Bildung

Protest vergeblich: Mathe-Klausuren müssen wiederholt werden

Mehr als 3000 Schüler haben gestern vor dem Roten Rathaus gegen die Wiederholung der Mathematik-Prüfung für den mittleren Schulabschluss protestiert. "Es ist unfair, die Schüler für Fehler zu bestrafen, die der Senat zu verantworten hat", sagt Heiko Hildebrandt vom Organisationsteam der Demo. Die Verwaltung hätte sicherstellen müssen, dass die Aufgaben der zentralen Abschlussprüfung nicht vorab bekannt werden konnten, so der Zehntklässler des Humboldt-Gymnasiums in Tegel.

Im Internet hatte er gemeinsam mit Schulkameraden zu der Kundgebung gegen die Wiederholungsprüfung am 23. Juni aufgerufen. Von der großen Zahl der Schüler, die gestern dem Aufruf folgten, waren die Organisatoren selbst überrascht. Jugendliche hatten im Internet dazu aufgerufen hatten, bewaffnet zu der Kundgebung zu erscheinen. Die Polizei habe dies im Hinterkopf behalten, sagte eine Sprecherin. Die Stimmung war zwar aufgeheizt, einige Schüler warfen immer wieder Plastikflaschen, Stifte und andere Gegenstände, der Polizei zufolge gab es aber "keine dramatischen Zwischenfälle". Drei Schüler wurden dennoch vorübergehend wegen Widerstands gegen Vollstreckungsbeamte festgenommen.

Der Sprecher der Lehrergewerkschaft GEW, Peter Sinram, versprach den Schülern Unterstützung bei ihrem Kampf gegen die Wiederholung der Prüfung. Eine sinnvolle Alternative könne beispielsweise sein, in diesem Jahr die Note der Arbeit durch die bereits vorhandene Jahrgangsnote zu ersetzen, so die GEW.

Ein laut Schülern geplantes persönliches Gespräch mit Schulsenator Jürgen Zöllner (SPD) nach der Demonstration kam nicht zustande. Statt mit dem Senator traf sich eine Schülerdelegation mit Landesschulrat Hans-Jürgen Pokall. Ihm zufolge beharre die Verwaltung auf dem Standpunkt, dass die 28 000 Schüler nachschreiben müssen. Die Entscheidung sei gefallen, weil es eine Gleichbehandlung aller Schüler geben müsse. Die Jahrgangsnote sei keine Alternative, da die schriftliche Prüfung im Schulgesetz vorgeschrieben sei. Beistand erhält die Verwaltung von Wolfgang Harnischfeger, Vorsitzender der Vereinigung der Berliner Schulleiter. "Die Wiederholung der Arbeit ist aus rechtlichen Gründen unvermeidbar", sagt Harnischfeger. Zudem könne man nicht zulassen, dass die Schüler, die geschummelt haben, die Gewinner sind.

Die Schulverwaltung will nun noch einmal den gesamten Prüfungsvorgang, vom Druck der Aufgabenbögen bis zu ihrer Auslieferung, unter die Lupe nehmen, um die undichte Stelle zu ermitteln. Belegt ist, dass die Mathe-Aufgaben vor dem Prüfungstermin im Internet kursierten. Zum Beispiel standen die eingescannten Klausurbögen im Lycos IQ Portal zum Download zur Verfügung. Die Lösungen waren teilweise handschriftlich eingetragen. Wem das nicht reichte, der konnte aus dem Onlinespeicher-Dienst "rapidshare" eine Datei herunterladen, in der auf sieben Seiten ausführlich die einzelnen Lösungswege dargestellt waren. Das handschriftliche Dokument wurde am 10. Juni hochgeladen - einen Tag vor der offiziellen Matheprüfung. Die Handschrift mutet weiblich an, doch ob der Urheber Student, Schüler oder Lehrer ist, weiß niemand. Medienberichte, nach denen die Umschläge mit den Aufgabenbögen lediglich mit einem Klebeband verschlossen und nicht ordnungsgemäß versiegelt waren, wollte die Verwaltung nicht bestätigen. Auch GEW-Pressesprecher Peter Sinram schloss dies aus.

Allerdings bestätigte die Verwaltung, dass die Klausurbögen der Deutsch-, Englisch- und Matheprüfung in einem Karton jeweils in getrennten, versiegelten Umschlägen angeliefert worden waren. Vorschrift ist es, dass die Schulen die Aufgaben in einem Safe hinterlegen. Damit befanden sich die Mathe-Aufgaben bereits knapp zwei Wochen vor dem Test-Termin in den Schulen.

Die schulpolitische Sprecherin der FDP-Fraktion im Abgeordnetenhaus, Mieke Senftleben, forderte unterdessen Schulsenator Zöllner auf, sich bei den Schülern zu entschuldigen. Dies sei "längst überfällig". Senftleben verlangte von Zöllner, über Sanktionen und Konsequenzen zu entscheiden: "Was ist mit den Lehrern, die mit den Prüfungsunterlagen derartig schlampig umgegangen sind?"