der Nähe des historischen Wasserturms gefunden worden. Dort sollte der Bau einer Stützmauer für die neue Ringbahntrasse vorbereitet werden.

Der marode Bahnhof Ostkreuz ist mit täglich 100 000 Ein-, Aus- und Umsteigern der meistgenutzte Knotenpunkt im Berliner Nahverkehr. Er wird bereits seit 2006 aufwendig saniert und umgebaut. Von 2016 an sollen dort dann auch Regionalzüge halten. "Wir haben im Zuge der Bauarbeiten schon mehrere Relikte aus Kriegszeiten gefunden", so ein Bahnsprecher. Bevor in Berlin gebaut werden darf, sei die Suche nach Kampfmitteln im Boden ohnehin Pflicht. Bei den Bauarbeiten am Ostkreuz erfolge die Kampfmittelberäumung jeweils, bevor mit den einzelnen Bauabschnitten begonnen werde. "Da es extrem schwierig ist, die vielen Metallteile, die hier ebenfalls zu finden sind, von Munition zu unterscheiden, ist ein Fachmann immer vor Ort", so der Bahnsprecher weiter. Bereits im April 2010 war auf der Baustelle eine 250-Kilo-Bombe gefunden worden, die ebenfalls vor Ort entschärft werden musste und das öffentliche Leben in Teilen von Friedrichshain und Lichtenberg für Stunden stark beeinträchtigte.

S-Bahn-Verkehr lahm gelegt

Um 18.25 Uhr gleicht der sonst so belebte Bahnhof Ostkreuz in Friedrichshain einem Geisterbahnhof: Es kommt teilweise zu tumultartigen Szenen, als Polizisten die Fahrgäste, die dort aussteigen wollen, wieder zurück in die Waggons drängen. Kurz darauf wird der S-Bahnverkehr komplett unterbrochen. Lahm gelegt ist ab 18.30 Uhr der gesamte S-Bahnverkehr auf den Linen S3, S5, S7, S8, S9, S75, S41, S42. Zwischen Warschauer Straße und Nöldnerplatz beziehungsweise Rummelsburg sowie zwischen Frankfurter Allee und Treptower Park geht am Abend gar nichts mehr. Die Fahrgäste werden auf die U-Bahn-Linien 5 und 8 verwiesen. Am Alexanderplatz, wo die meisten Reisenden in Richtung Osten stranden, herrscht drangvolle Enge in den Waggons. Der Regional- und Fernverkehr wird ebenfalls komplett um den Gleisknoten herumgeleitet. Die Züge der Linie RE 1 Magdeburg-Berlin-Frankfurt (Oder) fahren nur bis Berlin Ostbahnhof oder Erkner. Die Züge der Linien RE 2 Rathenow-Cottbus und RB 14 Nauen-Senftenberg werden über Lichtenberg umgeleitet. Weil die Stralauer Allee bereits ab Warschauer Brücke gesperrt ist, stehen zudem bis in den Abend Zehntausende Autofahrer im Stau.