Wohnen im Industrie-Denkmal

Als technische Anlage hat der Turm längst ausgedient. Belebt wird er heute von Wohnungsmietern und Musikern.

Als technische Anlage hat der Turm längst ausgedient. Belebt wird er heute von Wohnungsmietern und Musikern. Als Industriedenkmal erinnert der Komplex an die Anfänge der kommunalen Trinkwasser-Versorgung Berlins

Von den Bewohnern des Kiezes wird er liebevoll "dicker Hermann" genannt. Der denkmalgeschützte Wasserturm an der Knaackstraße ist eines der markanten städtebaulichen Merkmale von Prenzlauer Berg, ein Industriedenkmal erster Güte mitten im Sanierungsgebiet Kollwitzplatz und dazu noch der älteste Wasserturm Berlins. Das Gelände rund um den Turm gehört zu den Altbauquartieren des 19. Jahrhunderts, die ringförmig um den alten Stadtkern Berlin-Cölln entstanden. Die Bebauung des Wasserturmgeländes zwischen Knaack-, Kolmarer-, Diedenhofer- und Belforter Straße ist Ursprung der städtischen Berliner Wasserversorgung.

Ein Blick zurück: In der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts gab es verschiedene Bemühungen, für die wachsende Stadt ein einheitliches Trinkwasserversorgungsnetz zu schaffen. Zu dieser Zeit versorgten rund 9000 Brunnen auf den Höfen der Häuser sowie 900 öffentliche Brunnen auf den Straßen die Bevölkerung - mit zum Teil sehr verunreinigtem Wasser.

Im Jahre 1842 legte der Wissenschaftler Alexander von Humboldt erste Pläne zur Wasserversorgung der Stadt vor. Doch erst zehn Jahre später erfolgte die Grundsteinlegung für das erste Wasserwerk Berlins. 1852 hatten die Engländer Fox und Crampton dem damaligen Magistrat den Bau eines Wasserpumpwerkes angeboten. Während sich deutsche Aktionäre zurückhielten, übernahmen englische Finanziers unter dem Namen "Berlin Waterworks Company in London" den Bau. So entstand die erste Wasserversorgungsanlage auf dem Areal, dem damaligen Windmühlenberg, zwischen 1852 und 1856. Eigentlich war es ein 3000 Kubikmeter großes, offenes Wasserbecken mit einem seitlich angeordneten Steigrohrturm, der mit seinen 41 Metern Höhe heute noch steht.

1873 übernahm der Berliner Magistrat für 25,5 Millionen Goldmark das Wasserwerk von den Engländern und eröffnete eine rege Bautätigkeit. Bis zum Jahr 1877 wurden der 46 Meter hohe Wasserturm mit einem Hochreservoir und Beamtenwohnungen sowie ein Maschinen- und Portierhaus gebaut; dazu kam ein weiterer, wesentlich größerer unterirdischer Wasserbehälter.

Der Turm wurde mit sechs Vollgeschossen als Wasserspeicher und Wohnturm mit zehn Wohnungen für Mitarbeiter im typischen Mauerwerksbau (Stein auf Stein) errichtet. Vom Erdgeschoß bis zur vierten Etage sind bis heute Wohnungen integriert, die durch zwei Treppenhäuser verbunden sind. Die tortenstückartigen Zimmer sind Durchgangsräume, Decken und Wände gewölbt. All dieses macht den besonderen Charme der Wohnungen aus. Zuletzt waren sie vor fünf Jahren saniert und auf modernsten Standart gebracht worden - Vermieter ist die Wohnungsbaugesellschaft WIP.

Im fünften Obergeschoß befindet sich der stählerne Flachbodenringbehälter, in dem das Wasser gespeichert wurde; heute ist er leer. In der Mitte des Turms verläuft der gemauerte Schornstein für die beiden Pumpenhäuser, die unmittelbar neben dem Bauwerk zu finden waren. Im Kamin befinden sich auch Versorgungsleitungen. Eines der Pumpenhäuser beherbergt heute eine Kindertagesstätte.

Schon 1914 wurde die Wasserversorgungsanlage im "dicken Hermann" stillgelegt, das Hochreservoir diente nur noch als Druckanzeiger. Die Wasserbehälter außerhalb erhielten seitliche Zugänge und wurden als Lagerräume genutzt. Das Maschinenhaus I diente 1916 als Kochküche für die städtische Volksspeisung, eine Kriegseinrichtung.

Ein unrühmliches Kapitel wurde 1933 am Wasserturm geschrieben. Von Februar bis Juni dieses Jahres wurden die Maschinenhalle und der große Wasser-Tiefbehälter als "wildes" Konzentrationslager durch die SA der Nationalsozialisten genutzt. Aus den Archiven geht hervor, daß in den Räumen zahlreiche Funktionäre aus der Arbeiterbewegung gefoltert und ermordet wurden. Eine Gedenkmauer zur Knaackstraße hin erinnert heute an die Opfer.

Ab 1935 wurde das Gelände um den Wasserturm zur Grünanlage umgestaltet, das Maschinenhaus I wurde abgerissen und der kleine Wasserspeicher 1940 als Luftschutzkeller genutzt.

Nach der Wende entdeckt in den Jahren ab 1992 die Künstlerszene die unterirdischen Wasserspeicher, und es wird die Gruppe "KrypTonale" gegründet. Es beginnt in Abstimmung mit dem Denkmalschutz und dem Bezirk eine kulturelle Nutzung. Die Räume sind optimal: Der große Wasserspeicher mit Eingang zur Belforter Straße besteht aus fünf Kreisgängen und einem Außenring aus 35, durch Türöffnungen miteinander verbundenen Kammern. Die Außen- und Innenwände sowie die Gewölbe sind aus roten Mauersteinen.

Vor allem Musiker lieben die eigenwillige Akustik im ehemaligen Wasserbehälter mit Echoeffekten und einem Nachhall von bis zu 18 Sekunden. Nachteilig ist, daß sich die Gänge nicht für längere Aufenthalte eignen. Nicht ausreichende Fluchtwege und fehlende Sanitäreinrichtungen lassen nur geringe Besucherzahlen zu.