Grimm-Bibliothek

Freie Plätze im Lesesaal nur für Frühaufsteher

Für einen kurzen Moment herrscht Ruhe. 300 Köpfe beugen sich im Licht der Leselampen über Bücherberge. Azadeh Sharifi atmet durch. Die zierliche Doktorandin sitzt vor ihrem weißen Mini-Laptop, stützt die Ellenbogen auf den schweren Holztisch, ihren heutigen Arbeitsplatz.

Seit drei Stunden arbeitet sie akribisch am Text. Dann, ein Husten. Sie schaut auf. Hinter ihr quetscht sich eine Kommilitonin durch die Reihen, am Tisch vor ihr fällt ein Stift zu Boden. Die 29-Jährige wippt mit dem Fuß. Rechts räuspert sich der Nachbar, seine Turnschuhsohle quietscht kurz über das Parkett. Plötzlich dröhnt es von oben: "Liebe Leserinnen und Leser. Die Arbeitsplätze in der zweiten, dritten und vierten Etage sind zurzeit HU-Angehörigen zur Nutzung vorbehalten. Bitte legen Sie in diesen Bereichen auf den Arbeitstischen den HU-Studierendenausweis beziehungsweise den orangefarbenen Mitarbeiterausweis sichtbar aus. Dies vermeidet Unruhe und Störung bei Nachfragen und geschieht so im Interesse aller Leser. Vielen Dank." Seufzend greift die 29-Jährige zur Pausenkarte, der orangefarbenen Parkscheibe auf ihrem Tisch. Sie stellt "13 Uhr" ein und verlässt die Leseterrasse.

Fast 6000 Nutzer jeden Tag

Azadeh Sharifi ist eine von durchschnittlich 5950 Menschen, die die Bibliothek im Jacob-und-Wilhelm-Grimm-Zentrum der Humboldt-Universität an Wochentagen besuchen. Das nach Plänen des Schweizer Architekten Max Dudler errichtete sandsteinfarbene Gebäude mit den langgezogenen Fensterscheiben nahe dem S-Bahnhof Friedrichstraße wurde vor knapp einem Jahr eröffnet - und geriet schon kurze Zeit später wegen Platzmangels in die Kritik. Nur 1028 öffentliche Arbeitsplätze, davon 450 mit Computer, stehen den Studierenden und externen Lesern zur Verfügung. "Ein unmöglicher Zustand", sagt Azadeh Sharifi, "das ist jedes Mal ein Kampf um die Plätze." Seit einem halben Jahr lernt die gebürtige Iranerin in der Grimm-Bibliothek. Kam sie anfangs noch gegen elf Uhr aus Kreuzberg, steht sie mittlerweile pünktlich um neun vor der Tür. Später sei die Chance gering, noch einen Arbeitsplatz zu ergattern.

Eine Startschwierigkeit, auf die die Bibliothek nicht vorbereitet war, wie Direktor Milan Bulaty anfangs entschuldigte. Zwei Dinge wurden daraufhin im vergangenen Mai geändert, um dem beliebten Haus und seinem Ruf einer hochmodernen, kostenlosen, studierendenfreundlichen Bibliothek mit unvergleichbar großem Bestand von 2,5 Millionen Büchern gerecht zu werden: die Pausenscheiben und die HU-Homezone zur ausschließlichen Nutzung für HU-Studenten. Wer nach einer Stunde Pause nicht an den Arbeitsplatz zurückkehrt, dessen "Material wird gegebenenfalls in durchsichtigen Plastiktüten neben dem Leseplatz deponiert", wie es auf einer Mitteilung der Universität heißt. Und wer sich unerlaubterweise als Nicht-HU-Student in die Homezone wagt, wird von den Damen und Herren des Sicherheitsdienstes Securitas heraus komplimentiert.

