Berliner Kliniken buhlen um reiche Ausländer

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Tanja Kotlorz

Luxusausstattung für Luxuspatienten. Nach der Devise wird derzeit in den beiden Berliner Kliniken der Helios-Gruppe kräftig gewerkelt.

Luxusausstattung für Luxuspatienten. Nach der Devise wird derzeit in den beiden Berliner Kliniken der Helios-Gruppe kräftig gewerkelt. Dort - im Zehlendorfer Emil von Behring Krankenhaus und im gerade neu entstehenden Klinikum Buch - werden Suiten für Privatpatienten und für Selbstzahler, die zum Beispiel aus den arabischen Ländern und den GUS-Staaten kommen, eingerichtet. Die Zimmer haben Niveau, sie verfügen über ein Vier-Sterne-Hotel-Ambiente: Der Parkettboden besteht aus dunkler Mooreiche, die Möbel sind aus hellem Ahornholz, die Wände bordeauxrot gestrichen und die Betten lassen sich in 17 Positionen verstellen. Selbstverständlich sind die 30 Quadratmeter großen Räume technisch auf dem neusten Stand: Internetanschlüsse, Flachbildschirme, Satelliten-TV, DVD. Hier soll es einem wohlhabenden Kranken an nichts fehlen. Hotelkomfort samt guter Medizin.

All-inclusive-Luxuspatienten

Silvio Rahr, Geschäftsführer bei Helios Privatkliniken GmbH, nennt das "unser All-inclusive-Angebot". Auf die Art will der private Klinikbetreiber anspruchsvolle wohlhabende Patienten akquirieren. Schon jetzt klappert Rahr die Botschaften ab und verhandelt mit europäischen Versicherungskonzernen, um reiche Kranke nach Zehlendorf und künftig auch nach Buch zu locken. Seine Bemühungen sind von Erfolg gekrönt. "Im Zehlendorfer Emil-von-Behring-Krankenhaus lassen sich derzeit sieben Ausländer behandeln. Sie kommen aus den Arabischen Emiraten, aus Libyen und Spanien", verrät er. Sie ließen sich neue Hüftgelenke einsetzen, Tumore herausschneiden oder den ganzen Körper einmal medizinisch durchchecken. Abgerechnet werde nach der üblichen deutschen Gebührenordnung für Ärzte (GOÄ) und den hier gängigen fallbezogenen Pauschalen (DRG). Doch der Extra-Service, zu dem auch Dienstleistungen wie der Transport vom Flughafen zur Klinik, Botendienste und Sprachkenntnisse des Klinikpersonals gehören, werde zusätzlich in Rechnung gestellt. Daher seien die ausländischen Kranken für die Helios Kliniken attraktiv - trotz der Investitionen, die der Klinikbetreiber zuvor tätigen musste.

Nicht jede Klinik profitiert

Solchen Aufwand können allerdings nicht alle Berliner Krankenhäuser betreiben, die gern die viel zitierten "reichen Scheichs" behandeln möchten. Die Universitätsklinik Charité zum Beispiel ist eine landeseigene Krankenanstalt, in deren Aufsichtsrat zwei Berliner Senatoren entscheiden. Die Charité hätte ein politisches Problem, VIP-Stationen für Superreiche und separate Parkplätze für Luxuslimousinen einzurichten. "Da kriegen wir vom Eigentümer den Kopf gewaschen", beschreibt der stellvertretende Ärztliche Direktor, Lutz Fritsche, die politischen Daumenschrauben, in denen sich das öffentliche Haus befindet. Andererseits sei auch die finanzklamme Charité an reichen ausländischen Kranken interessiert. "Derzeit liegt unser Umsatz in dem Bereich im einstelligen Prozentbereich", rechnet Fritsche vor und räumt ein: "Der Anteil ist nicht so hoch, wie wir es gerne hätten."

