Kunst

Ein Bild für Barroso

Deutschland steht Kopf, England liegt quer, und Italien kickt Sizilien von der Stiefelspitze. Europa auf Plastik. Für den europäischen Kommissionspräsidenten José Manuel Barroso hat die Künstlerin Lisa C. Soto aus New York den Kontinent neu sortiert. Auf Folie gezeichnet, Länder ausgeschnitten, mit grüner Pastellkreide bemalt.

Dann mit Fixiermittel besprüht und mit Nadel und Faden zu einem neuen Konstrukt verbunden. Jedes Stück einzeln, in zwei Monaten, an endlos erschienenen Arbeitstagen.

Zurzeit wird ihre Skulptur in einen 120 mal 90 Zentimeter großen Objektrahmen gesetzt. Sonnabendabend soll das Kunstwerk Barroso überraschen. Dann wird im Auswärtigen Amt in Berlin der Preis für Zivilcourage und Engagement verliehen: die Quadriga. Eine vergoldete Nachbildung des Originals von Schadow auf dem Brandenburger Tor. Vier von der Siegesgöttin Viktoria gelenkte Pferde, die für Einheit, Tapferkeit und Eintracht stehen.

Zum 20-jährigen Jubiläum des Mauerfalls steht der Preis in diesem Jahr unter dem Motto "Mauern fallen - Brücken bauen". "Die Quadriga honoriert gesellschaftspolitische Vorbilder aus und für Deutschland", sagt Marie-Luise Weinberger, geschäftsführende Vorsitzende des ausrichtenden Vereins "Werkstatt Deutschland e. V.". Fünf Persönlichkeiten und eine Gruppe werden bei einem Festmahl in Anwesenheit von vielen Prominenten im Auswärtigen Amt geehrt: José Manuel Barroso, Musiker Marius Müller-Westernhagen, Bürgerrechtlerin Bärbel Bohley, der ehemalige tschechische Staatspräsident Václav Havel, Michail Gorbatschow und die iranische Frauenkampagne "Eine Million Unterschriften für die Gleichheit von Männern und Frauen", die sich gegen Diskriminierung im Iran einsetzt.

Doch glänzendes Gespann und glamouröse Gala - das ist noch nicht alles, was Preisträger und Gäste erwartet. Werkstatt Deutschland hat sich etwas Besonderes überlegt.

Zur Quadriga gibt es Kunst. "Wir hatten die Idee, junge Künstler zu fördern, die die Werte der Quadriga visualisieren", sagt Marie-Luise Weinberger. Gemeinsam mit dem Berliner Maler Christian Awe hat sie sich auf die Suche gemacht. Und vier spannende Talente gefunden, die begabt und von Berlin begeistert sind.

Die Welt bildet Europa

Lisa Soto steht in ihrem Studio in Prenzlauer Berg. Vor ihr ein vollgepackter Tapeziertisch. Blackberry und Laptop zwischen Folienrest und Pinselspitze. Aus der Wand fallen orangefarbene Kabel auf kaltes Linoleum. Im Hintergrund säuselt sanft Norah Jones. Seit drei Monaten lebt und arbeitet Soto in der Hauptstadt. Nach dem Studium in Amsterdam 1997, Ausstellungen in Manhattan, Miami und Marbella hat sie sich bewusst für Berlin entschieden. "Es ist wie das New York der 70er- und 80er-Jahre auf seinem künstlerischen Höhepunkt", sagt die Vierzigjährige. Ihre Korkenzieherlocken wippen. Hinter ihr hängt ihr bisher größtes Werk. Die Welt in Einzelstücken. Diese interessanten Territoriumsverschiebungen, sogenanntes Remapping mit Collage-Technik, hat das Quadriga-Komitee aufmerksam gemacht. Für Barroso, der morgen vom polnischen Premier Donald Tusk geehrt wird, sollte Lisa aus der Welt Europa machen. Barroso stehe schließlich für das Zusammenwachsen des Kontinents, so das Preiskomitee.

Lisa Soto fühlt sich geehrt. "Ich finde es sehr offen, dass das Thema Europa an eine Amerikanerin gegeben wurde", sagt sie. Doch ihr Werk soll nicht politisch sein. Ob Deutschland neben Italien, Spanien über Norwegen - nicht die Länder, vielmehr ihre Formen habe zu der Anordnung geführt. Dadurch sei eine neue Gestalt von Europa entstanden, die zeige, dass Kunst Grenzen überwindet. "Wie beim Dinner ist es spannend, immer wieder eine andere Sitzordnung auszuprobieren", sagt Soto. "So können sich alle Gäste kennenlernen."

