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Die Berliner Mauer steht überall auf der Welt

Die Mauer muss weg: Darin war sich vor knapp 20 Jahren praktisch ganz Berlin einig. Tatsächlich dauerte es gerade einmal ein Jahr, bis nach der überraschenden Öffnung der Grenze die rund 45 000Betonfertigelemente auf praktisch der gesamten Länge der einstigen Grenze rund um die Stadt abgebaut waren.

Pünktlich zur ersten gesamtdeutschen Bundestagswahl am 2. Dezember 1990 gehörte die Berliner Mauer physisch zur Vergangenheit.

Nur an vier Stellen, an der Niederkirchner- und der Bernauer Straße, dem "Parlament der Bäume" am Reichstag sowie dem nordöstlichen Ende der Liesenstraße stehen in Berlin überhaupt noch Originalelemente. Insgesamt gibt es von den charakteristischen L-förmigen Teilen vom Typ "Grenzmauer 75" kaum noch 300 Stück. Fast genauso viele Mauerteile stehen rund um den Globus in zahlreichen Gedenkstätten, vor Museen oder einfach auf Straßen und Plätzen - als Erinnerung an die überwundene Teilung Berlins, Deutschlands und der Welt. Heute stellt die Stiftung Aufarbeitung das Buch "Die Berliner Mauer in der Welt" vor, das den Überresten des Todesstreifens auf allen fünf Kontinenten nachgeht (BerlinStoryVerlag, 256 S., 19,80 Euro).

Die Mauer in Monaco

Manche wurden an wenig publikumsträchtigen Orten aufgestellt - zum Beispiel drei Mauersegmente, die auf einem Parkplatz des National Army Museum in London stehen. Als die britische Schutzmacht 1994 die wiedervereinigte Hauptstadt verließen, brachten Soldaten einer Transportschwadron sie mit. Mit Graffitis besprüht wurden die Teile erst an ihrem neuen Standort, um sie ansprechender zu gestalten.

Erst auf den dritten Blick kann man das Mauersegment entdecken, dass im Mythen-umrankten Finanz- und Casinoparadies Monaco steht. Beinahe versteckt am Rande des Haupteingangs zum hochmodernen unterirdischen Bahnhof des Fürstentums steht ein Beton-Element. Wie und wann es hierher gekommen ist, können auch die Touristeninformation und die Verwaltung des Fürstentums nicht sagen. Wahrscheinlich ist aber, dass das Element bei der ersten großen Versteigerung von Mauerteilen übrig blieb, die hier im Frühjahr 1990 stattfand. Auffallen dürfte es heute allerdings kaum einem Besucher Monacos mehr.

Ganz anders ist das bei dem Mauerelement, das im portugiesischen Wallfahrtsort Fátima zu sehen ist. Ein in Kaiserslautern ansässiger Portugiese hatte die Idee, fand Unterstützung bei seiner Botschaft und beim letzten DDR-Ministerpräsidenten Lothar de Maizière - und durfte sich freuen, als niemand geringeres als Papst Johannes Paul II. bei einem Besuch in Fátima das Mauerstück offiziell segnete. Heute steht der so gewürdigte Mauerrest in einem eigens errichteten Schrein aus Stein und Glas, vor Unbilden des Wetters geschützt, am Rand der Pilgerstätte. Es ist wohl die Mauergedenkstätte außerhalb Berlins, an der die meisten Berliner vorbeikommen. Jahr für Jahr strömen nämlich fünf Millionen Pilger zur Wallfahrt hierher.

Die sicherlich schönste Installation mit Mauer findet man oberhalb der kalifornischen Stadt Simi Valley im Garten der Ronald Reagan Presidential Library. Hier lagern nicht nur mehr als 50 Millionen Dokumente aus der Amtszeit des 40. US-Präsidenten, sondern auch einige spektakuläre Ausstellungsstücke: ein Nachbau des Oval Office, wie es am letzten Tag seiner Amtszeit 1989 aussah, die alte, ausgemusterte Air Force One, mit der insgesamt fünf US-Präsidenten um die Welt reisten, und eben ein Stück Berliner Mauer. Es wurde im Frühjahr 1990 von dem Berliner Graffiti-Künstler Denis Kaun mit einem Schmetterling bemalt. In der großzügigen Parkanlage wirkt das Mauerstück gerade bei Sonnenuntergang besonders eindrucksvoll.

Wer stiehlt ein Mauerstück?

Eigentlich sind die einzelnen Mauerteile mit 3,60 Meter Höhe, 1,20 Meter Breite und einem Gewicht von 2750 Kilogramm so mächtig, dass sie nicht verloren gehen können. Dennoch ist ein besonders prominentes Stück Mauer buchstäblich verschwunden. Der Berliner Kunstagent Patrice Lux hatte die Idee, dem damaligen US-Präsidenten Bill Clinton bei seinem Staatsbesuch in Berlin 1998 ein Mauerstück zu schenken. Doch weil sich der Zeitplan des Präsidenten verzögerte, kam es nicht zur geplanten offiziellen Übergabe.

Daraufhin ließ Lux das in einem gewaltigen Plexiglas-Container verpackte Element in die USA verschiffen. Die angebliche Affäre Clintons zu seiner Praktikantin Monica Lewinsky ließ das Mauerstück dann in den Hintergrund treten. Als sich die Sponsoren des teuren Transports zurückzogen, stand das Geschenk noch in einem Lagerhaus in Baltimore. Dort verliert sich die Spur des insgesamt sechs Tonnen schweren Geschenks. Bis heute ist es jedenfalls in der Presidential Library von Clinton in Arkansas nicht eingetroffen. Vielleicht ist es einfach gestohlen worden, vielleicht steht es bis heute, versehentlich falsch deklariert, in dem Lagerhaus. Patrice Lux jedenfalls hofft, dass es irgendwann wieder auftaucht und dann doch noch den Weg zu seinem Empfänger findet.