Wie Sirvan Sendy, Bauingenieur-Student in Potsdam. Der 28-Jährige lebt in Berlin und bleibt zum Lernen in der Hauptstadt - auch wegen des großen Angebots an Fachbüchern in der Grimm-Bibliothek. Erst vor Kurzem habe er keinen Platz gefunden, auch nicht auf den zusätzlich bereitgestellten roten Sofas außerhalb des zentralen Lesesaals. Deshalb habe er sich in die Homezone auf der zweiten Ebene des mit den Leseterrassen stufenförmig angelegten Lesesaals gesetzt. Schon eine Stunde später sei die Aufsicht durch die Reihen patrouilliert, habe nach seinem Studentenausweis gefragt. Und ihn nach draußen gebeten. Da dort nach wie vor kein Platz zu finden war, ist Sirvan Sendy an diesem Tag wieder nach Hause gegangen. Trotz der schlechten Erfahrung findet er die Homezone für die Humboldtstudenten richtig. "Als HU-Student würde mich die Situation hier auch nerven", sagt er.

So sieht das auch Azadeh Sharifi. Sie sitzt am Fenster der hausinternen Caféteria und isst eine Portion Soljanka. Knapp zehn Minuten bleiben ihr noch, bevor die Pausenzeit abgelaufen ist. "Man könnte ja so dreist sein und zwischendurch hoch rennen, um die Pausenscheibe eine Stunde vor zu stellen", sagt sie. "Aber ich halte mich daran, weil es Sinn macht." Noch vor einem halben Jahr hätten sie jüngere Studenten geärgert, die unnötig Plätze frei hielten, ohne sie zu nutzen. Das sei mit der Einführung der Pausenscheiben im Mai besser geworden. Und die Homezone sei wichtig für die HU-Studenten, damit sie an ihrer Universität die Chance zum Lernen bekommen.

Doch auch für die HU-Studenten ist das keine Garantie. "Trotz Homezone gibt es viel zu wenig Plätze für uns", sagt Natalie Berner. Die 22 Jahre alte Philosophiestudentin schaut suchend durch die Glastür zur vierten Leseterrasse. Kein freier Tisch mehr zu sehen. Sie läuft weiter zu den Plätzen abseits des Lesesaals, zwischen den Bücherregalen. Da sucht schon eine Kommilitonin, die gerade zielstrebig auf einen unbelegten Tisch zusteuert. Erleichtert schmeißt sie die Bücher auf die Platte, knipst die Leselampe an. Doch nichts passiert. Die Lampe funktioniert nicht. Wütend sie ihre Sachen zusammen. "Ist ja klar, dass der frei ist."

Kaputte Lampen, fehlende Fächer

Viel mehr als der Platzmangel nerve sie der Zustand des Hauses. "Das Gebäude zerfällt", sagt sie und erzählt von kaputten Geländern und Leselampen, fehlenden Schließfächern, überfüllter Garderobe, nicht funktionierender Klimaanlage und Fenstern, die aus dem hochmodernen Gebäude auf die Straße gefallen seien.

"Wir haben tatsächlich Baumängel", sagt die stellvertretende Bibliotheksdirektorin Imma Hendrix auf Nachfrage der Berliner Morgenpost. Von heraus fallenden Fenstern habe sie zwar noch nicht gehört - die Doppelglasscheiben würden lediglich momentan kontrolliert und zwei Fenster seien durch Gewaltanwendung beschädigt worden - aber es gebe andere Mängel. Die meisten Nacharbeiten liefen im Interesse der Behinderten, die sich barrierefrei bewegen können müssen. Dafür fehlten bislang zum Beispiel zweite Handläufe an den Geländern oder automatische Türöffner. Zusätzlichbestünde nach wie vor ein Problem mit der Einstellung der Türen in den innen liegenden Treppenhäusern. Noch seien auch nicht alle Computer in den Einzelarbeitskabinen angeschlossen und die Klimaanlage in dem 22 000 Quadratmeter großen Haus sei immer noch nicht eingepegelt, daher die zum Teil sehr hohen Temperaturen in den oberen Stockwerken.