Auch Simon Menner gehört zu den ausgewählten Künstlern, die ehrenamtlich für die Quadriga gearbeitet haben. Der Fotograf ist bekannt für seine kritischen, nur mit natürlichem Licht entstandenen Fotoreportagen. 2007 beendete er die Universität der Künste Berlin mit dem Preis für die beste Abschlussarbeit, im Mai stellte er im Museum of Contemporary Photography in Chicago aus. Die Nachtaufnahmen von Bombay, Paris und Chicago, auf denen das eigentliche Thema - schlafende Obdachlose - erst auf den zweiten Blick zu erkennen ist. Stets im Bild, stets leicht versteckt. "Mit Simon Menner haben wir einen der begabtesten Fotografen seiner Generation gewonnen", sagt Künstlerorganisator Christian Awe.

Für die Quadriga fotografierte Menner Berlin bei Nacht. Eine zehnteilige Serie vom Brandenburger Tor bis zur Friedrichstraße. Immer im Bild die zweigliedrige Pflastersteinlinie, die an den ehemaligen Verlauf der Mauer erinnert. Stets auf dem Foto, stets leicht versteckt. "Ich fand es interessant, dass die Markierung nicht mehr wirklich in der Stadt wahrgenommen wird", sagt Menner. "Die Fotos sollen zeigen, dass die Mauer nicht mehr das Symbol der Teilung, sondern der vereinten Stadt ist." Die Fotoserie Menners soll voraussichtlich Marius Müller-Westernhagen erhalten. Alle anderen Preisträger werden zumindest eines der Bilder bekommen - das Brandenburger Tor auf 50 mal 60 Zentimeter Aluminium.

An den diesjährigen Ehrenpreisträger Michail Gorbatschow soll die Skulptur "Hoffnung" des Bildhauers Feng Lu gehen. Der gebürtige Chinese fertigte eine elf Zentimeter hohe und 23 Zentimeter lange Figurengruppe - Männer und Frauen - aus Acrylharz. "Ich wollte viele unterschiedliche Menschen schaffen, die alle anders sind und denken, aber durch ihre gemeinsamen Hoffnungen vereint sind", sagt Lu. Wie die Menschen in Ost und West vor dem Mauerfall. Der freischaffende Künstler lebt in Kreuzberg, stellte bereits in Regensburg, Frankfurt und Köln aus.

Auch der vierte Künstler wirkt im Herzen Berlins. Stefan Ssykor, Maler und Meisterschüler der Hochschule für Bildende Kunst Braunschweig, hat sein Atelier an der Friedrichstraße. In seinen Arbeiten bringt er Motive gegenständlich mit Acrylfarbe auf Leinwand. Dasselbe Motiv überlagert er anschließend vielfach, um mehrere Ebenen zu schaffen. So löst es sich auf, verschwimmt in Farbe und Abstraktion. Und ermöglicht seinem Betrachter, mit all seinen Sinnen in den visuellen Raum einzutauchen. "Uns hat es sehr gereizt, dass Herr Ssykor dasselbe mit dem Brandenburger Tor versucht", sagt Marie-Luise Weinberger. Entstanden ist ein Bild, welches das Tor als Motiv nicht auflöst, durch die 30 Ebenen jedoch das Davor und Dahinter verschwimmen lässt. Eine Einheit, auf beiden Seiten, durch das Portal des Tores hindurch.

Sonnabend, halb drei Uhr: Vor dem Reichstag werden Preisträger, Laudatoren und Ehrengäste vier Bäume pflanzen. Die gemeinsam wachsen, das Zusammengehören von Deutschland, Europa und der Welt symbolisieren sollen. Um sieben Uhr wird die Quadriga vor 600 Gästen im Auswärtigen Amt verliehen. Kurz vorher, um sechs Uhr, treffen sich Künstler und Preisträger im Hotel Adlon. Dann können Lisa Soto, Simon Menner, Feng Lu und Stefan Ssykor ihre Werke persönlich übergeben, bevor sie mit den Geehrten zur Gala wechseln.

Sonderedition für alle Gäste

Nach der Veranstaltung dann eine Überraschung für alle Gäste: Die Begum Inaara Aga Khan, Iris Berben, Boris Tadic, Paul Wolfowitz, Lothar de Maizière, Schirin Ebadi und die geladenen Gäste der Berliner Morgenpost - Unternehmer Hans Wall, Ärztin Jenny de la Torre, Sänger Frank Zander, Jürgen Schulz von der Björn-Schulz-Stiftung, Sabine Werth von der Berliner Tafel und Bernd Siggelkow von der Arche erhalten ein Präsent. "Wir haben pro Kunstwerk eine Edition von 150 Stück anfertigen lassen", verrät Marie-Luise Weinberger. Per Zufallsprinzip ausgewählt, bekommt jeder Gast eins mit nach Hause.

Lisa Soto ist aufgeregt. Über Barroso weiß sie nur, dass er einen schweren und bedeutenden Job hat. Was ihr Geschenk an ihn angeht, ist sie schon sicherer. "Ich glaube, er wird es mögen."

"Wir wollten junge Künstler fördern, die die Werte der Quadriga visualisieren" Marie-Luise Weinberger