Empörung

"Sarrazin macht alles kaputt"

Als Thilo Sarrazin gestern Morgen vom Bürohochhaus der Deutschen Bundesbank aus auf die City von Frankfurter am Main blickte, hatte sich in Berlin schon eine Welle der Empörung aufgebaut. Als einer der Ersten äußerte sich Kenan Kolat, Vorsitzender der Türkischen Gemeinde in Deutschland: "Das ist unerhört! Wir haben Sarrazin schon häufiger als Senator ohne Herz erlebt."

Er sei ein Technokrat. "Sarrazin schießt häufig über die Ziellinie hinaus und macht sich über die Auswirkungen seiner populistischen Aussagen keine Gedanken. Gerne können wir sachlich über das Thema diskutieren. Doch zu solchen unsachlichen Äußerungen möchte ich gar keine Stellung nehmen." Hüsnü Özkanli, Vorstandsvorsitzende der Türkisch-Deutschen Unternehmervereinigung (TDU), betonte: "Wir tragen zum deutschen Wirtschaftssystem bei, indem wir Ausbildungs- und Arbeitsplätze schaffen, unsere Jugend studiert. Was sollen wir sonst noch machen, um unseren Integrationswillen zu demonstrieren? Uns die Haare blond färben?"

Angriffe auf die "Unterschicht"

Ziel der Anwürfe war ein Interview Sarrazins in der Zeitschrift "Lettre International", das er schon Ende August geführt hatte. Darin stellte er seitenlang seine Ansichten über die Berliner Migrantengruppen dar, ließ kein gutes Haar an der "Unterschicht", die im Wesentlichen von der türkischen und arabischen Bevölkerung gestellt würde, und kritisierte das Bildungssystem. Das gipfelte in Äußerungen wie dieser: "Wenn 1,3 Milliarden Chinesen genauso intelligent sind wie die Deutschen, aber fleißiger und in absehbarer Zeit besser ausgebildet, während wir Deutschen immer mehr eine türkische Mentalität annehmen, bekommen wir ein größeres Problem." Eine große Anzahl von Türken und Arabern, so Sarrazin weiter, habe ohnehin "keine produktive Funktion, außer für den Obst- und Gemüsehandel".

Das wahre Ausmaß dieser Weltsicht als Bundesbank-Vorstand hat er gestern offenbar zunächst nicht bemerkt, denn der "BZ" sagte er zunächst, dies sei doch eine "Liebeserklärung" an die Stadt. "Denn was man liebt, betrachtet man auch besonders sorgsam und mit scharfem Auge." Am Nachmittag dann verschickte sein Büro eine Erklärung, in der er die Formulierungen bedauerte. Eine halbe Stunde später meldete sich die Pressestelle der Deutschen Bundesbank mit einer weiteren Erklärung Sarrazins, in der er dann endlich eine Entschuldigung äußerte und wortreich für die Zukunft vorsichtige und zurückhaltende Äußerungen versprach.

Derweil überschlugen sich die empörten Reaktionen auf das Sarrazin-Interview. Der niedersächsische Arbeitsminister Philipp Rösler (FDP), der vietnamesische Wurzeln hat, war entsetzt. Man dürfe Probleme nicht schönreden, "aber das ist Polemik in die andere Richtung", sagte er laut Spiegel Online. "Mit Maß und Mitte hat das nichts zu tun." Sarrazins Aussagen machten "alle Integrationsbemühungen der letzten fünf Jahre kaputt".

Der Bundestagsabgeordnete und Grünen-Finanzexperte Gerhard Schick findet die Äußerungen "geschmacklos und diskriminierend", so etwas dürfe ein Bundesbank-Vorstand auch "als Privatmann nicht in die Öffentlichkeit husten". Der Grünen-Politiker Özcan Mutlu hält Sarrazin schlicht für "durchgeknallt". Die Aussagen seien "einfach nur peinlich": "In Berlin gibt es allein 6000 deutsch-türkische Unternehmer, die nahezu 20 000 Arbeitsplätze geschaffen haben", fügt Mutlu noch hinzu.

Auch Sarrazins eigene Partei, die SPD, reagierte äußerst ungehalten. Nachdem die sozialpolitische Sprecherin der SPD-Fraktion, Ülker Radziwill, schon am Mittwoch von einer "hochnäsigen" und "einfältigen" Sichtweise sprach, äußerte sich gestern auch der integrationspolitische Sprecher Raed Saleh. Es sei "unklug", so zu reden. "Er äußert Stammtischparolen und zündelt damit auch. Man sollte über Themen, die man nicht beherrscht, nicht reden", sagte Saleh.

