Die Wasserträger des Bundestages

Man sieht sie ständig, nimmt sie aber nicht richtig wahr: Die Wasserträger im Deutschen Bundestag.

Man sieht sie ständig, nimmt sie aber nicht richtig wahr: Die Wasserträger im Deutschen Bundestag. Sie sorgen dafür, dass die Redner stets eine feuchte Kehle haben. Vor dem nächsten Redner treten sie mit einem Tablett ans Pult, stellen ihm ein Glas gekühltes Wasser hin und verschwinden schnell wieder auf ihren Plätzen unterhalb des Adlers.

Zwei Wassersorten haben die Plenarsekretäre, so ihre offizielle Berufsbezeichnung, zur Auswahl: Mit ein bisschen oder ohne Kohlensäure. Sie greifen wahllos in den kleinen Kühlschrank im Präsidium. Vorlieben einzelner Redner kennen sie nicht.

"An den langen Sitzungstagen donnerstags oder freitags werden bis zu drei Kästen Wasser pro Tag von den Rednern geleert", sagt Brigitte Rubbel, seit April vergangenen Jahres stellvertretende Platzmeisterin im Deutschen Bundestag. An den jeweiligen Themen kann sie die Höhe des Wasserkonsums nicht ausmachen.

Ob hitzige oder zähe Debatten, ob temperamentvoller oder ruhiger Redner, lange oder kurze Rede, Sommer oder Winter - der Verbrauch sei konstant. Platzmeister Antonius Müller hat neulich während der Haushaltsdebatte beobachtet, dass Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) eine halbe Stunde geredet und nicht einmal an ihrem Wasserglas genippt hat.

Die meisten Politiker nehmen ihre Gläser im Anschluss an ihre Reden mit zu ihren Plätzen, um sie dort auszutrinken. Im Plenarsaal servieren die Plenarsekretäre normalerweise kein Wasser. Es sei denn, Politiker brauchen es aus gesundheitlichen Gründen oder die nächsten Redner wollen sich vor ihrem Auftritt ein bisschen Mut antrinken.

Ansonsten gelte für die Plenarsekretäre das Gebot der Unauffälligkeit, so Antonius Müller. Schließlich sei der Plenarsaal keine Kneipe und das Wasserausteilen nur ein winziger Teil ihrer Arbeit im und um den Plenarsaal. "Ich kann mich auch nicht erinnern, dass das Wasser jemals Gegenstand einer Debatte war", sagt Müller. So nach dem Motto: "Trinken Sie erst mal einen Schluck'.

Außerhalb des Saales können sich die Bundestagsabgeordneten während langer Sitzungen an den Wasserspendern erfrischen. Ansonsten stehen ihnen Restaurants auf dem gleichen Stockwerk zur Verfügung.

Einer Redensart zufolge macht Wasser stumm. Von daher ist es eher kontraproduktiv in einem Haus, in dem seinem lateinischen Wortsinn nach gesprochen werden soll - dem Parlament.

Der Rheinländer Antonius Müller hat eigene Erklärungen und Erfahrungen: "Wasser löst die Zunge. Gutes Kölsch wird auch aus Wasser gebraut, aber deswegen schenken wir hier kein Kölsch aus. Es hat hier auch noch niemand braunes Wasser verlangt." Nur die frühere Bundestagspräsidentin Anne-Marie Renger (SPD) wollte schon mal gefärbtes Wasser haben.

Und wie denken die Politiker selbst darüber? Sie sind von der positiven Kraft des Wassers durchdrungen. Wie Dr. Gesine Lötzsch (Linkspartei/PDS): "Erst mit Wasser komme ich richtig in Fahrt." Was löst es bei ihr aus? "Nachdenken über die Berliner Wasserpreise." Was bewirkt es bei ihr? "Das Gefühl, Vitalität getankt zu haben".

Der Fraktionsvorsitzende der CDU, Friedbert Pflüger, setzt mehr auf die Trockenübungen: "Ich sehe das Wasser zwar immer, aber ich trinke es fast nie."

Susanne Liedtke, Pressesprecherin eines Berliner Getränkeherstellers, teilt mit den meisten Rednern die Überzeugung von der positiven Kraft des Wassers.

Es verhindere, dass Redner husten müssen. "Es dient den Rednern nicht zum Durstlöschen sondern zum Befeuchten des Mundes." Süßgetränke seien dafür nicht geeignet, weil sie die Zunge belegen und leicht zur Verschleimung führen können.

Der Chef der Berliner Rednerschule, Peter H. Ditko, sieht im Wassertrinken - besonders bei den Kurzrednern - ein Symptom für eine falsche Technik: "Wer falsch atmet, braucht schnell Wasser. Ein typisches Beispiel dafür war Helmut Kohl, der bereits nach zwei bis drei Minuten nach dem Wasserglas griff."

Joschka Fischer hingegen sei meistens ohne Wasser ausgekommen. Redner müssen laut Ditko durch die Nase ein- und durch den Mund ausatmen, damit die Luft auf natürliche Weise angefeuchtet wird. "Die meisten Redner beherrschen das nicht", stellt der Experte fest. Die Folge sei, der Mund- und Rachenraum trockne nach kurzer Zeit aus. Deshalb drohten Husten und Heiserkeit..