Psychologie

Wegbereiter für eine Rückkehr ins normale Leben

Der Schnitt ging tief unter die Haut. Ein breiter heller Streifen ist zurückgeblieben. Er reicht vom Ellenbogen bis zum Handgelenk. Man kann die Narbe sehen, wenn der linke Ärmel der Bluse hochrutscht.

Nein, sagt Damaris, sie habe keine Probleme damit, dass ihr Arbeitgeber seine Gäste auf der ersten Seite der Speisekarte darüber informiert, dass unter den Mitarbeitern auch Menschen sind, "die sich von ihren psychischen Beeinträchtigung nicht unterkriegen lassen". Wie zum Beweis hält die 29-jährige Kellnerin ihren linken Arm hoch. Damaris sagt, an dieser Stelle habe sie sich "geritzt", sich selbst verletzt. "Ich bin Borderlinerin", erklärt sie ihre psychische Krankheit - "die Narben sehen die Leute doch so oder so."

Das "Gundelfinger" in Karlshorst ist ein kleines, gediegenes Eckrestaurant mit Klavier und Biergarten. Hier kochen, spülen und bedienen Menschen, denen noch vor einigen Jahren keiner zugetraut hätte, dass sie ihre Psychosen oder Ängste so weit in den Griff bekommen, dass sie einen normalen Arbeitstag durchhalten.

Den Service leitet eine Frau, die sich gut in sie hineinversetzen kann: Janette Piasecka, 39, ist eine aufgeschlossene, zugleich aber zurückhaltende Frau. Sobald sie sich die Kellnerschürze umgehängt hat, verwandelt sie sich in einen anderen Menschen. Ihre Bewegungen werden ruhiger und sicherer.

Panik aus heiterem Himmel

Souverän hantiert sie mit Tellern und Gläsern und findet dabei noch für jeden ein freundliches Wort - kaum kann man sich vorstellen, dass sie noch vor einigen Jahren auf der anderen Seite stand, bei jenen Menschen, die wegen ihrer Krankheit scheinbar keine Chance hatten.

Janette Piaseckas Geschichte beginnt mit einem psychischen Kollaps. Sie sagt, sie wisse bis heute nicht, wie es dazu gekommen sei. Ob es die Trauer über den Tod des geliebten Großvaters gewesen sei, dem sie mit 19 Jahren aus Polen nach Berlin gefolgt war. Oder die Einsamkeit nach der Scheidung von einem Mann, der sie immer öfter geschlagen hatte.

Die Panik kam aus heiterem Himmel. "Ich saß im Bus, und mein Herz begann zu rasen", erinnert sich die 39-Jährige. Irgendwann schaffte sie es nicht mehr zur Arbeit. "Muss psychosomatisch sein", sagte ihr Hausarzt und schrieb sie krank. Wochenlang. Dann setzte sie ihr Arbeitgeber, ein ambulanter Pflegedienst, vor die Tür.

Janette Piasecka dreht nervös an dem goldenen Kreuz an ihrer Kette, während sie ihre Geschichte erzählt. Sie hat Halt in ihrer Kirchengemeinde gefunden - und durch ihren Therapeuten. Er bekämpfte ihre Medikamentenabhängigkeit und erreichte, dass sie ihre Umgebung wieder klar wahrnahm. Er sorgte dafür, dass sie wieder unter Leute kam, indem sie stundenweise am Tresen aushalf. Erst in einer Tagesstätte für psychisch Kranke, dann im "Gundelfinger".

Ihr Therapeut ist Friedrich Kiesinger. Er hat das Restaurant gegründet. Sein Onkel war Kurt Georg Kiesinger (CDU), Bundeskanzler der ersten Großen Koalition und Vater der Notstandsgesetze. Friedrich Kiesinger praktiziert seit 25 Jahren als Psychologe in Berlin, ein "Berufsjugendlicher", der das graue Haar als "Led-Zeppelin-Gedächtnismatte" auf dem Haupt trägt.

Kiesinger vermittelt seinen Patienten Jobs. Keine ABM-Stellen oder als Job getarnte Beschäftigungstherapien, sondern Stellen auf dem sogenannten ersten Arbeitsmarkt. Inzwischen ist daraus ein florierender Betrieb mit 100 Mitarbeitern geworden - "Pegasus". Dass sich Arbeit und Therapie gegenseitig ergänzen, zeigt die Geschichte seines Ende der 90er-Jahre gegründeten Unternehmens. Die Mitarbeiter haben sich sowohl als Caterer, Kellner und Köche als auch als Maler- und Lackierer und als EDV-Dienstleister behauptet, wie der Chef stolz verkündet. Noch ist zwar nicht jede Sparte profitabel, doch unterm Strich schreibt "Pegasus" schwarze Zahlen. 2008 hat das Unternehmen bei einem Umsatz von drei Millionen Euro 100 000 Euro Gewinn erwirtschaftet. Geld, das wieder in neue Projekte gesteckt werden soll, um weitere Arbeitsplätze zu schaffen.

