"Wir brauchen eine Kultur des Respekts"

Berliner Morgenpost: Wir sind hier mitten in Kreuzberg, in der Emmaus-Kirche am Lausitzer Platz.

Was wird aus der Hauptstadt? Herausragende Persönlichkeiten entwickeln Ideen und Konzepte. Heute: Bischof Wolfgang Huber entwirft das Bild einer Stadt der selbstbewussten Religionen. Und drei Praktiker proben den Dialog zwischen verschiedenen Weltanschauungen

Berliner Morgenpost : Wir sind hier mitten in Kreuzberg, in der Emmaus-Kirche am Lausitzer Platz. Nebenan entsteht eine große Moschee. Wird die Emmaus-Kirche in 20 Jahren immer noch eine evangelische Kirche sein in einem Kiez, in dem sehr viele Muslime leben?

Jörg Machel : Diese Kirche wird unsere Kirche bleiben. Es muss Orte geben, wo evangelisches Profil auch gepredigt und sich in der Reibung mit anderen Religionen verständigt und wir miteinander klüger werden.

Wie sehen Sie die Reibung, Herr Sagir?

Mohammed Imran Sagir : Reibung lässt sich nicht vermeiden, wenn Menschen verschiedene Meinungen haben. Im Privaten und Lokalen sehe ich dabei weniger Probleme, die Schwierigkeiten werden eher durch die Weltpolitik hineingetragen. Nach dem 11. September hat es Verwerfungen gegeben. Aber das Ziel der Muslime darf es nie sein, andere Religionsgemeinschaften an den Rand zu drängen oder ihre Gotteshäuser zu übernehmen. Wir sollten den Austausch fördern und vor allem die sozialen Belange miteinander bearbeiten. In einigen Moscheen entwickelt sich Sozialarbeit zunächst auf die Gemeinde bezogen. Diese Arbeit wird sich mehr und mehr zur Gesellschaft öffnen, wenn Sprachbarrieren niedriger werden. Wir haben jetzt auch die ersten Imame, die wirklich gut deutsch sprechen.

Herr Osuch, sehen Sie eine Renaissance der Religion in der Stadt, gerade im Ostteil, wo doch viele Menschen atheistisch geprägt sind?

Bruno Osuch : Dass der Islam stärker ins öffentliche Bewusstsein tritt, ist an der Zeit. Aber gesamtgesellschaftlich gibt es keine Renaissance der Religionen. In Berlin bilden die konfessionsfreien Menschen mittlerweile mit zwei Dritteln die übergroße Mehrheit der Bevölkerung. Das heißt nicht, dass die Menschen nicht auf der Suche sind nach Sinngebung, nach Werten oder Orientierung, und dabei durchaus auch religiöse oder kirchliche Angebote wahrnehmen und ausprobieren. Es gibt gerade bei Jugendlichen die Tendenz zu einer Art Patchwork-Religion.

Machel : Es gibt aber einen wichtigen Unterschied zwischen einem bewussten Atheismus und der Gottvergessenheit der Massen. Ich bemerke als Pfarrer sehr wohl, dass das bewusste Fragen zugenommen hat. Ich würde daraus nicht folgern, die Leute seien alle auf dem Sprung, ganz kirchennah zu werden. Aber wir haben seit den 70-er Jahren einen kontinuierlichen Anstieg an Besuchern unserer Gottesdienste und Gemeindeveranstaltungen. Gleichzeitig sinken die Mitgliederzahlen. Wir sollten uns von dem Bild verabschieden, dass die Welt friedlich würde, wenn sie erst mal komplett evangelisch ist. Das hat nie geklappt. Von solchen Ideologien sollten wir alle ablassen und anfangen, uns gegenseitig zu wertschätzen.

So etwas wie offensive Mission für die eigene Gemeinschaft darf also kein Thema mehr sein?

Machel : Ich schwärme von meiner Religion. Aber ich habe gelernt, dass meine Religion dunkle, blinde Flecken hat, wo sie nicht so sensibel ist. Ich habe ein Jahr in Indien gelebt und habe gelernt, welch hohe spirituelle Praxis dort existiert. Die haben Zugänge zu ihrem Glauben, die bei uns verschüttet sind. Wenn ich dort jetzt aber einsteigen wollte, hieße das, 90 Prozent meiner eigenen Geschichte zu verleugnen. Aber die Wertschätzung der 10 Prozent, die ich bei anderen wirklich bewundernswert finde, die bleibt. Und ich habe den Eindruck, dass es anderen genauso geht. Es wird immer eine Fluktuation zwischen uns geben. Aber wenn ich es richtig verstanden habe, ist im Islam die Konversion zum Christentum verboten.

