Bildung

Keine Spur von Politikverdrossenheit

"Nicht sitzenbleiben". "Keine Noten". "Spaß". Die Forderungen der Schüler, festgesteckt an der blauen Pinnwand am Eingang eines kleinen Zelts, sind eindeutig. Drinnen sitzen Mitglieder von Schülervertretungen aus ganz Deutschland. Das Politik-Festival "Berlin 08", auf dem Jugendliche ein ganzes Wochenende lang über politische Themen diskutieren konnten, sehen sie als Chance, Ideen für die "Schule der Zukunft" zu sammeln.

Nach dem Festival sollen die Vorschläge den Kultusministerien vorgelegt werden.

Der Workshop "Traumschule" war an den drei Festival-Tagen aber nur eine Veranstaltung des - mit 600 Angeboten prall gefüllten - Programms von "Berlin 08". Nach Angaben der Veranstalter trafen sich mehr als 10 000 Jugendliche im Kinder- und Jugendfreizeitzentrum FEZ in der Wuhlheide, um sich bei Vorträgen, Podiumsdiskussionen und Workshops die Köpfe heißzureden.

Backen von "Studienplätzchen"

Fünf Millionen Euro hatte das Bundesfamilienministerium für das "Aktionsprogramm für mehr Jugendbeteiligung" zu Verfügung gestellt, dessen Höhepunkt das Festival war. Die Bundeszentrale für politische Bildung und der Deutsche Bundesjugendring unterstützen die Jugendlichen bei Planung und Umsetzung.

Rund 40 Zelte säumten die Wege im FEZ. Vor dem Zelt der Jungdemokraten und Junglinken flimmerte ein Fernseher, in dem Innenminister Wolfgang Schäuble (CDU) vor Terroranschlägen warnt. Darüber prangte in schwarz-gelb "Safer-Privacy.de" - eine Warnung vor dem Überwachungsstaat. Dass Datenschutz ein Thema ist, das viele Jugendliche derzeit beschäftigt, bestätigt Gesche Roy. Die 24-jährige Studentin hat "Berlin 08" mitorganisiert. "Rechtsextremismus gehört hier dazu, aber auch Umweltschutz, Bildung und der Datenschutz."

Am Sonnabendmittag musste sich bei der Talkrunde "Cook & Talk" der grüne Bundestags-Abgeordnete Kai Gehring kritischen Fragen stellen. Beim Backen von "Studienplätzchen" will die 17-jährige Marina Burghard wissen, ob die Grünen noch authentisch seien, "wenn sie mit dicken Limousinen rumfahren"? Jede Partei verändere sich, wenn sie regiere oder Verantwortung übernehme, antwortet Gehring. Und bei Themen wie Auslandseinsätzen der Bundeswehr habe die Partei neue Positionen finden müssen - weg vom "totalen Pazifismus".

Am Abend standen Musikbands wie "Wir sind Helden" auf der Hauptbühne und heizten dem Publikum ein. "Musik war für uns immer ein wichtiger Soundtrack zu allen politischen Gedanken, die wir uns gemacht haben", sagte Leadsängerin Judith Holofernes. Nur wählen zu gehen, reiche nicht aus, um sich politisch zu engagieren, bekräftigte Bassist Mark Tavassol, der schon als kleiner Junge die "Acht-Uhr-Nachrichten" verfolgte. Von Politikverdrossenheit unter Jugendlichen will Holofernes nichts wissen. "Eher ein Entmutigtsein oder ein Erschlagensein durch die Fülle an Informationen", sagte die Sängerin.