"Social Business" nennt Kiesinger diese Idee, soziale Probleme zu lösen und damit Geld zu verdienen. Es ist ein Modell, von dem der Psychologe glaubt, dass es in Zeiten der Krise Schule machen könnte. Zusammen mit anderen Unternehmern hat Kiesinger das Institut Genesis gegründet. Einen Thinktank, der Ideen sammeln und Impulse in die Politik schicken soll. Seinen nächsten Ideengipfel veranstaltet das Genesis-Institut am 8. November in der Freien Universität Berlin. Dazu werden internationale Gäste erwartet - auch der Friedensnobelpreisträger Muhammad Yunus.

Das Prinzip Solidarität

"Pegasus" gilt als Vorzeige-Objekt dieser Bewegung. Die Firma integriert Menschen mit Handicaps ins reale Berufsleben und mehr noch: Die Kollegen verdienen sich damit ihren Lebensunterhalt. "Pegasus" zahlt seinen Angestellten zwar zum Teil gerade mal den von den Gewerkschaften geforderten gesetzlichen Mindestlohn von 7,50 Euro brutto die Stunde. Im Fall von Janette Piasecka sind das 1100 Euro im Monat - netto. Doch sich woanders um eine lukrativere Stelle zu bewerben, dazu konnte sich die 39-Jährige noch nicht aufraffen. "Hier kann ich etwas von dem zurückgeben, was ich selber gelernt habe."

Das Prinzip Solidarität: "Die Leistungsträger ziehen die Schwächeren mit", sagt Kiesinger. So hat er es in einem Dorf im Schwarzwald erlebt, wo er als Spross eines christlich geprägten Elternhauses aufwuchs. Er versichert, er verstehe sein eigenes Engagement nicht als Protest, sondern als Fortführung der christlichen Familientradition. Er sei mit dem Bewusstsein groß geworden, dass sich auch Menschen mit Handicap in die Gesellschaft einbringen können.

Gern erzählt man sich bei "Pegasus" die Geschichte von dem Banker, der von seinem Posten überfordert war und den Boden unter den Füßen verlor. Erst verließ ihn seine Frau, dann verlor er sein Zuhause. Heute verdient er sich ein paar Euro in einer Tagesstätte für psychisch Kranke dazu - nur 500 Meter von seiner "alten" Bank entfernt.

In Tagesstätten wie dieser rekrutiert "Pegasus" seine Mitarbeiter. Betrieben werden sie von dem gemeinnützigen Unternehmen Albatros, das Mitte der 80er-Jahre von "dem Fritz" gegründet wurde, wie Kiesinger von seinen Mitarbeitern genannt wird. Albatros beschäftigt 450 Menschen in staatlich geförderten Jobs, darunter auch die Aushilfekellner im "Gundelfinger". Mit Seidenmalerei und der Aufarbeitung von Second-Hand-Bekleidung fing es an. 1,50 Mark bis drei Mark die Stunde verdienten anfangs die Patienten nach ihrer Entlassung aus der Klinik - Sätze, die zuvor in der stationären Arbeitstherapie gezahlt wurden.

Mit regulären Dienstleistern konkurrieren durfte das Unternehmen jedoch nicht. "Wenn wir in Einkaufszentren kleine Zettel aufhängten, gab es böse Anrufe von den Handwerksinnungen", erinnert sich Kiesinger. Dazu sei das Gerangel um öffentliche Zuschüsse gekommen. Er habe regelrecht in der Zwickmühle gesteckt.

"Pegasus" sollte ihn daraus befreien. Dabei war der Anfang steinig. "Pegasus"-Mitarbeiter Michael Tetz, Malermeister, erinnert sich mit Schrecken an die Zeit, als er anfing, psychisch Kranke auszubilden. Er kam vom Bau. Obwohl er selber zu 60 Prozent schwerbeschädigt ist, seit ihm ein Tumor entfernt wurde, hatte er zuletzt eine Abteilung mit 400 Mitarbeitern in seiner alten Firma geleitet. "Ich war ein richtiger kleiner Tyrann", sagt er. Wer nicht spurte, den habe er gefeuert.

"Bin ich bekloppt?"

Umso hilfloser reagierte er, als er bei "Pegasus" plötzlich vor der Aufgabe stand, Wohnungen noch einmal neu zu renovieren, die seine Lehrlinge verhunzt hatten. "Statt zu sagen: Du hast das falsch gemacht, sollte ich sagen: Ich bin traurig, dass ich dir das nicht richtig erklärt habe", erzählt er. So hatten es ihm die Sozialpädagogen eingeimpft. Tetz sagt, er sei an seine Grenzen gestoßen. "Abends habe ich meine Frau gefragt: Bin ich bekloppt?"

Inzwischen, sagen sie bei "Pegasus", funktioniere das Teamwork perfekt. Außerdem wählten sie inzwischen auch nur noch die Stabilsten unter den Bewerbern aus. Nur jeder fünfte der 100 Mitarbeiter ist psychisch oder körperlich krank.

"Wir brauchen einen gesunden Stamm, um Termine einzuhalten", sagt Koch Uwe Diebold, der das Catering leitet. Wer marktübliche Preise verlange, könne vom Kunden kein Verständnis für personelle Ausfälle verlangen. "Wenn etwas passiert, halten wir Meister unseren Kopf hin."

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