Sagir : Es gibt solche Rechtsauslegungen. Aber wir gehen davon aus, dass jeder Mensch die Möglichkeit hat, sich zu entscheiden. Wir machen Angebote, aber es ist eine private Entscheidung mit Gott, ob sie angenommen werden. Natürlich freuen wir uns über jeden, der kommt und sind unglücklich über jeden, der aus dem Islam heraus konvertiert.

Was haben Menschen, die nicht religiös sind, eigentlich diesem Feuer entgegenzusetzen?

Osuch : Wir haben auch eine positive Identität. Das ist der weltliche Humanismus. Wir vertreten ohne Gott eine positive Ethik.Wir haben auch eine flammende Überzeugung, aber nicht den Missionsanspruch, den traditionell die Religionen mit einem heiligen Buch haben. Ich finde gut, dass wir gemeinsam die gesellschaftlichen Probleme lösen wollen. Aber etwas hat mich in letzter Zeit bei den Kirchen geärgert. Nämlich ein immer noch durchscheinender Alleinvertretungsanspruch was Ethik und Moral betrifft.

Aber haben Sie in Berlin nicht auf ganzer Linie gesiegt? Der Ethik-Unterricht ist doch politisch in ihrem Sinn entschieden worden.

Osuch: Wir haben ja über den Ethik-Unterricht hinaus ein eigenes, humanistisches, weltanschauliches Angebot in Form der Lebenskunde. Die Ethik macht aus uns Konkurrenz. Trotzdem sind wir über den Schatten des Verbandsegoismus gesprungen. Denn für uns ist das Prinzip der Integration von Kindern in einem gemeinsamen, werteorientierten Unterricht wichtiger als der eigene lebenskundliche Unterricht. Die Ethik führt Kinder zusammen und macht sie in einem Klassenraum dialogfähig. Darüber hinaus soll es ja Religionsunterricht geben.

Machel : Aber das gemeinsame Miteinander passiert doch an 30 Stunden pro Woche. Wir, das sind die Christen, die kleine Gruppe der Buddhisten, die Kollegen aus dem Islam und die jüdischen Vertreter, sind alle der Meinung, in einem kleinen Randbereich der Schule sollte es die Möglichkeit geben, identitätsstiftend zu unterrichten. Der Religionsunterricht ist angesichts der Stofffülle in der Schule als freiwilliges Angebot jetzt so strukturiert, dass man schon Pfarrer sein muss, um seine Kinder nicht abzumelden. Ein einziges Fach soll eben nicht wertneutral sein, sondern es sollen Bekenntnisse vermittelt werden, auch der Humanismus, an denen sich die Jugendlichen reiben können.

Sagir: Das sehe ich genau so.

Osuch : Aber der Staat ist nicht werteneutral. Das Grundgesetz und die Menschenrechte, sind die Werte, die müssen vermittelt werden.

Machel : Aber das reicht nicht aus. Die Jugendlichen leiden darunter, dass sie nur schwer identifizierbare Positionen erkennen können.

Anderes Thema. Es gibt ja einen Generalverdacht gegen den Islam, viele sehen überall Hass-Prediger und Islamisten. Welche Rolle kann in Berlin ein gemäßigter Islam spielen?

Sagir : Die Muslime sind gerade dabei, hier ihre Heimat zu finden. Es werden Moscheen gebaut, die Gemeinden öffnen sich. Das ist der richtige Weg. Sich abzuschotten und dann zu hoffen, dass einen die anderen verstehen, ist naiv. Man muss den ersten Schritt tun. Wir haben Konvertiten zum Islam aus der Mitte der Gesellschaft. Der Weg der Öffnung muss weiter verfolgt werden, sonst ist die Religion nicht attraktiv.

Wie stark schätzen sie die Gruppen ein, die die Menschenrechte und das Grundgesetz eben nicht akzeptieren?

