Interview mit Ernst Freiberger

Die Straße der Erinnerung

Am Spreebogen in Alt-Moabit wurde anlässlich des 20. Jahrestages der friedlichen Revolution in der DDR gestern das Denkmal "Wir sind das Volk" des Bildhauers Rolf Biebl enthüllt. Stifter ist der bayerische Unternehmer Ernst Freiberger.

Die Festrede hielt der einstige Bürgerrechtler und erste Bundesbeauftragte für die Stasi-Unterlagen, Joachim Gauck. Er pries die 1989 gelungene Befreiung, mahnte aber auch, dass die erlangte Freiheit nur mit der Verantwortung jedes Einzelnen zu haben sei. Angesichts der Wahlergebnisse - auch das sagte Joachim Gauck - komme man über die Ostdeutschen ins Grübeln. Die seien tief gespalten, in diejenigen, die ihre Rolle als Bürger annähmen, und in jene immer größer werdende Gruppe, die den Systemwechsel herbeiträumte. Das neue Denkmal reiht sich am Spreeufer ein in die "Straße der Erinnerung", ein Projekt der Ernst-Freiberger-Stiftung. Mit Denkmälern wird dort an Menschen erinnert, die für Freiheit und Menschenwürde stehen.

Mit dem Unternehmer und Stifter Ernst Freiberger sprach Katrin Schoelkopf.

Berliner Morgenpost: Herr Freiberger, wo waren Sie, als am 9. November 1989 die Mauer fiel?

Ernst Freiberger: Ich war mit unserem Verkaufschef in meinem Münchner Büro, machte die Verkaufsplanung für 1990 und habe überhaupt nichts vom Mauerfall mitbekommen. Das war sehr traurig, da unsere Produktion ja in Berlin war und ich die ganze Zeit zuvor von 1976 an dort war. Meinen Gästen von außerhalb hatte ich immer die Mauer gezeigt. Die fanden sie verrückt und irreal, während sie für die Berliner real war. Als Reagan 1987 Gorbatschow aufforderte, die Mauer einzureißen, hielt man ihn noch für irre. Am 10. November 1989 bin ich dann sofort von München nach Berlin gefahren. Wir haben dann unser Münchner Büro geschlossen und nach Berlin verlegt.

Berliner Morgenpost: Sie haben 1994 die Ernst-Freiberger-Stiftung in Berlin gegründet. Warum?

Ernst Freiberger: Das hängt mit meiner Grundeinstellung zusammen. Ich finde, dass jemand, der in einer freien Gesellschaft Erfolg hat, dieser Gesellschaft etwas zurückgeben sollte.

Berliner Morgenpost: Warum ist das nun gerade eine Straße der Erinnerung?

Ernst Freiberger: Die Idee kam mir Ende der Neunzigerjahre während einer Weltreise. Ich war zwei Jahre unterwegs und bereiste mehr als 85 Länder. Immer, wenn ich irgendwo ankam, fragte ich den Taxifahrer, Portier oder Fremdenführer: "Ich komme aus Deutschland. Was weißt du von Deutschland?" Manchmal kam als Antwort Beckenbauer oder Claudia Schiffer. Politikernamen wurden selten genannt, aber Hitler kam immer. Da jeder stolz sein darf auf seine Wurzeln, dieses Recht uns aber genommen wurde, kam mir die Idee der Straße der Erinnerung. Ich will damit nichts beschönigen, aber zeigen, dass es in der ersten Hälfte des vorigen Jahrhunderts auch positive Helden - Helden ohne Degen - in Deutschland gegeben hat.

Berliner Morgenpost: Mit Ihrem neuen Denkmal "Wir sind das Volk" aber verlassen Sie diesen Rahmen.

Ernst Freiberger: Ja, wir überschreiten diesen selbst gesteckten Rahmen. Das Denkmal ehrt die ungezählten Menschen, die vor 20 Jahren durch die gewaltfreie Revolution Freiheit von der DDR und die deutsche Einheit geschaffen haben.

Berliner Morgenpost: Wie erklären Sie sich, dass 20 Jahre nach dem Mauerfall die Partei Die Linke so erstarkt?

Ernst Freiberger: Ich mache jedes Jahr eine Radtour und war diesmal im Elbsandsteingebirge. Ich habe Ostdeutsche erlebt, die ganz anders sind, als man im Westen immer meint. Weder meckernd noch jammernd. Das war ganz toll. Mir ist aber auch aufgefallen, dass der Osten von jungen Leuten entvölkert ist. Ich kann mir vorstellen, dass man im Zuge der Wiedervereinigung die Ostdeutschen nicht ausreichend mitgenommen hat. Sie fühlen sich alleingelassen, was zu extremen Reaktionen wie der Forderung nach einem Systemwechsel führt.

Berliner Morgenpost: Was bedeutet für Sie Erinnerung?

Ernst Freiberger: Wir haben in der Freiberger Holding einen Wahlspruch, der lautet ,Zukunft verpflichtet'. Ohne Herkunft aber gibt es keine Zukunft.