Protest

Erste Eltern wollen Recht auf Bildung vor Gericht einklagen

Unbesetzte Lehrerstellen, kein Budget für den Ersatz von erkrankten Pädagogen, massiver Unterrichtsausfall - den Eltern der Schüler an der Hildegard-Wegscheider-Oberschule in Grunewald reicht es jetzt.

Sie erwägen eine Sammelklage der Elternschaft beim Berliner Verwaltungsgericht gegen das Schulamt des zuständigen Bezirks. Damit wollen sie das Recht ihrer Kinder auf Bildung nach dem Berliner Schulgesetz erzwingen. Offenbar ist das erst der Anfang. Laut Günter Peiritsch, Vorsitzender des Landeselternausschusses (LEA), wird es demnächst wegen der Zustände an den Schulen zu weiteren Elternaktionen kommen.

Insgesamt, so heißt es in einem Schreiben der Gesamtelternvertretung der Wegscheider-Schule an die Eltern, fehlen 76 Stunden, die "in Form von Lehrerstellen zwar beantragt und bewilligt wurden, aber bislang nicht besetzt werden konnten". Dadurch werde es weitere Unterrichtsausfälle geben.

Verschärft werde die Situation durch Krankheitsfälle im Kollegium, die deshalb nicht wie sonst vertreten werden könnten. "Das Personalkosten-Budget der Schule, mit dem die Hildegard-Wegscheider-Oberschule selbst Lehrer oder Referendare kurzfristig an die Schule holen kann, ist so gut wie aufgebraucht, weil das Budget von der Schulverwaltung einfach gestrichen wurde.", heißt es in dem Schreiben der Eltern. Tatsächlich hatte Bildungssenator Jürgen Zöllner (SPD) verlangt, dass die Schulleiter nicht aufgebrauchte Mittel aus dem Budget für Vertretungskräfte an die Senatsverwaltung zurückzahlen sollten.

Um die Klage mit konkreten Fakten zu untermauern, rufen die Elternvertreter jetzt dazu auf, dass jedes Kind aufschreiben soll, wie viel Unterricht ausfällt. Danach solle entschieden werden, ob das Gericht angerufen wird. Eltern anderer Schulen könnten sich dieser Klage anschließen.

Schulleiter Peter Lischka kann die Eltern verstehen. Auch für ihn ist die Situation neu. Er sei immer bestrebt gewesen, am Anfang eines Schuljahres über einen stabilen Stundenplan zu verfügen. Dieses Jahr sei es nicht möglich gewesen. Zwar habe er mittlerweile einen Stundenplan erstellt. "Aber der Unterricht ist immer noch nicht abgedeckt", sagte der Rektor. Die Situation sei kompliziert, sagt Lischka. Das liege zum einen an einem hohen Krankenstand, wodurch allein 60 Stunden nicht abgedeckt seien. Zum anderen befinde er sich noch im Auswahlverfahren für die noch nicht besetzten Stellen. "Es ist noch alles im Fluss", sagte Lischka. Er hoffe auf eine schnelle Entspannung der Situation.

Ein erster Schritt dahin könnte gemacht sein. Die Bildungsverwaltung hat gestern Nachmittag Unterstützung zugesagt. "Die Schulaufsicht hat dem Wegscheider-Gymnasium kurzfristig eine befristete Stelle zugeteilt", sagte Beate Stoffers, Sprecherin von Bildungssenator Zöllner.

Der Landeselternausschuss hat mit den Eltern der Schule Gespräche aufgenommen. " Es ist seit längerer Zeit zu spüren, dass die Eltern nicht mehr bereits sind, die Zustände an den Schulen hinzunehmen", sagte LEA-Vorsitzender Günter Peiritsch. Die Klage sei eine Form, die im juristischen Rahmen liege. Mit Sicherheit komme es aber künftig zu weiteren Aktionen. "Wir stehen den Eltern beratend zur Verfügung", sagte Peiritsch.

Vorlesungen statt Unterricht

Genauso dramatisch wie am Hildegard-Wegscheider-Gymnasium ist die Situation am Goethe-Gymnasium in Lichterfelde. Kunst, Geschichte, Mathematik und Physik werden dort nicht mehr im Unterricht vermittelt, sondern in Form von Vorlesungen. "Zwischen 40 und 50 Schüler sitzen in einer Vorlesung", sagte Schulleiterin Dagmar Porzelt. Knapp 100 Lehrerstunden fehlten ihr am Schuljahresanfang, zwei unbefristete Stellen habe sie mittlerweile bekommen. In dieser Woche habe sie noch Bewerbergespräche. Wenig Hoffnung mache sie sich jedoch für die Fächer Mathematik und Physik.

Auch an Grundschulen gibt es Probleme. Özcan Mutlu, Bildungsexperte der Grünen sagte, dass zahlreiche Schulen das neue Schuljahr mit weniger als 100 Prozent der Ausstattung an Lehrkräften beginnen müssen. "Besonders dramatisch wird sich die Unterversorgung auf die flexible Schuleingangsphase sowie auf das jahrgangsübergreifende Lernen auswirken: Ohne qualifiziertes Personal und eine zuverlässige Personalplanung wird diese Reform scheitern", so Mutlu.