Auch der Sprecher des Türkischen Bunds Berlin-Brandenburg, Safter Çinar, reagierte entrüstet. Çinar sagte, die Aussagen Sarrazins seien völlig einseitig und unüberlegt. "Das ist absolut unter der Gürtellinie und inhaltlich völliger Quatsch." Es gebe auch eine andere, erfolgreiche Seite. "Migranten mit höherer Bildung sind Politiker im Abgeordnetenhaus. Es gibt 80 türkischstämmige Ärzte, die in Berlin eine Praxis haben, und 70 türkische Anwälte."

Auch die kurdischstämmige frauenpolitische Sprecherin der Linken, Evrim Baba, äußerte ihren Unmut. Baba bezeichnete die Äußerungen des Ex-Finanzsenators als sozial-chauvinistisch. Heftige Kritik kam auch vom integrations- und sozialpolitischen Sprecher der FDP, Rainer-Michael Lehmann: "Die Äußerungen Sarrazins zu Menschen mit Migrationshintergrund sowie Empfängern von Arbeitslosengeld sind unerträglich und ein Beleg für ein arrogantes Menschenbild." Auch die Fraktionsvorsitzenden der Grünen, Volker Ratzmann und Franziska Eichstädt-Bohlig, verurteilten Sarrazins Aussagen: "Wer dachte, mit Sarrazins Abgang wären die Pöbeleien vorbei, hat sich getäuscht."

Provokantes Auftreten

Der 64-jährige Sarrazin ist seit dem 1. Mai im Bundesbank-Vorstand, zuständig für Bargeld, Informationstechnologie und Risiko-Controlling. Zuvor war er sieben Jahre Finanzsenator in Berlin. Dort verpasste er der verschuldeten Hauptstadt einen rigiden Sparkurs. Schon in dieser Zeit war er mit provokanten Äußerungen aufgefallen. So sagte er beispielsweise im vergangenen Jahr, man könne sich auch mit warmen Pullovern gegen steigende Heizkosten rüsten. Er hatte gesagt: "Wenn die Energiekosten so hoch sind wie die Mieten, werden sich die Menschen überlegen, ob sie mit einem dicken Pullover nicht auch bei 15 oder 16 Grad Zimmertemperatur vernünftig leben können."

Gestern Abend distanzierte sich die Bundesbank noch einmal von Sarrazin. Eine Sprecherin der Kommunikationsabteilung teilte dieser Zeitung mit, sie habe Sarrazin schon im Vorfeld des Erscheinens des Interviews darauf hingewiesen, dass es zu einer öffentlichen Debatte wegen der Äußerungen kommen könnte. Doch es sei nicht mehr möglich gewesen, in die Autorisierung einzugreifen. Mit Spannung dürfte nun Sarrazins weiteres Verhalten in der Öffentlichkeit beobachtet werden. Die Berliner Industrie- und Handelskammer lädt für kommenden Montag zum 3. Mittelstandstag ein. Das Thema lautet: "Deutschland nach der Wahl". Sprechen soll Thilo Sarrazin.

"Er äußert Stammtischparolen und zündelt damit auch. Man sollte über Themen, die man nicht beherrscht, nicht reden"

Raed Saleh, integrationspolitischer Sprecher der SPD-Fraktion im Berliner Abgeordnetenhaus

"Was sollen wir sonst noch machen, um unseren Integrationswillen zu demonstrieren? Uns die Haare blond färben?"

Hüsnü Özkanli, Vorstandsvorsitzende der Türkisch-Deutschen Unternehmervereinigung

"Wer dachte, mit Sarrazins Abgang wären die Pöbeleien vorbei, hat sich getäuscht"

Franziska Eichstädt-Bohlig und Volker Ratzmann, Vorsitzende der Grünen-Fraktion

"Die Deutsche Bundesbank distanziert sich entschieden in Inhalt und Form von den diskriminierenden Äußerungen von Dr. Thilo Sarrazin"

Deutsche Bundesbank

"Ex-Finanzsenator Sarrazin betätigt sich als geistiger Brandstifter auf dem Gebiet der Sozialpolitik"

Evrim Baba Abgeordnete der Linken

"Das ist absolut unter der Gürtellinie und inhaltlich völliger Quatsch"

Safter Çinar, Sprecher des Türkischen Bunds Berlin-Brandenburg