Sagir: Alle Moscheen, die in Berlin arbeiten, haben alle möglichen Anschläge der letzten Zeit stets verurteilt. In einer Moschee wurde sogar festgestellt, dass sich diese Attentäter nicht nur nicht auf den Islam berufen können, sondern sie wurden aus dem Islam ausgeschlossen. Konflikte wie im Irak oder im Libanon führen jedoch zu einer Radikalisierung in der islamischen Welt. Die wird auch in die Diaspora ausstrahlen, weil die Leute ja immer noch Verbindungen in ihre alte Heimat pflegen. Aber die meisten, die sich radikalisiert haben, sind gerade deswegen aus den Gemeinden herausgefallen.

Osuch : Aber das ist doch in erster Linie ein sozial- und wirtschaftspolitisches Problem. Wenn an bestimmten Schulen die Mehrheit eines Jahrgangs keinen Abschluss schafft und keine Lehrstelle findet, die deutsche Sprache nicht beherrscht und ohne Perspektive ist, dann herrscht bei den jungen Leuten natürlich große Zukunftsangst und sie sind ein gefundenes Fressen für Radikale.

Nun wurde gerade in Berlin eine Operninszenierung abgesetzt aus Angst vor islamistischer Gewalt. Darin werden Jesus, Buddha und Mohammed geköpft.

Sagir : Szenarien wie Androhung von Gewalt sind abzulehnen. Aber es ist auch natürlich, dass weder Christen noch Muslime oder Buddhisten besonders erfreut sind über solche eine Inszenierung.

Machel : Sämtliche Religionen haben das Potenzial, Fundamentalismen auszubilden. Jeder, der ernsthaft um die Wahrheit bemüht ist, steht in der Gefahr, seine Wahrheit absolut zu setzen. Ich habe neulich in einer Moschee zum Ramadan mit einem Muslim und einem Juden übers Fasten geredet. Das war sehr spannend, wie wir uns miteinander in Wertschätzung verständigt haben, was Fasten eigentlich für uns bedeutet. Ein anderes Mal haben wir über Sterberituale geredet. Wir sind wunderbar an unsere Wurzeln gekommen, haben den Reichtum, den jeder mitzubringen hatte, bewundert. Und wir haben uns ein Stück auf uns selbst zurückbesonnen.

Wird es solche Diskussionen, was Kunst darf oder nicht, vor einem religiös motivierten Hintergrund in 20 Jahren noch geben?

Osuch : Wenn eine weltbekannte Oper ein Stück aus Angst absetzt, unterhöhlt das die Basis unserer demokratischen Gesellschaft, das sind Toleranz und Meinungsfreiheit. Aber ich sehe optimistisch in die Zukunft. Berlin ist multireligiös, multikulturell, multiethnisch. Das wird zunehmen. Natürlich wird unser Verband davon profitieren. Aber auch bei den religiösen Menschen wird es Profilierungen geben. Die Muslime werden selbstbewusster, es werden mehr Orthodoxe und Juden in der Stadt leben. Das ist gut so. Diese Meinungsvielfalt müssen wir erhalten, die dürfen wir uns von niemandem gefährden lassen.

Machel : So wie diese Stadt, die rein protestantisch war, die Krise im Umgang mit den Katholiken gelöst hat, existiert auch das Potenzial, dass wir in einem ganz freundlich-friedlichen Miteinander sein werden. Aber wir werden am Rande immer mit Fundamentalismen zu tun haben.

Sagir : Wenn wir uns aber in Berlin auf die 90 Prozent Gemeinsamkeiten konzentrieren, können wir ein sehr schönes Miteinander schaffen, nicht bloß ein Nebeneinander.

Machel : Aber da sehe ich eine Gefahr. In einer Stadt, die so verrückt ist wie Berlin, kann sich immer irgendeine Gruppe durch irgendetwas verletzt fühlen.

Osuch : Ja eben, wir reden doch über Kultur, über Kunst.

Sagir : Dass die Kunst so etwas darf, ist klar. Die Frage ist doch, ob man zu einer Kultur des respektvollen Umgangs findet.

Machel : Aber nehmen wir doch Madonna, die sich bei ihrem Konzert an ein Kreuz gehängt hat. Ich finde das dämlich und geschmacklos, aber das ist doch nichts, wo gegen ich auf die Straße gehen würde. Meine Aufgabe als Theologe wäre, die Idiotie dieser Geschichte offenbar zu machen. Aber nicht, eine Absetzung der Veranstaltung zu erreichen.

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