SPD

SPD-Landeschef Müller weist Sarrazin in die Schranken

Als das Scherbengericht losgeht, sitzt Thilo Sarrazin ganz links auf dem Podium, ein wenig abseits, weil seine Senatskollegin Gisela von der Aue neben ihm zu Beginn des SPD-Landesparteitags fehlt. Der Finanzsenator hat sich gewappnet. Er rechnet nach seiner auf Empörung gestoßenen Äußerung, er würde auch für fünf Euro pro Stunde arbeiten, in der Kongresshalle am Alexanderplatz mit harten Worten.

Einen Abwahlantrag muss Sarrazin nicht fürchten. Seine Entschuldigung hatte in der Nacht vor dem Parteitag die aufgebrachten Jusos von ihrem Plan abrücken lassen, den Parteitag den Abgang Sarrazins fordern zu lassen. So bleibt's bei einem roten Transparent: "Genug ist genug: Finanzsenatorin gesucht".

Es ist Landeschef Michael Müller, der Sarrazin gleich zu Beginn in einer Weise Maß nimmt, wie es wohl noch selten ein SPD-Spitzenmann mit einem wichtigen Genossen getan hat.

Er habe kein Problem damit, wenn ein Senator sage, es reiche ihm, wenn er 800 Euro verdient und den Rest seines Geldes spendet, sagt Müller. Aber: "Es geht nicht um eine dusselige Bemerkung mehr oder weniger", ruft Müller. Die Delegierten jubeln, wenige Meter neben ihm gefriert das tapfere Lächeln im Gesicht des Finanzsenators. Es gehe um eine Grundsatzposition der SPD, die für den Mindestlohn kämpft. Er akzeptiere nicht mehr, dass Grundsatzpositionen der Partei über die Medien in Frage gestellt werden. Er wolle auch nicht mehr hören, ob man mit 1,70 Euro, drei Tomaten und zwei Knäckebroten am Tag überleben könne, sagte Müller in Anspielung auf Sarrazins Menüvorschläge für Hartz-IV-Empfänger, die viele Sozialdemokraten nachhaltig verärgert haben. "Wir in der SPD kämpfen für etwas anderes, die Menschen sollen von ihrer Arbeit ihre Familien ernähren und menschenwürdig leben können", ruft der Landesvorsitzende.

Mit seiner harschen Ansage an den Finanzsenator hat Müller aber auch das kritische Thema abgeräumt. Eine Steigerung der Kritik ist nicht mehr möglich, matt klingt dagegen die Sarrazin-Schelte mancher Delegierter in der Aussprache. "Der Müller war fast ein bisschen zu hart", sagen später Genossen, die nicht Sarrazins Freunde sind.

Müller lobt aber auch explizit die Fortsetzung des Konsolidierungskurses in der zweiten rot-roten Legislaturperiode und die Art und Weise, wie die Landesbank an die Sparkassen verkauft wurde.

Auch Parteichef Kurt Beck begrüßt Sarrazin ausdrücklich "sehr herzlich" und wirbt bei den Genossen generös um Vergebung für den Sünder. "Lasst es gut sein, wenn einer sagt, dass er einen Fehler gemacht hat. Auch das ist Solidarität", sagt Beck, um dann mit einer Anekdote über Sarrazin fortzufahren, der einst als Staatssekretär in Rheinland-Pfalz diente. Nach einer Forst-Reform seien die Förster aufgebracht gewesen, berichtet Beck. Sarrazin habe die Aufregung mit einem Bonmot gesteigert: "Der Wald wächst auch ohne Förster." Aber, sagt Beck, wir können uns glücklich schätzen, dass wir so hervorragende Finanzpolitiker in unseren Reihen haben.

Nachher steht Sarrazin auf dem Gang und gibt sich selbstbewusst. Er habe die Kritik erwartet, sagt er. Natürlich sei seine 5-Euro-Aussage "Mist" gewesen. Künftig werde er sich bemühen, seine Äußerungen wieder mehr in den Zusammenhang seiner finanzpolitischen Pflichten zu stellen.