"Neue Photographische Gesellschaft"

Die größte Bilderfabrik der Welt

Paparazzi sind keine Erfindung der heutigen Stars-und-Sternchen-Glitzerwelt. Zur Hochzeit von Kronprinzessin Cecilie im Jahre 1905 schossen die Fotografen der "Neuen Photographischen Gesellschaft" ihre Bilder vom Brauteinzug von eigens angemieteten Fensterplätzen am Pariser Platz aus.

Die Aufnahmen wurden per Fahrradboten in die Fabrik an der Steglitzer Siemensstraße 27 gebracht. Bereits eine Stunde später konnten Straßenhändler die Bromsilberkarten zum Verkauf anbieten. Allein von diesem Ereignis sollen 650 000 Karten verkauft worden sein.

Die Neue Photographische Gesellschaft in Steglitz - kurz NPG - gehört um 1900 zu den weltweit größten Unternehmen auf dem Gebiet fotografischer Objekte. Sie gilt heute als die Wiege der Farbfotografie. Auf dem 20 000 Quadratmeter großen Fabrikgelände am Teltowkanal arbeiteten bis zu 1200 Beschäftigte, dazu kamen Niederlassungen in New York, Mailand und London. "Es war die größte Bilderfabrik der Welt", sagt Wolfgang Holtz, Heimatforscher aus Lichterfelde. Umso mehr hat es ihn gewundert, dass die Geschichte der Fabrik, die in den Jahren von 1897 bis 1921 von Steglitz aus die Welt erobert hat, kaum bekannt war.

Gemeinsam mit seiner Frau Wilma Gütgemann-Holtz hat er jahrelang in Archiven recherchiert, sich mit Postkartensammlern und Familienmitgliedern unterhalten. Das Ergebnis dieser historischen Aufarbeitung ist bis zum 22. November in der Ausstellung "Neue Photographische Gesellschaft - ein vergessenes Weltunternehmen" im Gutshaus Steglitz neben dem Schloßpark-Theater zu sehen. Firmengründer Arthur Schwarz, 1862 in Braunsberg/Ostpreußen geboren, war ein umtriebiger junger Mann. Im Sommer 1887 reiste er durch die USA und besuchte 60 Städte in 75 Tagen. Noch im selben Jahr durchquerte er Russland und fuhr nach Istanbul, Griechenland, Italien und Frankreich. War er nicht auf Reisen, war er in London und New York in der Fotografie tätig. Mit den ersten maschinell hergestellten Rollenfotografien kehrte Arthur Schwarz nach Deutschland zurück und gründete mit zehn Angestellten 1894 in Schöneberg die NPG. Bereits nach zwei Jahren war das Grundstück zu klein. 1897 konnte das neue Fabrikgelände an der Steglitzer Siemensstraße bezogen werden.

Täglich verließen bis zu 40 000 Bilder und Postkarten das Werksgelände in alle Welt. Tausend Meter Bromsilberpapier wurden für diese Menge benötigt, was den Namen "Kilometer-Photographie" prägte. Die Grundlagen der heutigen Farbfotografie stammen aus den Laboren der NPG. Das Verfahren wurde 1911 von dem Chemiker Rudolf Fischer zum Patent angemeldet. Mit Ausbruch des Ersten Weltkriegs fielen zahlreiche Exportmärkte weg. 1918 brach das Kaiserhaus als einer der wichtigsten Auftraggeber weg. 1921 übernahm das Dresdner Werk Mimosa die NPG und führte sie als Tochter bis 1948 weiter.

In der Ausstellung im Gutshaus, zu deren Eröffnung auch 35 Mitglieder der Familie Schwarz aus Mailand, New York, Uruguay, Wiesbaden und Wolfenbüttel gekommen waren, werden jetzt erstmals etwa 1000 Postkarten und viele Originaldokumente aus der Firmengeschichte öffentlich gezeigt. Viele Helfer haben an der Ausstellung mitgewirkt. Nicht nur das Bezirksamt Steglitz, das die Räume im Gutshaus kostenlos zur Verfügung stellt. Auch Ulrich Schwarz, Enkel von Arthur und Elisabeth Schwarz, sowie Henning Fischer, Sohn des Chemikers Rudolf Fischer, öffneten ihre privaten Familienalben und halfen mit Erinnerungen, Aufzeichnungen und Dokumenten weiter.

Entstanden ist ein komplexes Bild einer Firmen- und Familiengeschichte. "Es gibt nichts, was die NPG auf fotografischem Gebiet nicht gemacht hat", sagt Wolfgang Holtz. In den Steglitzer Studios entstanden Glückwünschkarten, Genrebilder, Modefotos und Kunstkarten, auf denen Frauen in Seifenblasen und Blütenköpfen zu sehen sind. Wertvolle Bronzeskulpturen oder Gemälde, die nur in betuchten Häusern oder Galerien zu finden waren, hielten dank der fotografischen Vervielfachung als Bild Einzug in viele gute Stuben.

Zum zehnjährigen Bestehen 1904 wurde das unternehmerische Engagement der Neuen Photographischen Gesellschaft in einem Zeitungsartikel gewürdigt: "Die NPG ist durch die künstlerischen Erzeugnisse in der ganzen gebildeten Welt, in allen Kreisen der Kunst und Industrie bekannt geworden."

Schloßstraße 48, Dienstag bis Sonntag 14-19 Uhr, Eintritt 1,50 Euro, Katalog 15 Euro. Jeden Sonntag um 17 Uhr werden Führungen angeboten