Geschichte

Gregor Gysi und die "Köpenicker Blutwoche"

Wer erfolgreich Geschichtspolitik machen will, darf nicht zimperlich sein - das kann man von der Linkspartei lernen. Zum Beispiel heute in Köpenick: Ausgerechnet Gregor Gysi spricht zum 75. Jahrestag der "Köpenicker Blutwoche"- also jemand, der laut Marianne Birthler, der Chefin der Stasi-Unterlagen-Behörde, einst "wissentlich und willentlich" für die SED-Mächtigen gespitzelt hat.

Damit wird die Instrumentalisierung der grausamen Ereignisse von 1933 fortgeschrieben, die jahrzehntelang in der DDR die Erinnerung an die Opfer der Gewaltexplosion in den ersten Monaten der NS-Diktatur überdeckte. Für die SED war der "Antifaschismus" nie mehr als eine Legitimation ihrer eigenen Diktatur. Dass Treptow-Köpenick fast 19 Jahre nach der friedlichen Revolution in dieselbe Falle tappt, ist bedenklich. Dabei sollte man der Opfer von Ende Juni 1933 würdig gedenken.

Vor genau 75 Jahren plante die SA einen "Schlag" gegen Sozialdemokraten und DNVP-Mitglieder - gegen zwei formal noch zugelassene Parteien. Ab dem frühen Morgen des 21. Juni 1933 verschleppten SA-Leute SPD-Mitglieder und Deutschnationale; die meisten Opfer kamen nach kurzer Zeit schwer misshandelt wieder frei. Spätabends am selben Tag kam ein SA-Trupp erneut in die Wohnung der Familie Schmaus in der Alten Dahlewitzer Straße 2, um Vater Johannes, einen Gewerkschaftssekretär, sowie die beiden Söhne Johann und Anton festzunehmen. Doch diesmal wehrte sich ein Opfer: Der 23-jährige Anton Schmaus erschoss in Notwehr einen SA-Mann und verletzte zwei weitere tödlich. Deren Kameraden sahen nun rot. Vater Schmaus wurde in einem benachbarten Stall aufgeknüpft. Auch Mutter Schmaus und die 13-jährige Tochter wurden misshandelt. Mindestens 24 Hitler-Gegner, darunter auch Kommunisten, wurden in den folgenden Tagen in Köpenick ermordet. Als Anton Schmaus ins Polizeipräsidium am Alexanderplatz überstellt werden sollte, gab jemand der SA einen Tipp. Auf den Treppen des Präsidiums wartete ein SA-Trupp und verletzte den Studenten so schwer, dass er einige Monate später starb. Dieser Gewaltexzess ist bereits kurz danach als "Köpenicker Blutwoche" bekannt geworden.

Und schon damals begann die Instrumentalisierung durch KPD-Funktionäre: Die Ereignisse in Köpenick seien der Vorwand gewesen, um "die restlose Vernichtung der Köpenicker Antifaschisten durchführen zu können"; wahlweise wurden sie auch in einen Zusammenhang mit der angeblich von den Nazis begangenen Brandstiftung im Reichstag am 27. Februar 1933 gebracht. In diesem Sinne schrieb die SED seit 1946 die Deutung der Ereignisse in Köpenick fort - als eine gezielte Aktion der Nazis gegen Kommunisten Das stimmt jedoch nicht: Eigentliches Ziel der groß angelegten Durchsuchungsaktion am 21. Juni waren die SPD sowie der "Kampfring junger Deutschnationaler", die Jugendorganisation von Hugenbergs DNVP.

Die BVV und das Bezirksamt von Treptow-Köpenick sind gemeinsam mit der "Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes/Bund der Antifaschisten" (VVN-BdA) Veranstalter des Gedenktages. Doch es ist nicht klug, einer etwa vom Verfassungsschutz Baden-Württemberg als "linksextremistisch beeinflusste Organisation" bezeichneten Gruppe wie der VVN-BdA eine Bühne zur Selbstdarstellung zu geben. So wird die Erinnerung an die Leiden der NS-Opfer überdeckt vom geschichtspolitischen Kalkül der Linkspartei. Das haben die Toten der "Köpenicker Blutwoche" nicht verdient.