Die überfüllten Schließfächer und damit die überlastete Ersatzgarderobe im Erdgeschoss seien jedoch seit dieser Woche Vergangenheit. Nachdem Studenten ihre Fächerschlüssel mit nach Hause genommen hatten, beschloss die Bibliotheksleitung, auf Vorhängeschlösser umzurüsten. Während dieser Arbeiten standen viele Fächer offen - ohne Schlüssel, ohne Nutzen.

"Dass das Grimm-Zentrum zerfällt, ist vollkommen überzogen", relativiertFred Felix Zaumseil. Der Philosophie- und Sozialwissenschaftsstudent im vierten Semester lehnt an den Schließfächern im Untergeschoss des Gebäudes. Er engagiert sich an der HU als Mitglied der Standortentwicklungskommission des Akademischen Senats. Neben ihm flattert rot-weißes Absperrband am Geländer des Treppenaufgangs. Das sei kein Baumangel, sondern der zweite Handlauf für Behinderte, der noch angebaut worden sei. Zugeben müsse er jedoch, dass durchaus schon Schäden am jungen Bau auftreten, zum Beispiel an Türzargen, der Holzverkleidung und Fenstern.

Doch der Platzmangel sei definitiv das größte Problem des Hauses. Trotz der guten Idee mit Homezone und Pausenscheibe gebe es immer noch zu wenige Arbeitsplätze. Die Lautstärke, die Überfüllung, auch durch die Touristen, die nebenbei durch das Haus geführt werden, lenkten die Studierenden ab. Dem "ist nur mit einem entsprechenden Neubau entgegenzutreten", sagt der 23-Jährige. "Anbauen kann man hier nicht", sagt Vize-Direktorin Hendrix. "Das ist auch eine Kostenfrage." 75,5 Millionen Euro kostete das Grimm-Zentrum, zur Hälfte vom Bund, zur Hälfte von der HU getragen. Für jeden Bau in Deutschland gibt es gewisse Richtlinien, an die sich der Bauherr halten muss. Laut Organisations- und Ressourcenplan für das Bauwesen an Universitäten und Fachhochschulen steht jeder Bibliothek nur ein für einen bestimmten Prozentsatz seiner Studierenden ein Arbeitsplatz zu. Die Grimm-Bibliothek bietet allerdings rein rechnerisch mehr als diese bewilligten Plätze an.

Dennoch wird momentan untersucht, wie noch mehr Arbeitsplätze im Haus eingerichtet werden können. 520 weitere mögliche Plätze lässt Hendrix gerade prüfen, 350 Ausziehböden und 170 Klapptische an den Regalen. Die Bibliothek hoffe zudem, dass sich die Besucher mit der Zeit auch auf die anderen Häuser wie die Staatsbibliothek Unter den Linden und am Potsdamer Platz verteilen.

Kaum Alternativen

Doch eine Alternative zur Grimm-Bibliothek gibt es derzeit nicht. Das Hauptmagazin der Staatsbibliothek ist aufgrund von Asbestbelastung gesperrt. "Voraussichtlich bis zum Herbst 2010", steht auf der Internetseite. Und die Bibliothek der Freien Universität in Dahlem liegt nicht derart zentral wie die Grimm-Bibliothek. Diese bietet zudem berlinweit einzigartige Öffnungszeiten und einen Bestand, der "in Deutschland seinesgleichen sucht", wie Fred Zaumseil betont.

Azadeh Sharifi muss ihre Doktorarbeit in drei Wochen abgeben. Bis dahin ist sie auf das Angebot der Grimm-Bibliothek angewiesen. Bis um 20 Uhr sitzt sie an ihrem Tisch auf der Leseterrasse im ersten Stock. Um 24 Uhr schließt die Grimm-Bibliothek. Dann herrscht Ruhe im Haus. Bis zum nächsten Morgen, acht Uhr. In zwei Wochen, wenn das Wintersemester beginnt, werden bis zu 7000 neue Nutzer täglich die beliebte Bibliothek stürmen.