40 Jahre Axel-Springer-Haus Berlin

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Sabine Flatau

Es ist von Beginn an überragend und unübersehbar, attraktiv und im positiven Sinne provozierend: Das Axel-Springer-Hochhaus feiert heute seinen 40. Geburtstag.

Es ist von Beginn an überragend und unübersehbar, attraktiv und im positiven Sinne provozierend: Das Axel-Springer-Hochhaus feiert heute seinen 40. Geburtstag. Die vier Jahrzehnte des Verlagsgebäudes stehen für 40 Jahre Geschichte. Denn wo und wann das Haus gebaut wurde, ist eng mit der politischen Lage in Berlin, Deutschland und Europa verknüpft.

1959: Obwohl Deutschland in Ost und West geteilt ist, glaubt der Hamburger Verleger Axel Springer fest an die deutsche Einheit. Deshalb will er sein Verlagshaus im geteilten Berlin, am Rande des amerikanischen Sektors, bauen. Nur wenige Meter werden es vom Ostteil der Stadt trennen. Der Ort an Koch- und Zimmerstraße hat eine Tradition, der sich Springer verpflichtet fühlt. Es ist das alte Berliner Zeitungsviertel, wo um 1928 noch 147 Blätter produziert wurden. Doch Nazizeit und Zweiter Weltkrieg haben von dieser Vielfalt kaum etwas übrig gelassen.

Grundstein im Mai 1959 gelegt

Das Bauvorhaben Axel Springers erscheint 1959 als großes wirtschaftliches Risiko. Denn im November 1958 hat der sowjetische Parteichef Nikita Chruschtschow die West-Alliierten aufgefordert, sich aus Berlin zurückzuziehen. Er stellt ihnen ein Ultimatum, das am 27. Mai 1959 abläuft. Doch Springer lässt sich nicht beirren. Zwei Tage vor Ablauf des Ultimatums lädt er zur Grundsteinlegung für das neue Verlagsgebäude ein. Am Ende jenes Jahres erwirbt Springer die Aktienmehrheit der Berliner Ullstein AG.

Im Sommer 1961 wächst nahe der Baustelle die Mauer. Über eine Länge von 410 Metern verläuft die Betongrenze neben dem Rohbau. Springer lässt dennoch weiterarbeiten, obwohl die ersehnte deutsche Einheit in eine unerreichbare Ferne zu rücken scheint. US-Präsident John F. Kennedy schreibt ihm aus Washington: "Man kann gar nicht anders, als die Entschiedenheit und den Mut zu bewundern, an dieser Stelle Ihre Gebäude zu errichten."

100 Millionen Mark investiert

Nicht nur Mut, auch Großzügigkeit waltet. Weil seinem Neubau alte Mietskasernen Platz machen müssen, lässt Axel Springer in der Nachbarschaft ein fünfzehnstöckiges Wohnhaus errichten. All jene, die durch den Neubau ihre alte Bleibe aufgeben müssen, können einziehen. Sie bekommen Wohnrecht auf Lebenszeit, die niedrigen Mieten werden nicht erhöht.

Am 7. Mai 1965 ist Richtfest für den 100 Millionen Mark teuren Bau, der nach den Entwürfen der Architekten Melchiorre Bega, Gino Franzi, Franz Heinrich Sobotka und Gustav Müller realisiert wird. Schon vor der Eröffnung arbeiten die Berlin-Redaktionen von "Bild"-Zeitung, "WELT" und "Welt am Sonntag" in einem Flachbau im Schatten der Mauer. Im Mai 1966 wird die Berliner Morgenpost zum ersten Mal an der Kochstraße gedruckt. Es sind nur noch wenige Monate bis zur Eröffnung des Hauses, da macht sich auf dem Dach des Neubaus ein Grandseigneur mit Pinsel und Staffelei zu schaffen: Oskar Kokoschka ist zu dieser Zeit 80 Jahre alt und eine Legende. Der Verleger hat ihn gebeten, den Blick vom Springer-Haus in den Ostteil der Stadt zu malen. Kokoschka tut sich zunächst schwer beim Blick auf Zäune und Drahtverhaue. Doch dann sieht er ein Regiment, hinter roten Fahnen marschierend, und zwei Grenzsoldaten mit Maschinenpistolen an der Mauer. Diese Szene malt Kokoschka. "Berlin - 13. August 1966" nennt er sein Gemälde.

