Siemens sucht verzweifelt Azubis

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Helga Labenski

Kathleen Schäfer hat nur ein Ziel: Sie will zur Marine. Doch beim ersten Anlauf reichten Noten und technische Vorkenntnisse für eine Aufnahme nicht.

Kathleen Schäfer hat nur ein Ziel: Sie will zur Marine. Doch beim ersten Anlauf reichten Noten und technische Vorkenntnisse für eine Aufnahme nicht. Mit einer Doppelqualifikation zur Elektronikerin für Betriebstechnik und einem Fachabitur bei Siemens in Spandau will die 19jährige Marzahnerin nun ihrem Traum näherkommen. Die dreieinhalbjährige Ausbildung gilt als fundiert, vielseitig und chancenträchtig.

Doch Kathleen und ihre 24 Mitschülerinnen an der Werner-von-Siemens-Berufsfachschule an der Nonnendammallee könnten nicht nur die ersten jungen Frauen sein, die die Ausbildung in einer reinen Mädchenklasse absolvieren, sondern auch die einzigen. Für das neue Ausbildungsjahr ab 1. September sucht die Schule verzweifelt Bewerberinnen mit Realschulabschluß und Hang zu naturwissenschaftlichen Fächern.

Obwohl nach Firmenangaben die Arbeitsagenturen, Jobcenter und Schulen eingeschaltet wurden, sind erst sieben der 26 Plätze besetzt. "Ich bin schon ganz verzweifelt", sagt Norbert Giesen, Leiter Bewerbermarketing. "Wir haben alle Berliner Realschulen und Gesamtschulen angemailt, dann telefonisch nachgehakt. Schriftliche Informationen nachgeliefert und versucht, Kontakt zu Fachlehrern herzustellen", so Giesen. Doch kaum eine Schule habe reagiert. Dabei biete die Kombination mit dem Fachabitur sogar die Chance, sich auf der Siemens-Technik-Akademie weiterzubilden.

"Wir wollen die stillen Talente entdecken, die in einer gemischten Klasse untergehen würden", so Giesen über die Gründe für die Geschlechtertrennung. Das Konzept scheint aufzugehen. "Früher hatte ich überhaupt keinen Bezug zur Technik. Für mich kam der Strom aus der Steckdose", witzelt Melany Gottschalk (20).

Inzwischen ist sie mit Eifer bei der Sache, wenn ihre Klasse lernt, die Komponenten eines Computerarbeitsplatzes für Kunden fachgerecht zusammenzustellen, oder Messungen macht, um bei Industrieautomaten auf Fehlersuche zu gehen. Zwar wird für den schulischen Ausbildungsgang kein Gehalt gezahlt, aber die jungen Frauen erhalten 100 Euro monatlich und können Schülerbafög beantragen. Christoph Lang, Sprecher der Senatsverwaltung für Arbeit und Frauen, fällt angesichts des Bewerberinnen-Notstands bei Siemens aus allen Wolken: "Das verstehe ich überhaupt nicht. Das ist doch eine hochkarätige Ausbildung, und der Bedarf an Ausbildungsplätzen ist groß."

Olaf Möller von der Direktion Berlin der Agentur für Arbeit ist weniger überrascht: "Es bedarf noch immer großer Überzeugungsarbeit, um Mädchen technische Berufe schmackhaft zu machen." Dagegen, daß allein fehlendes Interesse der Mädchen die Elektronikerinnen-Ausbildung bei Siemens gefährdet, spricht, daß selbst an der Siemens-Technik-Akademie für Abiturienten noch zwölf Plätze für die sonst bei männlichen Bewerbern heiß begehrte Ausbildung zum Industrie-Technologen frei sind. Siemens-Mann Giesen hat denn auch eine eigene Theorie. Er vermutet, daß der Bewerber-Notstand eine Folge des neuen Berliner Schulgesetzes ist: "Die Schulen müssen die Reform umsetzen und sind mit sich selbst beschäftigt."

Jens Stiller, Sprecher der Senatsbildungsverwaltung, ist von der Situation "völlig überrascht". Es sei "natürlich immer auch eine Frage des persönlichen Engagements der Lehrer, aber normalerweise helfen die Schulen bei der Berufsvorbereitung, wo sie nur können". Stiller verspricht Siemens Hilfe bei der Suche nach Interessentinnen.

Viel Zeit bleibt nicht. Gibt es bis zum Ferienstart am 6. Juli nicht genügend Bewerbungen, wird das Angebot gestrichen.