Bildung

Kursierte der Mathe-Test schon länger?

Der Senatsverwaltung für Bildung steht vor einem Rätsel. Wie kamen die Mathe-Aufgaben des diesjährigen Mittleren Schulabschlusses (MSA) vor dem Klausurtag am Mittwoch in die Hände von Berliner Schülern? "Die Bögen wurden auf den Schulhöfen verkauft", sagte der Sprecher der Bildungsverwaltung, Kenneth Frisse, gestern. Diese Verkäufe müssten aber schon mindestens vor einer Woche stattgefunden haben, sonst hätten die Aufgaben nicht an etwa 15 Berliner Schulen gelangen können.

"Doch wahrscheinlich hat keiner der Lehrer etwas bemerkt", sagte Bildungssenator Jürgen Zöllner (SPD). In welchem Umfang die Testergebnisse tatsächlich unter den 28 000 Zehntklässlern kursierten, ist bislang nicht geklärt. Das Ausmaß der Verbreitung ist aber offenbar so groß, dass Zöllner von einem relevanten Straftatbestand sprach.

Nachdem die Bildungsverwaltung Anzeige gegen Unbekannt erstattet hatte, sind die Ermittlungen von Staatsanwaltschaft Berlin und Verwaltung selbst angelaufen. "Gewisse Lecks können schon jetzt ausgeschlossen werden, wir halten aber die Augen in alle Richtungen offen, um nicht auf die falsche Fährte zu geraten.", so Kenneth Frisse. Die Wahrscheinlichkeit ist groß, dass jemand, der an den Vorbereitungen der Prüfungsaufgaben beteiligt war, die Klausur weitergegeben hat. Da sich die Testbögen schon vor Beginn der zentralen Prüfung am Mittwoch in den Händen der Schüler befanden, können die Prüfungsfragen nicht erst bei der Übergabe der Klausuren an die Schulen am Dienstag entwendet worden sein. Zudem bezweifelt die Bildungsverwaltung, dass ein Unbefugter Zugriff auf den gesicherten Server haben konnte, auf dem die Aufgaben gespeichert waren.

Doppelter Stress für Schüler

Nach Aussage von Zöllner waren die ersten Meldungen des Betrugs am Mittwochmorgen um 9.55 Uhr eingegangen. Zu diesem Zeitpunkt war das gesamte Ausmaß der Affäre allerdings noch nicht bekannt. Deshalb wurde die letzte schriftliche Prüfung zum Mittleren Bildungsabschluss wie geplant fortgesetzt. Erst danach wurde ein Wiederholungstermin für alle Schüler der zehnten Klassen für den 23. Juni anberaumt sowie alle Resultate der ersten Prüfung für nicht gültig erklärt. Sehr zum Unmut aller ehrlichen Schüler. "Wir müssen uns noch mal dem Prüfungsstress aussetzen, obwohl wir nicht geschummelt haben.", beschwert sich Tayfun Wiechert von der Hemmingway-Schule in Mitte. Der 16-Jährige hat noch am Mittwoch, zusammen mit drei Mitschülern eine Protestaktion im Internet gestartet. Auf der Homepage wird zu einer Demonstration am kommenden Montag um 11 Uhr vor dem Roten Rathaus aufgerufen. 15 000 Besuche und 600 solidarische Eintragungen kann die Seite seit Mittwoch um 18 Uhr verzeichnen.

"Wir wollen nicht für die Fehler des Senats büßen müssen", begründen die Initiatoren den Protest gegen die Wiederholung der Mathe-Prüfung. Unterstützt wird ihr Anliegen auch durch André Schindler, den Vorsitzenden des Landeselternausschusses Berlin. Er prüft derzeit mit Eltern betroffener Schüler, ob nach diesem Vorfall eine Wiederholung rechtlich zulässig ist. Außerdem fordert Schindler eine Alternative für die Schüler, die am 23. Juni im Ausland oder in Praktika sind. Nach Angaben eines Schülers, der namentlich nicht genannt werden möchte, waren die Prüfungsbögen an der Borsig-Schule für 10 bis 15 Euro bereits vor zwei Wochen zu haben. Später kursierten sie dann in Schülerforen. Er bestätigt, dass den Schülern zunächst nur die Fragen, nicht aber die Lösungen bekannt waren.

Der bildungspolitische Sprecher der Berliner CDU, Sascha Steuer, glaubt, dass ein Lehrer für den Betrug verantwortlich sein muss. Grund dafür sei eine Schulinspektion eines unabhängigen Teams Ende Dezember an insgesamt 150 Schulen. Diese Kontrolle habe nach einem ersten Bericht ergeben, dass 65 Prozent der Lehrer ihre Schüler im Unterricht nicht differenziert fördern. Der vollständige Bericht liegt der Senatsbildungsverwaltung offenbar vor, wurde bisher aber nicht veröffentlicht. Steuer forderte nun die Herausgabe des Berichts. Er mutmaßt, dass ein Lehrer die Chance genutzt habe, massive pädagogische Defizite zu vertuschen, indem er die Aufgaben weitergegeben habe. Konkrete Anhaltspunkte für diese Behauptung gibt es bislang nicht.

Kenneth Frisse bittet jetzt um Mithilfe bei der Klärung des Prüfungsbetrugs: "Wer zur Aufklärung beitragen kann, soll sich bitte bei der Senatsverwaltung für Bildung oder bei der Polizei melden."

Informationen zur Demonstration:

www.msa-streik.de.ki