Am 6. Oktober 1966 wird das Axel-Springer-Haus, Europas modernstes Verlagshaus, feierlich eröffnet. Mit seinen 20 Stockwerken ist es weit über die Grenze hinaus zu sehen. 600 Gäste sind geladen. Verleger Axel Springer begrüßt den Bundespräsidenten Heinrich Lübke, Franz Josef Strauß, Berlins Regierenden Bürgermeister Willy Brandt, Boxlegende Max Schmeling, den "Spiegel"-Herausgeber Rudolf Augstein.

Berlins Taxifahrer bekommen von Springer eine goldene Armbanduhr geschenkt. Sie fahren am 7. Oktober 1966 vor und geben zum Dank ein ohrenbetäubendes Hupkonzert. Weitere Kuriositäten werden von der Eröffnung berichtet. Etwa, dass sich die Kontrahenten Augstein und Strauß am Buffet die Hände reichten. Und dass der damalige SPD-Wehrexperte Helmut Schmidt mit einem kühnen Sprung in den Paternoster hechtete.

Interieur der Londoner "Times"

Der 6. Oktober ist auch der Geburtstag von Ottilie Springer, der Mutter des Verlegers, die 1960 verstarb. Springers Ansprache zur Eröffnung schließt mit einem patriotischen Bekenntnis, das er aus der Schulzeit kennt: " Ich hab mich ergeben mit Herz und Hand/ Dir Land voll Lieb und Leben/ Mein deutsches Vaterland." Sein Hochhausbüro lässt Springer mit dem ehemaligen Interieur der Londoner "Times" in der Fleet Street ausstatten. Auch der Journalistenclub im 18. Stockwerk (heute in der 19. Etage) strahlt die Atmosphäre eines englischen Klubs aus. Noch eine Besonderheit hat das Haus zu bieten: den höchsten Paternoster Europas, auch Verlagsbagger genannt. Er hat 36 Kabinen.

1966 ziehen die Redaktionen ins Hochhaus ein. 1967 wird Berlin Hauptsitz des Verlagshauses Axel Springer. 1967 wird auch die Goldene Kamera zum ersten Mal im Berliner Verlagshaus verliehen. Zu den glanzvollen Festen zählt ebenso die Verleihung des Goldenen Lenkrads. Doch das Haus wird auch Zeuge gewalttätiger Ereignisse. Zur Zeit der "68er-Bewegung" ist es Ziel von Demonstrationszügen der Studenten. Am Gründonnerstag 1968 brennen Lieferfahrzeuge neben der Kraftfahrzeughalle. Glastüren und Fenster werden zerschlagen. Polizisten und Drucker verteidigen das Haus.

Axel Springer hat es schon im September 1966 vorausgesehen. "Irgendwann wird in einem wiedervereinten Deutschland auch dieses Hochhaus zu klein sein. Wir werden immer weiterbauen." Am 14. September 1992, knapp drei Jahre nach dem Fall der Mauer, ist es so weit. Der Grundstein für den Erweiterungsbau wird gelegt. 1994 wird er bezogen. Er bietet 500 Beschäftigten Platz und wird Sitz der Redaktion der "WELT". Ebenfalls 1994 wird das alte Hochhaus unter Denkmalschutz gestellt.

Im Hochhaus haben heute AS MediaSystems, Produktionssteuerung, Konzerncontrolling und Investor Relations, die Zeitungsgruppe WELT/Berliner Morgenpost, Anzeigenbereich, Rechtsabteilung, "Welt am Sonntag"-Redaktion, Ullstein-Geschäftsführung und Vorstand ihren Sitz.

Im Traditionshaus wird weit in die Zukunft gedacht. Als erstes großes Zeitungshaus bündelt Axel Springer Print und Online. Die Zeitungsgruppe WELT/Berliner Morgenpost wird über einen zentralen Newsroom vernetzt. So entsteht die größte integrierte Zeitungs- und Onlineredaktion Deutschlands.