Für Abhilfe könnte da die Berliner Organisation "NBMC" sorgen. Das Kürzel steht für "Network for Better Medical Care" und ist ein Zusammenschluss von inzwischen zwölf Berliner Krankenhäusern, die neben AOK-Versicherten auch reiche kranke Ausländer versorgen wollen. NBMC-Organisator Professor Hans-Jochen Brauns hat für diese Kliniken eine gute Nachricht parat: "NBMC verhandelt derzeit mit der Gesundheitsbehörde eines Landes aus der Golfregion über die Behandlung von Patienten." Aus Angst vor der Konkurrenz in München, Aachen oder den USA will sich Brauns noch nicht näher äußern, nur soviel: Der Vertrag sei schon fast unter Dach und Fach. "Wir rechnen damit, dass wir durch die Vereinbarung im Jahr 500 Patienten aus der arabischen Region zur Behandlung in den Berliner Kliniken haben werden." Die arabischen Staatsangehörigen gehörten der Oberschicht an, seien Geschäftsleute, leitende Angestellte, Beamte und Selbstständige. Der Staat werde die medizinische Versorgung für seine Bürger zahlen. Auch die Indikationen seien vertraglich fixiert. Dazu gehörten die Herzchirurgie, die Endoprothetik, die Orthopädie, Kinderchirurgie, Prostata- und Brustkrebs.

Brauns schätzt, dass die zwölf Kliniken, die unter dem Dach von NBMC versammelt sind, bisher jährlich 2000 bis 2500 wohlhabende ausländische Patienten versorgen.

500 Ausländer jährlich im Herzzentrum

Zu den etablierten Berliner Playern beim Geschäft mit dem Patiententourismus gehört das Deutsche Herzzentrum Berlin. Erst dieser Tage hat sich wieder der ehemalige russische Staatspräsident Boris Jelzin in der Spezialklinik von Herzchirurg Professor Roland Hetzer behandeln lassen. Der 75-jährige Jelzin wurde für eine Routineuntersuchung in einen neuen Computertomographen geschoben, der nach Herz- oder Gefäßoperationen besonders gute Bilder für Mediziner liefert.

Neben dem russischen Prominenten werden jährlich etwa 500 ausländische Patienten im Berliner Herzzentrum versorgt. In der privaten Meoclinic in der Friedrichstraße werden nach Angaben des Ärztlichen Direktors Heinz Zurbrügg jährlich 1000 betuchte Ausländer kuriert. Die Privatklinik bietet ihren Patienten Hotelservice: Teppichboden statt Linoleum, gedämmtes Licht statt Neonkälte. Für die Kliniken, die ihren Kranken kein luxuriöses Ambiente offerieren können, hat NBMC-Organisator Brauns auch eine gute Botschaft: "NBMC hat eine Kooperation mit allen Berliner Fünf-Sterne-Hotels abgeschlossen." Vereinbart sei, dass die Luxusherbergen den ausländischen Patienten, die sich in den Berliner Kliniken behandeln ließen, Paketlösungen für die Unterkunft anbieten. Die Hotels verpflichten sich ferner, auf ihren Internetseiten auf die Kliniken hinzuweisen. Auch das Ritz-Carlton, Mariott und Mariott Courtyard profitieren bisweilen von Gästen mit desolater Gesundheit: "Fünf Prozent unseres Geschäftsbereichs sind Patienten", berichtete Verkaufs-Manager Lothar Quarz am Dienstagabend im Rahmen der Diskussionsreihe der Berliner Wirtschaftsgespräche e.V. zum Thema "Wachstumschance Patiententourismus?" Quarz räumte ein, dass es sich noch um einen "Nischenmarkt" handele, der aber wichtig sei und aufgebaut werden soll. Interessant sei für die Hotels der Umstand, dass diese Klientel nicht wie der übliche Hotelgast nur zweieinhalb Tage bleibe, sondern sieben Tage, manchmal auch zwei oder drei Wochen.

So rückt der ausländische reiche Kranke immer mehr in den Fokus der Berliner Kliniken und Hotels. Berlins Gesundheits-Staatssekretär Hermann Schulte-Sasse (parteilos) warnt indes vor hochfliegenden Erwartungen. "Die Berliner Krankenhäuser werden ihre Probleme nicht mit ausländischen Patienten lösen können." Hans-Jochen Brauns rät den Krankenhäusern, an ihrer "Dienstleistungsmentalität" zu arbeiten, dann klappt's auch mit den reichen Kranken.